Autorin der Woche (07/2021)

Chimamanda Ngozie Adichie zählt zu den arrivierten Schriftstellerinnen Afrikas. Geboren wurde sie 1977 in Nigeria, wuchs in der akademischen Mittelklasse auf, studierte erst in Nigeria, danach in den USA. Heute pendelt sie zwischen ihrem Heimatland und den Staaten. Diese sehr unterschiedlichen Settings wählt Adichie auch für ihren Roman „Americanah“ (erschienen 2013). Dazu ein knapp 10-minütiges Interview aus dem schwedischen Fernsehen:

Adichies Geschichten helfen, die Mechanismen und Konsequenzen von Stereotypen zu verstehen und (versteckten) Rassismus besser zu durchschauen. Sie ist eine inspirierende Frau mit Botschaft, Charisma und Impact – und so ist die Liste ihrer Auszeichnungen zurecht sehr lang.

Autorin der Woche (06/2021)

Koleka Putuma ist eine junge (*1993) südafrikanische Lyrikerin, Dramatikerin und Spoken-Word-Künstlerin. Ihr Vater ist Pastor, sie ist homosexuell, ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie kennt die Auswirkungen von patriarchalem Christentum und andauerndem Rassismus.

In ihrem Gedichtband „Collective Amnesia“ (dt. Kollektive Amnesie) findet Koleka Putuma starke und schonungslose Worte, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Viel Wut ist in ihren Texten zu spüren; und Wut birgt Energie; und nur mit viel Energie lässt sich die Welt verändern.

Von ihrem bekanntesten Gedicht „Water“ findet sich auf YouTube eine beeindruckende Live-Performance:

Karnevalsabend

Ein wenig verloren fühlt sie sich. In ihrem improvisierten Rotkäppchenkostüm kommt sie sich beinahe schäbig vor. Erstaunlich, dass sich die Kollegen beim Firmenkarneval so in Schale werfen! Nach fünf Wochen kennt sie noch kaum jemanden. Mit Herrn Schwab aus der Personalabteilung hat sie vorhin angestoßen, er ist heute ein tintenblauer Krake. Mit Frau Lehmann aus der Buchhaltung hat sie kurz geplaudert, die ist als Catwoman gekommen. Dann kam ein Kollege dazu, dessen Namen sie nicht weiß, gut gebaut, im Tarzan-Dress. Sein Blick klebte an Frau Lehmann und er forderte sie auf, ihm in den Dschungel – also auf die Tanzfläche – zu folgen. Willig ging Frau Lehmann mit und ließ sie stehen.

Unsicher tappt sie von einem Fuß auf den anderen, hält sich an ihrem leeren Sektglas fest. Von den Kollegen aus ihrem eigenen Team hat sie noch keinen entdeckt. Als die Band nach einer Polonaise eine kurze Pause ankündigt, schaut sie auf die Uhr und will schon gehen, da kommt er direkt auf sie zu. Bleibt vor ihr stehen, hebt leicht seinen Zylinder zum Gruß und schenkt ihr ein Lächeln und ein Augenzwinkern. Schick sieht er aus, in seinem Smoking und dem blütenweißen Hemd. „Gestatten, die Dame, darf ich Sie zu einem Glas Bowle einladen?“ Seine grünen Augen leuchten und ihr Herz macht einen Hüpfer. Ihr fehlen die Worte, sie nickt nur, er bietet seine Armbeuge an und sie hakt sich unter. Sie trinken mehr als ein Glas Bowle an diesem Abend und sie lachen und sie tanzen, bis die Band die Instrumente einpackt.

Sie kann an diesem Abend nicht ahnen, dass er drei Monate später ohne das Wissen seines Arztes die Medikamente absetzen wird. Sie ahnt noch nicht einmal, dass er in Behandlung ist. Sie wird nicht verstehen, wie es kommt, dass er eines Abends unvermittelt von der Couch aufspringen und zeternd durch ihre Wohnung laufen wird. „Teufelswerk, Teufelswerk“, wird er rufen. „Stell dich nicht so an, sei nicht so zimperlich, Teufelswerk, stell dich nicht so an, Kröte, Kröte, Teufelswerk!“ Er wird nicht aufhören zu rufen und herumzulaufen. Er wird die Balkontür öffnen, sie wird ihm folgen, er wird sich in eine Ecke des Balkons kauern, wird dann nur noch schluchzen und zuletzt leise fiepen wie eine verängstigte Maus.

„Was ist mit dir? Lass mich dir helfen!“ wird sie mit zittriger Stimme sagen. Er wird die Augen weit aufreißen, in Panik, in Todesangst. Sie wird ihm die Hand reichen wollen, er wird sie zurückstoßen, sie wird taumeln, er wird aufstehen, auf das Balkongeländer klettern und springen.

Nein, all das kann sie nicht ahnen, als er sie am Karnevalsabend mit seinen leuchtenden grünen Augen auf ein Glas Bowle einlädt.

