Lyrik der Woche (38/2019)

Lektion für diese Woche: Wir sehen der dunklen Jahreszeit gelassen entgegen. Unsere Trainerin: Annette von Droste-Hülshoff. Kursinhalt: Strophen 2 und 3 ihres Gedichtes „Herbst“.

Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethystnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk ich wenig drüber nach,
Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschloßnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.

Lyrik der Woche (37/2019)

Wunderbar ist er, der spätsommerliche Frühherbst!

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel

Mein Erlanger Poetenfest 2019

Die Vorfreude auf den kulturellen Höhepunkt des Jahres wandelt sich für mich in reines Glücksempfinden, wenn ich am letzten Samstag im August den Erlanger Schlossgarten am hinteren Eingang betrete und in Richtung Hauptpodium schlendere. In der Luft liegt der Duft von Bratwürsten, Spätsommer und Kaffee (eine erstaunlich harmonische Mischung) und der Klang von experimenteller, ätherisch anmutender Musik. Wenn das Wetter so warm ist wie dieses Jahr, lege ich meine grüne Kuscheldecke nahe eines Lautsprechers auf den Boden und lasse mich nieder. Mein Blick streift versonnen über die gut besetzten Bänke, die aufgespannten Sonnenschirme und die Blätter der mächtigen Linden und Eichen. Ich blättere im Programm, schaue nochmal nach, wer als erstes lesen wird. Und schon betritt Hajo Steinert die Bühne und eröffnet den ersten von zwei herrlich entspannten Lesenachmittagen. Juchhe!

Meine Highlights dieses Mal:

Gertraud Klemm, Hippocampus: Helene Schulz, eine vergessene feministische Autorin, wird postum als Kandidatin für den Deutschen Buchpreis gehandelt. Ihre Freundin Elvira Katzenschlager will Helenes verzerrte Biografie gerade rücken. Dabei werden Elviras Aktionen immer gewagter, gar kriminell, sie begibt sich auf einen Kreuzzug gegen Sexismus und Heuchelei. Gertraud Klemm nimmt kein Blatt vor den Mund (an einer Stelle ihrer Lesung warnt sie vor: es könnten Fäkalausdrücke fallen), um Spießertum und Scheinheiligkeit zu entlarven.

Ursula März, Tante Martl: Mein persönlicher Favorit; das Werk steht zum Lesen bereit im Regal. In ihrem ersten Roman porträtiert Ursula März ihre Patentante Martina, geboren 1925, die nach Wunsch des Vaters ein Martin hätte sein sollen, denn zwei Töchter waren schon da, nun war es Zeit für einen Sohn. Einfühlsam und mit feinem Humor erzählt Ursula März von ihrer scheinbar unscheinbaren Tante Martl. Ich freu mich drauf!

Burkhard Spinnen, Rückwind: Hartmut Trössner ist ein erfolgreicher Windenergieunternehmer, mit großartiger Frau und kleinem Sohn. Er hat alles, bis er eines Tages alles verliert: Unternehmen, Familie, Haus. Nach dem Aufenthalt in einer Klinik steigt er in einen Zug nach Berlin. Bei ihm ist sein nur für ihn hörbares Alter Ego, das sich ihm als Überlebenstrainer vorstellt. Im Zug trifft Hartmut Trössner auf eine junge Frau, der er sein Leben erzählt.

Christiane Neudecker, Der Gott der Stadt: Ehrgeizige Schauspielschüler sollen im kurz-nach-der-Wende-Berlin ein unbekanntes Faust-Fragment des 1912 in der Havel ertrunkenen Georg Heym auf die Bühne bringen. (Mindestens) einer der Schauspielschüler wird nicht überleben. Geheimnisvolle Atmosphäre verheißend, gekonnt geschrieben und fesselnd vorgetragen. Am Büchertisch bereits vergriffen, aber auf meiner mentalen Einkaufsliste.

Jaroslav Rudiš, Winterbergs letzte Reise: Der 99-jährige sudetendeutsche Winterberg macht sich mit seinem tschechischen Krankenpfleger auf den Weg von Berlin nach Sarajevo. Mit dem Zug, im Gepäck der Baedeker-Reiseführer für Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913. Man ahnt schnell, dass dies keine Expresszugreise wird, die Lesung von Jaroslav Rudiš hatte allerdings enorm viel Schwung, Humor und einen wunderbaren tschechischen Akzent.

Lyrik der Woche (36/2019)

Mit Friedrich Hebbel haben wir uns letzte Woche vom Sommer verabschiedet, aber keine Furcht! Der Herbst wird in Schönheit leuchten! So wie der Septembermorgen von Eduard Mörike.

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt.
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt.
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Lyrik der Woche (35/2019)

Der meteorologische Sommer endet am Sonntag. Vom Ende des Sommers und der dazugehörigen Wehmut erzählt Friedrich Hebbels „Sommerbild“.

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Lyrik der Woche (34/2019)

Die Lyrik dieser Woche kommt nicht von verdienten Dichtern, sondern von vielen fröhlichen Kindern auf dem Spielplatz direkt vor unserer Haustür. Zu vernehmen hautsächlich vom Karussell, aber auch schon mal von der Schaukel, so wie heute am frühen Abend von einem glucksenden Jungen.

Die Lyrik der Woche lautet kurz und bündig:

Schneller
Propeller

🙂

Lyrik der Woche (33/2019)

Im Wald ist es weniger einsam als man denken könnte. Theodor Storm traf letzte Woche auf die Waldeskönigin. Auch dem Mädchen in meiner Geschichte „Die Lichtung“ steht eine Begegnung bevor. Und mit wem bekommen wir es in Joseph von Eichendorffs Gedicht „Waldgespräch“ zu tun?

Waldgespräch

Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Was reit’st du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! Ich führ’ dich heim!

„Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.“

So reich geschmückt ist Roß und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn’ ich dich – Gott steh’ mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.

„Du kennst mich wohl – von hohem Stein
Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!“