Autorin der Woche (37/2021)

Sharon Dodua Otoo wurde 1972 in London geboren, studierte unter anderem Deutsch, lebt seit langem mit ihrer Familie in Berlin und schreibt auch auf Deutsch. Sie gehört zum illustren Kreis der Autorinnen, die den Bachmannpreis nicht nur gewonnen, sondern ihren Siegertext auch beim Erlanger Poetenfest präsentiert haben (2016, „Herr Gröttrup setzt sich hin“).

Dieses Jahr kam Sharon Dodua Otoo wieder, am Abschlusstag, und stellte ihren ersten Roman vor: „Adas Raum“. Ada ist nicht eine, sondern vier Frauen, sie leben in verschiedenen Jahrhunderten, in verschiedenen Ländern. Ihnen begegnen Unterdrückung, Zwang und Rassismus. Sie leisten Widerstand, kämpfen für ihre Unabhängigkeit und ihr Glück. Otoo trennt die Orte und Zeiten der vier Adas nicht streng, sondern verwebt deren Schicksale in eine große Weltgeschichte.

Otoo erzählt mutig: inhaltlich, weil sie kein Leid verschweigt, und schriftstellerisch, weil sie ungewöhnlicher Perspektiven wählt, so beispielsweise die eines Türklopfers oder eines Reisepasses. Und auch das Frühstücksei aus „Herr Gröttrup setzt sich hin“ tritt wieder in Erscheinung.

Autorin der Woche (36/2021)

Meine nächste Station beim Erlanger Poetenfest 2021 war Samstag um 17.00 Uhr die Villa an der Schwabach in der Hindenburgstraße. Dort las Jenny Erpenbeck aus ihrem neuen Roman „Kairos“. Darin begegnen sich eine junge Frau und ein deutlich älterer verheirateter Mann und gehen eine Liebesbeziehung ein, die durch das Beschwören ihrer Schicksalshaftigkeit totalitäre Züge annimmt. Diese Liebe beginnt 1986 in Ostberlin und wir begleiten sie bis Anfang der 1990er Jahre – und so spiegelt diese intensive und aufwühlende Liebe auch die Zeitenwende und den Niedergang der DDR.

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ostberlin geboren und ist eine kunstvolle Erzählerin mit starker Stimme. Vor einigen Jahren hat mich bereits ihr Roman „Aller Tage Abend“ begeistert. Nun freue ich mich auf Kairos!

Autorin der Woche (35/2021)

Mein Erlanger Poetenfest 2021 begann letzte Woche Samstagnachmittag im Innenhof des Stadtmuseums. Ich saß auf meinem reservierten Platz, die nahe Kirchturmuhr schlug 2 Uhr und die Sonne kam hinter den Wolken hervor. Ein wohliges Glücksgefühl durchströmte mich und da betraten Dana Grigorcea und Dirk Kruse auch schon gut gelaunt die Bühne.

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren und lebt seit längerer Zeit in der Schweiz. 2015 hatte ich Grigorcea bereits beim Poetenfest gehört; ihren damals vorgestellten Roman habe ich jedoch nicht gelesen. Das wird beim aktuellen Buch „Die nicht sterben“ anders sein, denn ich habe es direkt im Anschluss an die Lesung am Büchertisch gekauft. Es geht um Vampire und Populismus, um Filterblasen und die Familiengruft und die guten alten Zeiten, denen nachgetrauert wird. Ein Kritiker schrieb, Grigorcea habe ein neues Genre geschaffen: den politischen Schauerroman. Ich bin gespannt!

Autorin der Woche (34/2021)

Das Erlanger Poetenfest 2021 läuft und für heute und morgen habe ich Karten. Hoffentlich meinen es die Wettergötter gut, denn fast alle Veranstaltungen finden im Freien statt, auch bei Regen. Von meinen diesjährigen Eindrücken werde ich natürlich berichten.

Zuvor jedoch zurück ins Jahr 2015, in dem Nora Gomringer den Bachmann-Preis gewonnen und mich mit der Präsentation des Siegertextes begeistert hat. Gomringer schreibt nicht nur eindrücklich und punktgenau, sie ist auch eine hervorragende Performerin. Das beweist sie zum Beispiel in „Du baust einen Tisch“. Ein einfacher Tisch, in dem so viel Wut und Schmerz stecken.

Autorin der Woche (33/2021)

2018 stellte Kristine Bilkau ihren Roman „Eine Liebe, in Gedanken“ beim Poetenfest vor. Von der Lesung begeistert kaufte ich mir im Anschluss das Buch und wurde nicht enttäuscht. Eine bewegende Liebesgeschichte in den 1960er Jahren und eine einfühlsame Spurensuche viele Jahre später haben mich berührt. Wenn ich meinen Kopf ein kleines Stück nach rechts wende, sehe ich das Buch im Regal stehen, übrigens direkt neben Tante Martl. Vielleicht sollte ich es bald für ein zweites Lesen in die Hand nehmen…

Autorin der Woche (32/2021)

Ursula März ist beim Erlanger Poetenfest so etwas wie eine Lokalmatadorin, denn sie wurde 1957 in Herzogenaurach geboren und legte später in Erlangen ihr Abitur ab. Zweimal habe ich sie bereits beim Poetenfest erlebt (2015 und 2019).

2019 stellte sie ihren ersten Roman vor. In „Tante Martl“ erzählt von Ursula März von ihrer Patentante, der Schwester ihrer Mutter, zu der sie eine enge Bindung hatte. In einem kurzen Interview mit dem BR erfahren wir ein wenig mehr von der Familienkonstellation und auch, warum März diesen Roman erst schreiben konnte, als keine der Hauptpersonen mehr am Leben war.

