Eines Tages…

Frau Kuhnert schaute ihn mit großen Augen an. Ungläubig wanderte ihr Blick von den ungekämmten Haaren und den Bartstoppeln über das zerschlissene T-Shirt, die viel zu kurzen, ausgefransten Jeans bis zu den Socken. Der linke grell orange und links herum, der rechte geringelt und mit einem enormen Loch am großen Zeh.

„Herr Winter! Ist… ist alles in Ordnung?“ Offensichtlich warf sein Anblick sie völlig aus der Bahn. Er strahlte sie an. „In bester Ordnung, Frau Kuhnert, in bester. Ist der Chef da?“ Frau Kuhnerts Kopf nickte. Er gab ihr keine Zeit, ihn anzumelden, sondern steuerte direkt auf die Bürotür zu. Kurz klopfte er, dann trat er ein.

Wie gewohnt saß der Chef in sein Notizbuch vertieft hinter seinem Mahagoni-Schreibtisch. Als Herr Winter den Raum betrat, sah der Chef auf. Sein Gesichtsausdruck ähnelte verblüffend dem von Frau Kuhnert.

„Winter! Ich grüße Sie.“ Auch der Chef war fassungslos. Wie einfach es doch war, die Leute aus dem Konzept zu bringen. Der Chef fing sich allerdings schneller als seine Vorzimmerdame. „Nehmen Sie doch Platz, Winter.“ Professionell freundlich wies er auf den teuren Ledersessel vor dem Schreibtisch. Herr Winter setzte sich und legte dabei sanft den kleinen weißen Umschlag auf den Tisch, den er wie einen Schatz hierher gebracht hatte. Der Chef schaute erst den Umschlag an, dann Herrn Winter.

„Das ist meine Kündigung.“ Stolz schwang in Herrn Winters Stimme mit, aber auch unbändige Freude. Er musste sich verkneifen, laut loszulachen. Der Chef schaute sich um, so als würde er jemanden suchen. Verunsichert kehrte sein Blick zu dem Umschlag zurück und schließlich zu Herrn Winter. „Winter, das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“

Mit einem breiten Lächeln zeigte Herr Winter seine ungeputzten Zähne. „Genau das ist es. Mein Ernst. Aber zum letzten Mal. Ernst, meine ich. Denn ab sofort will ich mehr Spaß im Leben. Weniger Ernst. Und darum kündige ich.“

„Ach, Winter, jetzt reden Sie nicht solchen Unsinn! Wie sehen Sie überhaupt aus? Das ist doch albern! Nun gehen Sie nach Hause, ziehen sich ordentlich an, machen sich an die Arbeit und wir vergessen die ganze Sache.“

Herr Winter sah ihn an, antwortete aber nicht. Eine Stille entstand. Dem Chef war sie unangenehm. Herr Winter erlöste ihn. „Nein. Das werde ich nicht tun. Bitte nehmen Sie das nicht persönlich. Ich will das alles nicht mehr. Glauben Sie nicht, dass ich total verrückt geworden wäre. Mir ist klar, dass man nicht von Luft und Löchern in den Socken leben kann. So wie bisher kann ich aber auf gar keinen Fall mehr leben. Es muss sich ändern, radikal. Ich weiß noch nicht, was ich morgen mache, aber heute laufe ich in alten Socken durch die Stadt.“

Der Chef sah ihn lange an. Prüfend, direkt in die Augen. Herr Winter hielt dem Blick lächelnd stand. Endlich schlich sich ein Schmunzeln ins Gesicht des Mannes, der nun nicht mehr Winters Chef war.

„Winter, Sie sind… Also, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Entschlossen sind Sie, ganz offensichtlich!“

Herr Winter stand auf, der Chef mit ihm. „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Der Händedruck war fest und ehrlich. Herr Winter freute sich über den Respekt in den Augen des Chefs. Leichtfüßig verließ er das Büro und fasste kaum sein Glück. Heute begann sein neues Leben.

2 Antworten zu “Eines Tages…

  1. Schöne Geschichte. Wohl dem der sich so entscheiden kann.

    Habe Deine Socken Löcher? 😉

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  2. Nein, wenn sie Löcher kriegen, werfe ich sie weg.
    Ich achte aber darauf, möglichst oft ganz ohne Socken rumzulaufen.
    🙂

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