Lyrik der Woche (41/2019)

Ich will, dass nie wieder jemand solche Gedichte schreiben muss.

Paul Celan
Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Lyrik der Woche (40/2019)

Am Dienstag ist Karel Gott gestorben. Und wenn ich Karel Gott höre, denke ich sofort an die Biene Maja. Auch nach über 40 Jahren habe ich den Titelsong meiner heißgeliebten Kindersendung noch im Ohr, vor allem den Refrain.

Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja,
kleine freche schlaue Biene Maja.
Maja fliegt durch ihre Welt,
zeigt uns das, was ihr gefällt.

Lyrik der Woche (39/2019)

Der Herbst ist viel besungen. Auch der Schweizer Dichter Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis hat einen Beitrag geleistet. Hier die erste Strophe seines Herbstliedes.

Bunt sind schon die Wälder;
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.

Lyrik der Woche (38/2019)

Lektion für diese Woche: Wir sehen der dunklen Jahreszeit gelassen entgegen. Unsere Trainerin: Annette von Droste-Hülshoff. Kursinhalt: Strophen 2 und 3 ihres Gedichtes „Herbst“.

Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethystnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk ich wenig drüber nach,
Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschloßnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.

Lyrik der Woche (37/2019)

Wunderbar ist er, der spätsommerliche Frühherbst!

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel

Mein Erlanger Poetenfest 2019

Die Vorfreude auf den kulturellen Höhepunkt des Jahres wandelt sich für mich in reines Glücksempfinden, wenn ich am letzten Samstag im August den Erlanger Schlossgarten am hinteren Eingang betrete und in Richtung Hauptpodium schlendere. In der Luft liegt der Duft von Bratwürsten, Spätsommer und Kaffee (eine erstaunlich harmonische Mischung) und der Klang von experimenteller, ätherisch anmutender Musik. Wenn das Wetter so warm ist wie dieses Jahr, lege ich meine grüne Kuscheldecke nahe eines Lautsprechers auf den Boden und lasse mich nieder. Mein Blick streift versonnen über die gut besetzten Bänke, die aufgespannten Sonnenschirme und die Blätter der mächtigen Linden und Eichen. Ich blättere im Programm, schaue nochmal nach, wer als erstes lesen wird. Und schon betritt Hajo Steinert die Bühne und eröffnet den ersten von zwei herrlich entspannten Lesenachmittagen. Juchhe!

Meine Highlights dieses Mal:

Gertraud Klemm, Hippocampus: Helene Schulz, eine vergessene feministische Autorin, wird postum als Kandidatin für den Deutschen Buchpreis gehandelt. Ihre Freundin Elvira Katzenschlager will Helenes verzerrte Biografie gerade rücken. Dabei werden Elviras Aktionen immer gewagter, gar kriminell, sie begibt sich auf einen Kreuzzug gegen Sexismus und Heuchelei. Gertraud Klemm nimmt kein Blatt vor den Mund (an einer Stelle ihrer Lesung warnt sie vor: es könnten Fäkalausdrücke fallen), um Spießertum und Scheinheiligkeit zu entlarven.

Ursula März, Tante Martl: Mein persönlicher Favorit; das Werk steht zum Lesen bereit im Regal. In ihrem ersten Roman porträtiert Ursula März ihre Patentante Martina, geboren 1925, die nach Wunsch des Vaters ein Martin hätte sein sollen, denn zwei Töchter waren schon da, nun war es Zeit für einen Sohn. Einfühlsam und mit feinem Humor erzählt Ursula März von ihrer scheinbar unscheinbaren Tante Martl. Ich freu mich drauf!

Burkhard Spinnen, Rückwind: Hartmut Trössner ist ein erfolgreicher Windenergieunternehmer, mit großartiger Frau und kleinem Sohn. Er hat alles, bis er eines Tages alles verliert: Unternehmen, Familie, Haus. Nach dem Aufenthalt in einer Klinik steigt er in einen Zug nach Berlin. Bei ihm ist sein nur für ihn hörbares Alter Ego, das sich ihm als Überlebenstrainer vorstellt. Im Zug trifft Hartmut Trössner auf eine junge Frau, der er sein Leben erzählt.

Christiane Neudecker, Der Gott der Stadt: Ehrgeizige Schauspielschüler sollen im kurz-nach-der-Wende-Berlin ein unbekanntes Faust-Fragment des 1912 in der Havel ertrunkenen Georg Heym auf die Bühne bringen. (Mindestens) einer der Schauspielschüler wird nicht überleben. Geheimnisvolle Atmosphäre verheißend, gekonnt geschrieben und fesselnd vorgetragen. Am Büchertisch bereits vergriffen, aber auf meiner mentalen Einkaufsliste.

Jaroslav Rudiš, Winterbergs letzte Reise: Der 99-jährige sudetendeutsche Winterberg macht sich mit seinem tschechischen Krankenpfleger auf den Weg von Berlin nach Sarajevo. Mit dem Zug, im Gepäck der Baedeker-Reiseführer für Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913. Man ahnt schnell, dass dies keine Expresszugreise wird, die Lesung von Jaroslav Rudiš hatte allerdings enorm viel Schwung, Humor und einen wunderbaren tschechischen Akzent.

Lyrik der Woche (36/2019)

Mit Friedrich Hebbel haben wir uns letzte Woche vom Sommer verabschiedet, aber keine Furcht! Der Herbst wird in Schönheit leuchten! So wie der Septembermorgen von Eduard Mörike.

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt.
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt.
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.