Lyrik der Woche (21/2019)

Im Mai lässt es sich gut verlieben. Doch nicht immer kann eine Liebe glücklich machen. Else Lasker-Schüler hat ein Liebesgedicht voller Melancholie geschrieben.

Maienregen

Du hast deine warme Seele
Um mein verwittertes Herz geschlungen,
Und all seine dunklen Töne
Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen
Mit seiner wilden Wunde,
Und wunschlos in deinem Arme
Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,
Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –
Als fiele ein Maienregen
Auf meinen greisen Traum.

Lyrik der Woche (20/2019)

Heute Teil 3 der kleinen Mai-Reihe. Offensichtlich ist der Mai sehr gut geeignet, sich zu verlieben und dies auch zu mitzuteilen. Jedenfalls laut Heinrich Heine.

Im wunderschönen Monat Mai

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Vertont von Robert Schumann. Diese Version bringt nur die Melodie, für alle, die auf klassische Karaoke stehen:

Oma Kramer kocht Eintopf

… und führt dabei einen inneren Dialog:

Wenn du das machst und Peter kommt dahinter! Was glaubst du, was dann los ist? Er wird nie mehr zum Essen kommen. Vielleicht kommt er gar nie mehr! Ach was… Erstens: Früher waren Wiener Würstchen Peters Lieblingsessen. Jeden Tag hat er die gewollt. Und zweitens: Wie soll er denn dahinter kommen? Ich sage, ich hätte extra diese Veganier-Würstchen für den Eintopf gekauft. Angeblich schmecken die doch genauso wie Fleisch. Also kann er es gar nicht merken… Und wenn Svenja was merkt? Die isst schon seit Jahren kein Fleisch mehr. Vielleicht riecht die das, wenn die Wiener im Eintopf sind… Ach, Svenja! Die hat dem Peter die Flausen überhaupt erst in den Kopf gesetzt! Von wegen „der Regenwald“ und „die Eisbären“. Möchte mal wissen, was die Wiener Würstchen vom Metzger Schulte mit dem Regenwald und den Eisbären zu tun haben sollen… Aber da war ja neulich abends was im Zweiten… Es werden immer mehr Bäume gefällt, weil die immer mehr Futter für die vielen Rinder anbauen müssen… Aber die Wiener sind ja vom Schwein, nicht vom Rind. Und der alte Huber-Bauer, von dem der Metzger Schulte sein Fleisch kriegt, der hat sicher noch nie im Leben einen einzigen Baum gefällt. Fleisch enthält Eiweiß und Vitamine. Das ist gesund und wichtig! Grade für einen Jungen wie Peter, wo er doch als Kind so oft krank war. Immer der Kleinste in der Klasse, blass und häufig erkältet… Aber seit er mit Svenja zusammen ist, sieht er richtig gut aus. Rosige Wangen und ein bisschen zugenommen hat er auch. Nur die langen Haare und der Bart, die bräuchte es meinetwegen nicht… Dahinter steckt bestimmt auch Svenja. Wahrscheinlich ist es schädlich für die Eisbären, wenn man zum Friseur geht und sich regelmäßig rasiert… Unsinn… Eins muss man der Svenja lassen. Die tritt ein für ihre Überzeugungen. Die engagiert sich! Wie sie erzählt hat von Afrika, wo sie den Brunnen und die Schule mitgebaut hat. Und jetzt hat sie diese Bienenvölker und erklärt den Schulklassen wie das ist, mit den Bienen und den Blumen… hihi… Du albernes altes Ding! Na, ein bisschen Spaß muss sein… Aber im Ernst: die Svenja, die tut dem Peter gut! Viel besser als die Wiener Würstchen. Das weißt du ganz genau! Ja, ja,… ich mach den Eintopf veganisch. Aber was ist mit den Wienern? Ach, die ess ich dann abends zum Tatort… oder gibt’s heut den Polizeiruf?

Lyrik der Woche (19/2019)

Auch Herrn Goethe hat der Mai verzückt. Vermutlich im Mai 1771 schrieb er das „Mailied“. Laut Wikipedia gilt es als Goethes erstes bedeutsames Gedicht. Hier die ersten drei Strophen.

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust!

Häufig ist das Mailied vertont worden, so von Ludwig van Beethoven.

Lyrik der Woche (18/2019)

Der Mai ist vielbesungen. Auch Rose Ausländer hat ihm ein Gedicht geschrieben.

Mai

Mit Maiglöckchen
läutet das junge Jahr
seinen Duft

Der Flieder erwacht
aus Liebe zur Sonne
Bäume erfinden wieder ihr Laub
und führen Gespräche

Wolken umarmen die Erde
mit silbernem Wasser
da wächst alles besser

Schön ist’s im Heu zu träumen
dem Glück der Vögel zu lauschen

Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder

Ja es ist Zeit
sich zu öffnen
allen ein Freund zu sein
das Leben zu rühmen

Wandersaisoneröffnung, Beitrag 2 von 2: Partizip-Gedicht

Wanderung

geplaudert
gestolpert
geflucht
gescherzt
geschwitzt
gejapst
gestaunt
gerastet
gelacht
genossen
geschafft

Wandersaisoneröffnung, Beitrag 1 von 2: Mützenleben

Ich bin eine Schirmmütze, haselnussbrauner Baumwollmix. Auf meiner Vorderseite sind weiße und goldfarbene Glitzersteinchen aufgeklebt. Damit mache ich bei Sonnenschein eine besonders gute Figur.

Meine Trägerin setzt mich oft zu Spaziergängen und Wanderungen auf. So bekomme ich viel zu sehen: Bäume, Blumen, Berge, Meer, blauen Himmel, weiße Wolken. Führt der Weg durch schattigen Wald oder ist der Himmel bedeckt, zeigt mein Schirm meist nach hinten. Wie anders die Welt dann aussieht, das ist schon erstaunlich! Bei stechender Sonne oder leichtem Regen spende ich meiner Trägerin Schutz, auch bei frischem Wind leiste ich zuverlässig Dienst.

Manchmal werde ich unterwegs abgenommen und liege während einer Rast auf Rasen, Steinen, Erde oder Sand. Wenn dann Käfer oder kleine Spinnen über mich klettern, bin ich nicht begeistert; die gehören nicht zu mir! Vergessen wurde ich zum Glück noch nie. Nach der Pause werde ich geschüttelt, wieder aufgesetzt, weiter geht’s.

Ab und zu werde ich gewaschen, von Hand, im Waschbecken. Ein klein wenig bin ich dann in Sorge um meine Glitzersteinchen… Meine Trägerin ist glücklicherweise sorgsam, tupft mich nach dem Seifenbad vorsichtig ab und lässt mich an luftiger Stelle trocknen. Ich fühle mich dann sauber und entspannt und schlummere dahin, bis ich wieder aufgesetzt werde und eine neue Tour beginnt.