Autorin der Woche (31/2021)

Tanja Maljartschuk kommt ebenso wie Marjana Gaponenko aus der Ukraine. Maljartschuk wurde 1983 geboren, studierte Philologie, arbeitete einige Jahre als Journalistin in Kiew und emigrierte 2011 nach Wien. 2018 gewann sie den Bachmann-Preis und präsentierte den Siegertext „Frösche im Meer“ auf dem Poetenfest.

Gekauft habe ich damals ihren 2013 erschienenen Roman „Biografie eines zufälligen Wunders“. Die Protagonistin Lena wächst auf und lebt in der Ukraine. Das sowjetische Regime ist längst Vergangenheit, dennoch ist das Land voll von staatlicher Willkür, immenser Ungerechtigkeit und bitterer Schicksale. Aber Lena lehnt sich dagegen auf, schon als Kind. Sie will helfen: der russischsprechenden Kindergartentante, der unterdrückten Schulfreundin, den gequälten Straßenhunden ihrer Heimatstadt, der unglücklich verliebten Kommilitonin. Und dann jagt sie noch einer wundersamen Erscheinung nach: einer Frau mit buntem Kopftuch, die fliegen kann und Menschen aus Todesnot rettet. Maljartschuk erzählt Lenas Geschichte gekonnt mit Humor und Ironie, so dass selbst die grausamsten Wahrheiten leichtfüßig daher kommen.

Autorin der Woche (30/2021)

Beim Poetenfest 2012 war Marjana Gaponenko zu Gast. Sie stellte ihren damals neu erschienenen Roman „Wer ist Martha?“ vor. Vom Vortrag begeistert habe ich mir das Buch gekauft, inzwischen zweimal gelesen und ein drittes Mal möchte ich nicht ausschließen… oder vielleicht lieber eins ihrer anderen Bücher?

Hier mein damaliger Blogeintrag zu „Wer ist Martha?“:

Ein 96-jähriger krebskranker Ornithologe als Protagonist? Regt mich persönlich nicht unbedingt zum Kauf eines Buches an. Die Autorin ist eine ca. 30-jährige Ukrainerin (geboren 1981 in Odessa), die auf Deutsch schreibt? Da wird die Sache schon spannender!

Letztendlich überzeugt hat mich Marjana Gaponenkos Vortrag beim Erlanger Poetenfest 2012. Dort hat sie den sterbenden Vogelkundler Luka Lewadski auf charmante Weise zum Leben erweckt. Eigenbrötlerisch, verschroben und sympathisch ist er. Die Geschichte ist feinfühlig und skurril; teil surrealistisch, wenn sie zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt. Die fließend leichte Sprache lädt ein, mit auf Lewadskis letzte Reise zu gehen. Es lohnt sich, diese Einladung anzunehmen!

Autorin der Woche (29/2021)

Michael Köhlmeier habe ich zuerst durch seine knapp 15-minütigen Erzählungen von Sagen des klassischen Altertums auf BR-alpha (heute: ARD-alpha) kennengelernt. Mit einer wunderbar musikalischen Stimme und faszinierender Erzählkraft erweckt er Götter, Könige und Ungeheurer zu neuem Leben. Ebenso fesselnd erzählt Köhlmeier Märchen aus aller Welt auf ARD-alpha.

Erst später habe ich gelernt, dass Köhlmeier auch Bücher schreibt, und zwar sehr gute; gelesen habe ich bisher „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ und „Madalyn“. Beim Poetenfest 2017 kam er Sonntagabend zum Autorenporträt ins Markgrafentheater – ein krönender Abschluss damals.

Seit 1981 ist Köhlmeier mit Monika Helfer verheiratet, sie leben in Vorarlberg und Wien.

Autorin der Woche (28/2021)

Die Chancen stehen gut, dass es ein Erlanger Poetenfest 2021 geben wird und der Zeitpunkt steht fest: 26.-31. August. In welcher Form es stattfinden wird, ist noch nicht bekannt. An für alle frei zugängliche Lesenachmittage im Schlossgarten kann ich nicht glauben; vielleicht wird es ähnliche Formate geben wie im letzten Jahr: Lesungen für bis zu 100 Zuschauer, mit Tickets und festen Sitzplätzen.

Zur Einstimmung stelle ich in den nächsten Wochen Autorinnen und Autoren vor, die ich beim Erlanger Poetenfest erleben durfte – und vielleicht ist die eine oder der andere in diesem Jahr wieder mit von der Partie. Den Anfang macht Monika Helfer, die 2020 ihren Familienroman „Die Bagage“ vorgestellt hat. Hier ein Auszug meines Blogeintrags dazu:

Monika Helfer erzählt in „Die Bagage“ die Geschichte ihrer Großeltern, die als Außenseiter in einem Dorf in Vorarlberg leben. Als 1914 der Großvater Josef zum Kriegsdienst eingezogen wird, bleibt die schöne Großmutter Maria mit den Kindern zurück und ist der Lust der Männer und dem Argwohn der Frauen ausgesetzt. Und dann wird Maria schwanger, mit der Mutter der Autorin… Der Roman ist (auto)biographisch inspiriert, enthält jedoch auch fiktive Elemente und Figuren. Monika Helfers lakonischer Stil gibt den Lesenden Raum und zieht sie gleichzeitig in seinen Bann.

Monika Helfer schreibt sich weiter durch ihre Familiengeschichte; Anfang des Jahres erschienen: „Vati“.