Autorin der Woche (05/2021)

Eine zweite große kanadische Literatin ist Margaret Atwood. Geboren 1939 in Ottawa, verbringt sie die ersten sieben Lebensjahre in der Abgeschiedenheit einer Forschungsstation in den Wäldern Québecs – der Vater ist Insektenforscher. Die Einschulung und das Stadtleben in Toronto sind für Margaret ein Schock. Vielleicht ist diese Erfahrung des extremen Wechsels von Lebenswelten die Grundlage für Margaret Atwoods „Speculative Fiction“ (Werken also, die sich mit dem Denkbaren unter Anwendung von zur Verfügung stehenden Mitteln auseinandersetzen).

Besonders bekannt ist der 1985 erschienene Roman „Report der Magd“ (engl. The Handmaid‘s Tale). Eine fesselnde Dystopie, in der nach einer atomaren Verseuchung der USA ein Großteil der Bevölkerung unfruchtbar ist. Nach der gewaltsamen Machtübernahme durch christliche Fundamentalisten wird die Verfassung außer Kraft gesetzt. Frauen werden entrechtet; sie dürfen nicht mehr arbeiten und kein Eigentum besitzen. Sie werden streng in drei Gruppen eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Mägde sind junge, gesunde Frauen, die als fruchtbar eingeschätzt werden. Sie werden einem Haushalt zugewiesen und sollen dort für Nachwuchs sorgen. Der regelmäßige Geschlechtsverkehr mit dem Hausherrn findet selbstverständlich im Beisein der Ehefrau statt und dient ausschließlich dem Zweck der Empfängnis. Kann eine Magd ihre Aufgabe als Gebärmaschine nicht erfüllen, droht die Abschiebung in die verseuchten Kolonien.

Eine erschreckende Wirklichkeit, die erschreckend vorstellbar ist und uns zeigt: Freiheit und Selbstbestimmung sind nie eine Selbstverständlichkeit, wir müssen sie bewahren und um sie kämpfen, sobald sie bedroht werden.

Autorin der Woche (04/2021)

Alice Munro wird 1931 in Ontario geboren und wächst in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater betreibt eine Zeitlang eine Zucht für Silberfüchse und als die Geschäfte nicht mehr laufen, arbeitet er als Nachtwächter. Alice‘ Mutter erkrankt früh an Parkinson, schon als 10jährige muss Alice Verantwortung übernehmen. Nach zwei Jahren Journalismus-Studium geht das Geld aus, Alice heiratet 1951, wird Hausfrau und Mutter von vier Töchtern – und lebt ihre Schreibleidenschaft aus; in Kurzgeschichten, deren Stoff und Inspirationen an Alice‘ Tür klopfen. Viele Frauen der Nachbarschaft kommen auf eine Tasse Kaffee und schütten ihr Herz aus.

Alice Munro schreibt über ganz normale Menschen, erkundet die Abgründe hinter dem nach außen Unauffälligen, findet Sehnsüchte, Scham und Schicksalsschläge. 1968 erscheint ihr erster Erzählband, der mit dem wichtigsten kanadischen Literaturpreis ausgezeichnet wird. Da ist Alice 37 und ihre Töchter sind Teenager. Viele weitere Kurzgeschichtensammlungen und Auszeichnungen folgen; 2013 der Literaturnobelpreis. Alice Munros Stories fangen uns ein, nehmen uns mit in die Welt der Figuren, und auch wenn deren Welt überhaupt nicht wie die unsere ist, fühlen, leiden, bangen wir mit den Figuren mit und sind ganz bei ihnen.

Autorin der Woche (03/2021)

Schon lange kenne ich ihr Gedicht „Der Knabe im Moor“ und finde es wahrlich schaurig. Dass sie den 20-DM-Schein zierte, wurde mir erst bewusst, als ich schon längst mit Euro bezahlte. Und ein wenig mehr Wissen über ihr Leben besitze ich erst seit kurzem.

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) wird in eine alte katholische westfälische Adelsfamilie geboren und erhält eine gute Bildung. Sie fühlt sich früh dazu berufen, Dichterin zu werden und wird von ihren Eltern dahingehend gefördert. Durch ihre Wissbegier und ihre fehlende weibliche Sanftmut und Zurückhaltung eckt sie jedoch an – auch im Literatenkreis, der sich auf dem Bökerhof (eines der Güter von Annettes Familie mütterlicherseits) trifft, und zu dem unter anderem die Gebrüder Grimm gehören. Dass eine Frau geistreich ist und sich dem Schreiben widmet, wird in diesem Kreis noch wohlwollend betrachtet, aber dass sie ambitioniert ist, dass sie mit ihrem Werk in die Öffentlichkeit treten will, dass sie Anspruch auf Anerkennung erhebt, das ist nun doch des Guten zu viel.

