Postkarte der Woche (42/2020)

Das Bild auf der Postkarte stammt von François Gérard und heißt „Les Trois Âges de l’Homme“. Übersetzen würde ich den Titel mit „Die Drei Lebensalter des Menschen“. „L’homme“ ist im Französischen der Mensch und der Mann. Gleiches im Englischen: „man“ ist der Mensch und der Mann. Die Frau, „woman“, ist der weibliche Mensch. Der Mann also der Standard, die Frau die Abweichung; das andere Geschlecht.

Nun hat Gérard in sein Gemälde doch auch eine Frau hineinplatziert, in die Mitte, mit allen drei Männern in Verbindung. Wer ist sie? Die Behüterin des Lebens? Die Gewährleisterin der Fortpflanzung? Wer weiß.

Frauen werden – in der Kunst und im echten Leben – sehr häufig ausschließlich bewahrende oder sorgende Rollen zugewiesen; enorm bedeutsam zwar, aber meist im Hintergrund, oft gar unsichtbar. Das ist ehrenvoll, keine Frage, aber ich will eine Gesellschaft, in der Frauen ins Rampenlicht treten können, wenn sie wollen. Ich will, dass Frauen erforschen, erschaffen, erobern dürfen – ohne dafür von der Gesellschaft bestraft zu werden.

Postkarte der Woche (41/2020)

In den nächsten Wochen wollen wir uns den Frauen widmen. Welche Frauenfiguren begegnen uns in Kunst und Kultur? Wie werden sie dargestellt? Welche Rollen, welche Bestimmungen haben sie?
Eines kann gesagt werden: Oft wird mit Frauen etwas gemacht, etwas stößt ihnen zu. Sie sind passiv, nicht aktiv. So auch Europa: Sie wird entführt. Von Zeus in Stiergestalt.

Hier dargestellt in einem Mosaik aus dem 1. Jahrhundert n.Chr., zu sehen im Musée Condé in Chantilly: L’Enlèvement d’Europe

Postkarte der Woche (40/2020)

Vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Und bei allem, was dabei schief und ungut gelaufen ist – meist zu Lasten Menschen der (Ex-)DDR – ist dieses Ereignis für mich eines der besten in der jüngeren Weltgeschichte. Der 03.10.1990 hat mich eher weniger berührt, für mich sind die Wochen vor und nach dem Mauerfall diejenigen, die sich emotional eingeprägt haben.

Astrid Melzer hat in ihrem Buch „Einer muss ja hierbleiben“ die Erlebnisse und Erfahrungen von 27 Ex-DDR-BürgerInnen gesammelt und herausgegeben. Sie erzählen von ihrem persönlichen Weg in der Zeit des Umbruchs. Empfehlenswert! Und hier die Postkarte zum Buch:

Postkarte der Woche (39/2020)

Wir beenden unsere Energieversorgungswerbefotoszeitreise mit zwei Bildern, die wir unter den Titel „Behagliche Häuslichkeit“ stellen wollen.

Während auf Bild 1 die traute Kleinfamilie beim gemeinsamen Fernseherlebnis – die Tochter zu Füßen des Familienoberhauptes unter dem wohlwollend-beobachtenden Blick der Frau Mama – noch unvergänglich scheint, so kündigt sich auf Bild 2 ganz zart der aufbegehrende Geist der zweiten Frauenbewegung an: eine Frau, vor Büchern sitzend, zum Schreiben bereit – und völlig unbeaufsichtigt.

Postkarte der Woche (38/2020)

Zweite Etappe unserer Zeitreise mit Fotografien von Ludwig Windstosser: Frau im Haushalt.
(Interessanterweise in fast identischer Körperhaltung. Zufall? Oder ist hierin eine Botschaft zu entdecken?)

Postkarte der Woche (37/2020)

Nach der Postkartenrundfahrt durch Berlin begeben wir uns jetzt auf eine dreiwöchige Zeitreise in die junge Bundesrepublik. Unser Reiseleiter ist der Fotograf Ludwig Windstosser (1921-1983) mit seinen Werbefotos für die Energieversorgung aus den 1950er/60er Jahren (© Fotoarchiv Ruhr Museum, Essen)

Die Reise in die Vergangenheit kommt mit einem Bonus: es gibt mehr als eine Postkarte pro Woche! Überschrift der ersten Etappe: Vergnügliches Stelldichein.

