Malerei der Woche (03/2022)

Die Gemälde von Hieronymus Bosch erzählen Geschichten – von einer zumeist düsteren Welt. Schuld und Sünde, Fegefeuer und Hölle sind seine Themen. Dämonen und andere phantastische Wesen bevölkern seine Werke, so auch den Heuwagen Triptychon. Auf der Mitteltafel tummeln sich Adlige, Geistliche, Händler, Bauern, Bettler. Idyllisch geht es nicht zu. Die Menschen streben maßlos nach Besitz und Vergnügung, sind streitsüchtig und eitel. Da kann selbst der auferstandene Jesus im Himmel nur ratlos zusehen…

Malerei der Woche (02/2022)

Albrecht Dürers Selbstbildnis von 1500 zeugt in mehrerlei Hinsicht von einem neuen Selbstverständnis der Künstler der Renaissance. Das Gemälde trägt Datierung, Monogramm und eine Beschreibung des Dargestellten in der Gelehrtensprache Latein. Dürer blickt dem Betrachter selbstbewusst in die Augen, die Züge sind christusähnlich idealisiert, der fellbesetzte Mantelkragen zeigt den Wohlstand des Malers.

Dürer formuliert in diesem Werk das künstlerische Programm des 16. Jahrhunderts: Schöpferische Freiheit und Künstlerstolz.

Malerei der Woche (01/2022)

Dass ich mich mit Malerei gut auskenne, würde ich nie behaupten. Dass es aber viele Gemälde gibt, die mich faszinieren – allerdings! Eine besonders spannende Epoche ist für mich die Renaissance. Ausgehend von Italien war sie im 16. Jahrhundert auch nördlich der Alpen bestimmend.

Das durch den Humanismus geweckte Interesse an Wissenschaft und weltlichen Themen, das Streben nach einer realistischen Darstellung von Perspektive, Form und Farbe, die Wiederentdeckung der geistigen und künstlerischen Errungenschaften der Antike prägen die Werke der Renaissance. Sie ist Ausdruck eines neuen Lebensgefühls, einer Zeit des Aufbruchs in einer sich schnell entwickelnden Zivilisation auf der Schwelle zur Moderne.

2022 bringe ich jede Woche ein Gemälde der Renaissance – deren Geisteshaltung uns auch heute noch inspirieren und beflügeln kann.

Kaum ein anderes Gemälde wäre passender als Auftakt: „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli, entstanden um 1485/86. Die anmutige Göttin der Liebe wird kraftvoll und sanft zugleich auf ihrer Muschel an ein grün bewaldetes Ufer getrieben und von einer Nymphe willkommen geheißen. Für mich steht dieses Bild für einen verheißungsvollen Beginn und freudvollen Tatendrang.

Autorin der Woche (52/2021)

Das Jahr geht zu Ende und zum Schluss gibt es viele Autorinnen auf einmal. Mit „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“ (2013 als Taschenbuch erschienen) haben Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter eine wunderbare Sammlung von Autorinnenporträts geschrieben und veröffentlicht. Ein abwechslungsreicher Band, den ich immer einmal wieder gerne zur Hand nehme, nicht zuletzt in diesem Jahr als Inspirations- und Informationsquelle für meine Autorinnen der Woche.

Seit Oktober gibt es eine Neuauflage, mit zumindest teilweise neuen Porträts und in Summe einem mehr: „100 Autorinnen in Porträts“. Damit sind gute Leseanregungen fürs nächste Jahr gesichert – und ich kann mich in meiner „… der Woche“-Kategorie einem anderen Sujet zuwenden.

Wünsche allen einen guten Start ins neue Jahr!

Autorin der Woche (51/2021)

Weihnachten ist eine gute Zeit für Märchen. Viele der Märchen, die mich immer noch tief berühren, stammen von Hans Christian Andersen (1805-1875). „Das hässliche junge Entlein“, „Die kleine Seejungfrau“, „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ sind nur drei davon.

Was macht diese Märchen aus? Sie erzählen von den tiefen Sehnsüchten: nach Liebe, Geborgenheit, Angenommen-Sein. Sie erzählen vom Kummer und der Mühsal auf der Suche danach. Wir kommen den HeldInnen dabei ganz nah, leiden und hoffen mit ihnen – und das umso mehr, weil es bei Andersen selten ein gezuckertes Ende gibt.

Autorin der Woche (50/2021)

Die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová (1820-1862) hat mit „Die Großmutter“ („Babička“) einen der populärsten tschechischen Romane verfasst. Hierzulande ist Němcovás Name eher nicht geläufig, aber eines ihrer Werke ist wohlbekannt: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ („Tři oříšky pro Popelku“).

Noch immer läuft die tschechisch-ostdeutsche Verfilmung von 1975 zu Weihnachten in der ARD. Schon als Kind habe ich dieses Aschenbrödel bewundert und geliebt, habe mit ihr gebangt und gejubelt. Und auch dieses Jahr werde ich mir Zeit für diesen wunderbar gelungenen Herzenswärmer und Seelenstreichler nehmen.