Annette lässt sich nicht beirren: nach dem Fehlschlag ihrer ersten Publikationen wird sie ab 1840 höchst produktiv und sehr erfolgreich, sie profiliert sich zur bedeutendsten Balladenautorin ihres Jahrhunderts. Privat ist ihr kein dauerhaftes Glück vergönnt. Die zarte Liebesbeziehung zu Heinrich Straube (ein Protestant) wird durch eine Familienintrige zerstört und die spätere intensive Freundschaft zu Levin Schücking endet in einer Enttäuschung.

Wer in die Welt von Annette von Droste-Hülshoff eintauchen will, dem sei Karen Duves historischer Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ anempfohlen, der die Jahre 1819-1821 lebendig werden lässt.

Autorin der Woche (02/2021)

Lydia Davis, 1947 in Massachusetts geboren, ist eine Meisterin der kurzen Prosa. Ihre kürzesten Texte sind gerade mal eine Zeile lang; dann handelt es sich um Flash Fiction (oder Kürzestgeschichten im Deutschen).

Davis wirft schonungslose Blicke auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, zwischen Eltern und (erwachsenen) Kindern und von Frauen zu sich selbst. Diese Blicke enthalten oft eine stattliche Portion Neurotizismus und Depressivität, aber kaum ein Augenzwinkern. Wohl deswegen war es keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Davis‘ Texten und mir. Ihre Storys wären mit Ironie und Humor natürlich spaßiger und angenehmer für die Lesenden. Aber ganz offensichtlich sollen sie das nicht sein. Davis analysiert und formuliert messerscharf. Man sollte gut gelaunt sein, wenn man Lydia Davis liest – dann sind ihre Texte ein bissiges Vergnügen.

Vom Bild zum Wort: Autorin der Woche (01/2021)

Hinter uns liegen 61 Postkarten, mit denen wir durch Raum und Zeit gereist sind. 2021 tauchen wir in die Welt der Wörter ein, und auch diese werden uns durch Raum und Zeit tragen. Jede Woche treffen wir eine Autorin, deren Werk oder Persönlichkeit mich berühren, bewegen, beeindrucken. Ein Schlaglicht wird geworfen, mal auf ein einzelnes, für mich wichtiges Buch, mal auf außergewöhnliche Eigenschaften oder Lebensumstände der Schreibenden.

Wir beginnen mit Marion Zimmer Bradley (1930-1999), der Autorin von „The Mists of Avalon“. Die Artus-Saga, aus Sicht der Frauenfiguren erzählt, erschien 1982. Ich habe es 2001 gelesen und ich bin ganz und gar eingetaucht in diese Welt voller Magie und Zauberei; eine Welt der Zwänge und Gefahren, denen es zu trotzen gilt; eine Welt im Wandel, in der die alten Götter, die keltischen, an Einfluss verlieren und die neue Religion, das Christentum, immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Das Buch hat zwei Grundthemen: die Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung und in Zusammenhang damit die kritische Auseinandersetzung mit Religion. 2001 waren diese Themen für mich sehr bedeutsam. Im März 2001 startete ich ins Berufsleben, wurde Teil eines Teams, brachte meine Leistung ein und hatte zum ersten Mal mehr Geld als ich brauchte. All das verschaffte mir ein wunderbares Gefühl von Eigenständigkeit (das übrigens bis heute anhält). Zur gleichen Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass die katholische Religion bei zu vielen Themen meinen persönlichen Überzeugungen widerspricht, vor allem hinsichtlich Rollen und Rechten von Frauen sowie Sexualität. Ich bin aus der Kirche ausgetreten und wurde stattdessen UNICEF-Patin.

Die Nebel von Avalon kamen 2001 für mich genau zur richtigen Zeit. Danke, Marion Zimmer Bradley!

Postkarte der Woche (53/2020)

Diese Postkarte hat mir vor zehn Jahren ein damaliger Kollege zum Abschied geschenkt, als ich Job und Firma wechselte. Heute möchte ich mich mit dieser Postkarte vom Jahr 2020 verabschieden und wünsche uns allen viel Glück beim Neuanfang 2021!

Postkarte der Woche (52/2020)

„Johannes der Täufer“ ist eines meiner liebsten Gemälde von Leonardo da Vinci. Ein dunkles Bild, nur Johannes‘ Gesicht, die rechte Schulterpartie und der rechte Arm sind beleuchtet. Das Antlitz ist zart, androgyn; das Lächeln, die Augen geheimnisvoll – meint es der Heilige gut mit uns oder verbirgt sich Dämonisches hinter dieser Sanftheit? Weist seine rechte Hand den Getauften, den Gläubigen den Weg zum Himmel? Oder will er uns in die Irre führen?

Von dieser Ambiguität rührt meine Faszination für das Werk her. Zu sehen ist es im Louvre und da fast alle Besucher vor der Mona Lisa kleben, kann man in aller Ruhe darin versinken.

P.S.: Meine aktuelle Deutung am Ende dieses seltsamen Jahres: Johannes will uns Gutes, er zeigt an, in welche Richtung es 2021 gehen wird: Aufwärts.