Postkarte der Woche (36/2020)

Wir beenden unsere Kuppelrundfahrt durch Berlin auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor. Es ist der 10. November 1989, die Mauer ist offen und die DDR-Grenzpolizisten wirken etwas ratlos. Das Reichstagsgebäude ist hier ohne Kuppel zu sehen. Die ursprüngliche wurde beim Reichstagsbrand 1933 zerstört und von den Nazis nur notdürftig instand gesetzt. Am Ende des Krieges war das Gebäude stark zerstört, die Kuppel wurde 1954 gesprengt. Bis 1973 wurde es wieder aufgebaut – ohne Kuppel.

Erst mit dem Regierungsumzug 1999 erhielt der Reichstag wieder eine Kuppel: eine gläserne, als Sinnbild für die Transparenz der deutschen Demokratie. Genau so soll es sein: In einem offenen, lichten Staat will ich leben, in dem man seine Meinung ohne Furcht vor Repression frei äußern kann. Und genau so ist es ja auch. Auch wenn brüllende, fahnenschwenkende Extremisten letztes Wochenende etwas anderes behauptet haben.

Mein Poetenfest 2020

Bis Ende Juli habe ich nicht gedacht, dass es überhaupt ein Poetenfest 2020 geben würde. Doch es gibt eines, dieses Wochenende. Nicht wie gewohnt natürlich, aber logistisch-organisatorisch wohldurchdacht und mit einem sehr umfangreichen Programm.

Meine heißgeliebten Lesenachmittage im Schlossgarten müssen diesmal ausfallen, klar, stattdessen gibt es Lesungen und direkt anschließende Gespräche mit den AutorInnen an verschiedenen Orten in der Stadt. Alle Veranstaltungen kosten Eintritt und haben feste Sitzplätze mit dem nötigen Abstand. Ich hatte mich für zwei Lesungen im Skulpturengarten am Burgberg am Samstagnachmittag entschieden: Monika Helfer, deren Roman „Die Bagage“ ich schon vor einigen Wochen auf meine mentale Einkaufsliste gesetzt hatte, und Peter Stamm mit seinem Erzählband „Wenn es dunkel wird“.

Das Poetenfest feiert dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen und in den ersten Jahren fanden die Lesungen im Burgberggarten statt. So kehrt das Poetenfest – wenn auch ungewollt – im Jubiläumsjahr zurück zu den Wurzeln.

Monika Helfer erzählt in „Die Bagage“ die Geschichte ihrer Großeltern, die als Außenseiter in einem Dorf in Vorarlberg leben. Als 1914 der Großvater Josef zum Kriegsdienst eingezogen wird, bleibt die schöne Großmutter Maria mit den Kindern zurück und ist der Lust der Männer und dem Argwohn der Frauen ausgesetzt. Und dann wird Maria schwanger, mit der Mutter der Autorin… Der Roman ist (auto)biographisch inspiriert, enthält jedoch auch fiktive Elemente und Figuren. Monika Helfers lakonischer Stil gibt den Lesenden Raum und zieht sie gleichzeitig in seinen Bann.

Peter Stamm hat in seinem Band „Wenn es dunkel wird“ elf Erzählungen gesammelt, in denen es um Verwandlungen und Verschwinden geht. Gelesen hat er die Geschichte eines sich anbahnenden Seitensprungs, der unerwartete Wendungen nimmt. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber keineswegs oberflächlich, und spannend bis zum Schluss.

Und das war’s diesmal schon, mein Poetenfest. Die Veranstaltungen heute müssen dem Dauerregenwetter trotzen, bei meinen Lesungen gestern war’s glücklicherweise trocken. Ich bin gespannt aufs Poetenfest 2021. Lasst uns die Daumen drücken, dass Corona dabei keine Rolle mehr spielen wird.

Postkarte der Woche (35/2020)

Der schönste Platz Berlins ist unser dritter Halt: der Gendarmenmarkt. Auch dort gibt es Kuppeln zu bestaunen, nämlich die des französischen und des deutschen Doms. Die identischen Türme werden 1780-85 an die beiden bereits bestehenden Kirchen angebaut. Eine Kirche gehört zur französisch-reformierten Gemeinde, die andere zur lutherischen. An sich gilt die Bezeichnung „Dom“ nur für die Kuppeltürme (französisch dôme „Kuppel“), im Lauf der Zeit geht sie jedoch auf den Gebäudekomplex von Kirche und Turm über.

Postkarte der Woche (34/2020)

Zweiter Stopp auf unserer Kuppelrundfahrt durch Berlin ist die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Ein prächtiges Gebäude im maurischen Stil, die Kuppel und der Turm hier in wunderbar warmes Licht getaucht.