Die Verfilmung weicht anscheinend an vielen Stellen stark von Němcovás Vorlage ab, was ja nicht ungewöhnlich ist. Da ich das Märchen nie gelesen, sondern nur den Film gesehen habe, weiß ich nicht, wie gut mir der Text gefallen würde. Doch dafür, dass Němcová die Filmemacher damals inspiriert hat, bedanke ich mich ganz herzlich bei ihr. 🙂

Autorin der Woche (49/2021)

In diesem Jahr geht nur ein Nobelpreis an eine Frau. Die philippinische Journalistin Maria Ressa erhält (zusammen mit ihrem russischen Kollegen Dmitrij Muratow) den Friedensnobelpreis.

Ressa war 20 Jahre lang leitende Investigativreporterin bei CNN in Südostasien und gründete 2012 mit Kollegen das Online-Nachrichtenportal Rappler, das u.a. Lügen und Menschenrechtsverletzungen des philippinischen Präsidenten Duterte anprangert. Ressa zahlt den Preis: Morddrohungen, Verhaftungen und allgemein immer schwerer werdende Arbeitsbedingungen.

Ressa und Muratow bekommen den Preis für ihre Bemühungen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und dauerhaften Frieden sei, sagte die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen, bei der Bekanntgabe im Oktober in Oslo.

Autorin der Woche (48/2021)

Am 27. November, also letzte Woche Samstag, starb die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes im Alter von 61 Jahren an Krebs. Ihr erster Roman „Lulú“ erschien 1989 und wurde in 20 Sprachen übersetzt. Seit 2003 schrieb sie eine wöchentliche Kolumne in der spanischen Tageszeitung El País. Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.

Vor einigen Jahren habe ich „Das gefrorene Herz“ gelesen (erschienen 2009). Ein über 900 Seiten starker Gesellschafts- und Liebesroman, der das Schicksal zweier Familien vom Spanischen Bürgerkrieg und Franco-Diktatur bis in die Gegenwart erzählt. Bei den deutschsprachigen Rezensenten kam das Buch eher mäßig an – zu breit, zu wenig tief, zu viele Klischees, zu viel Herzschmerz. Diese Kritik kann ich ein Stück weit nachvollziehen, dennoch fand ich die Geschichte reizvoll und lesenswert.

Die Süddeutsche Zeitung hat einen interessanten Nachruf auf Almudena Grandes veröffentlicht.

Autorin der Woche (47/2021)

Die US-Amerikanerin Susan Sontag (1933-2004) ist vor allem für ihre Essays (von denen ich ehrlicherweise noch keines gelesen habe) sowie ihr politisches und gesellschaftliches Engagement bekannt. Kurzgeschichten hat sie nur wenige geschrieben. Im Sammelband „Wie wir jetzt leben“ sind fünf davon zu finden, zwei haben mir besonders gut gefallen.

Der Text „Wie wir jetzt leben“ erschien erstmals im November 1986 im New Yorker. Darin hören wir die Stimmen von Freunden und Bekannten eines an Aids Erkrankten. Sie sorgen und sie kümmern sich, sie meinen es ausschließlich gut mit dem Freund und ziehen doch gleichzeitig eine Linie zwischen „ihm“ und „uns“ – um die eigene Furcht vor der Epidemie von sich fernzuhalten.

In „Wallfahrt“ erzählt Sontag, wie sie als Vierzehnjährige gemeinsam mit einem Schulfreund Thomas Mann in seinem kalifornischen Exil besucht. Sie bewundert Mann damals fast wie eine Gottheit, vor allem für dessen „Zauberberg“. Erst vierzig Jahre später schreibt Sontag die Geschichte dieser Begegnung auf, die sie als peinlich und beschämend banal empfindet. Manchmal ist es wohl besser, wenn Idole Idole bleiben und nicht zu Menschen werden.

Autorin der Woche (46/2021)

2009 erhielt Elizabeth Strout den Pulitzerpreis für ihren Roman „Olive Kitteridge“ (dt. „Mit Blick aufs Meer“). Die Titelfigur ist pensionierte Mathematiklehrerin, der Ort die fiktive Kleinstadt Crosby in Maine. Dort entspinnt Strout um Olive herum ein fein verwobenes Universum aus Schicksal, Glück und Tragik, aus Sehnsüchten und Unzulänglichkeiten, aus inneren und äußeren Kämpfen, die mal gewonnen, mal verloren werden.

Meisterhaft verbindet Strout die episodenhaften Kapitel, präzise beobachtet sie Motive und Emotionen und rührt dabei immer wieder ans Herz der LeserIn – aber kitschig wird es nie. Die Fortsetzung „Olive, Again“ (dt. „Die langen Abende“) steht auf meiner mentalen Leseliste.