Monatsarchiv: Februar 2024

Aufmunterung der Woche (08/2024)

konditionalsatz

wenn
man
dich
nicht
hört
hast
du
nichts
gesagt

Cenet Weisz (*1959, lebt und arbeitet in Innsbruck)

Eine Aufmunterung, ja, Aufforderung, die eigene Stimme so laut und so lange zu erheben, bis sichergestellt ist, dass sie vernommen wurde.

Aufmunterung der Woche (07/2024)

Am Ufer des Flusses
In den abgeschiedenen Höhen des Himalayas unterrichtete einst eine Zen-Meisterin eine Schar junger Mädchen. Eines Tages machte sie mit ihren Schülerinnen einen Ausflug zu einem großen Fluss. Um das beständige Fließen des Flusses in sich aufzunehmen, setzten sie sich an dessen steiles Ufer. Schweigend blickten sie in die Tiefe und lauschten dem mächtigen Rauschen des Flusses. Doch eine der Schülerinnen wurde ganz blass und fragte schließlich zitternd: „Meisterin, wenn ich nun abrutschen und in den Fluss fallen würde, müsste ich dann ertrinken?“
„Nein“, antwortete die weise Frau. „Du ertrinkst nicht, wenn du in den Fluss fällst. Du ertrinkst nur, wenn du drinbleibst.“ Ein Lächeln breitete sich langsam auf dem Gesicht des Mädchens aus.

entnommen und leicht gekürzt aus: Hanna Milling: Storytelling – Konflikte lösen mit Herz und Verstand, Wolfgang Metzner Verlag, Frankfurt am Main 2016

Aufmunterung der Woche (06/2024)

Im Januar habe ich ein Seminar zum Thema Mimikresonanz besucht. Zum Abschluss des ersten Tages haben wir „Museumstag“ von Maik Baum gehört. Das Lied hat mich tief berührt; hat mich Traurigkeit und gleichzeitig Glück empfinden lassen. Ja, das geht.

Dorfreportage

Vielleicht hätte ich misstrauisch werden sollen, als die Wirtsfrau mich in ihrer düsteren Gaststube fragte, ob ich das Märchen Brüderchen und Schwesterchen kennen würde. In meinem jugendlichen Drang hatte ich auch die Warnung ignoriert, die mir das alte Mütterchen auf der Holzbank neben dem Eingang des baufälligen Gasthofs zuraunte: Da drinnen geht es nicht mit rechten Dingen zu. Oder hätten mir die eingerahmten Fotografien des immer gleichen jungen Mannes, mit denen die Innenwände des Wirtshauses übersät waren, einen Hinweis geben können? Wahrscheinlich nicht. Hinterher ist man immer schlauer.
Ich war so stolz auf meinen ersten echten Auftrag als Reporter für die regionale Tageszeitung. Ich habe noch im Ohr, wie Meyerling, der Chefredakteur, mir den Auftrag in seinem zigarrenrauchschwangeren Büro erteilt hat: Schuster, ich hab da was für Sie, da können Sie sich ausprobieren. Sie haben ja wohl von den Vermisstenfällen in Untergutheim gehört?
Ja, hatte ich. Seit mehreren Jahren waren in der Gegend um den kleinen Ort alle paar Monate junge Männer spurlos verschwunden. Die Polizei tappte völlig im Dunkeln. Keine Leichen, keine Zeugen, keine Anhaltspunkte. Meyerling warf mir einen verschwörerischen Blick zu: Seit letzter Woche fehlt wieder einer. Ein Vertreter auf Durchreise. Ist aber noch nicht offiziell. Polizeidirektor Kuhne hat’s mir gesteckt.
Meyerling fuhr fort: Außerdem gibt es laut Kuhne Hinweise, dass die Vermisstenserie schon viel länger zurückreicht als bisher dokumentiert. Könnte sein, dass das schon kurz nach dem Krieg angefangen hat. Wenn da was dran ist, Schuster, das wäre die Story! Sie setzen sich in den nächsten Zug, fahren da hin und recherchieren vor Ort. Befragen Sie die Leute, vor allem die älteren und die Geschäftsleute: den Metzger, den Bäcker, den Wirt. Die wissen bestimmt was. Die wissen immer was. Kommen Sie erst zurück, wenn Sie einen echten Reißer haben, Schuster. Ich verlasse mich auf Sie.
Ich verlasse mich auf Sie, das waren seine letzten Worte an mich. Gesprochen vor acht Tagen – oder sind es schon neun? Die Tage kommen und gehen, es ist schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Sie erinnern mich an meinen Bruder, hatte die Wirtsfrau gesagt, als sie mir das Gläschen Schnaps aufs Haus anbot nach dem herzhaften Braten. An mein Brüderchen, mein Brüderchen, das ich an den Krieg verloren habe, sagte sie noch. Das schmeckt gar nicht wie Schnaps, sondern wie frisches Quellwasser, dachte ich, dann wurde mir schwindelig. Mein Brüderchen, mein Brüderchen… Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, hörte ich noch die Stimme der Wirtsfrau. Dann war alles schwarz.
Als ich wieder aufwachte, lag ich auf weichem Gras. Der Mond schien, es duftete nach Heu und mir war gar nicht kalt. Ich hob den Kopf, ein wenig schummrig war mir noch, da legte ich ihn bald zurück zwischen meine Vorderbeine und schlief wieder ein. Erneut geweckt wurde ich von einem Stupsen, einem sanften Stupsen und Lecken. Ich erschrak aber nicht, schaute auf und neben mir stand ein junger Rehbock. Schaute mich neugierig an mit seinen braunen Augen, stupste und leckte freundlich meinen Rücken. Ich stand auf, war erst ein wenig wackelig auf meinen vier Beinen, aber schnell stand ich fest. Guten Morgen, sagte der Rehbock. Mein Name ist Gerhard, früher war ich Vertreter für Staubsauger. Und wer bist du?

Aufmunterung der Woche (05/2024) – frei nach Fontane

Der Titel und die ersten vier Zeilen sind von Theodor Fontane. Der Rest von mir.

Was mir gefällt

Du fragst: ob mir in dieser Welt
Überhaupt noch was gefällt?
Du fragst es und lächelst spöttisch dabei.
Lieber Freund, mir gefällt noch allerlei:

Ein Spaziergang im Wald in milder Luft,
Vom frisch gebrühten Kaffee der intensive Duft.
Ein Abend auf der Couch mit meinem Schatz,
vor meinem Fenster der aufgeplusterte Spatz.
Am Wochenende in einem Buch versinken,
zum Essen ein feines Gläschen trinken.
Vom Spielplatz das unbeschwerte Kinderlachen,
rote Beeren, Schokolade und andre süße Sachen.
Zur Musik im Radio hüpfen und laut singen,
einen Tag im Schlafanzug verbringen.
Ein lauer Sommerabend auf dem Balkon,
eine Schreibwerkstatt voll Spaß und Inspiration.

Es gibt noch tausend Dinge mehr.
Allein, das Dichten fällt mir schwer.
Mein Freund, hast nun schon viel erfahren,
Ganz schlechte Verse will ich dir ersparen.