Archiv der Kategorie: Geschichten

Oma Kramer kocht Eintopf

… und führt dabei einen inneren Dialog:

Wenn du das machst und Peter kommt dahinter! Was glaubst du, was dann los ist? Er wird nie mehr zum Essen kommen. Vielleicht kommt er gar nie mehr! Ach was… Erstens: Früher waren Wiener Würstchen Peters Lieblingsessen. Jeden Tag hat er die gewollt. Und zweitens: Wie soll er denn dahinter kommen? Ich sage, ich hätte extra diese Veganier-Würstchen für den Eintopf gekauft. Angeblich schmecken die doch genauso wie Fleisch. Also kann er es gar nicht merken… Und wenn Svenja was merkt? Die isst schon seit Jahren kein Fleisch mehr. Vielleicht riecht die das, wenn die Wiener im Eintopf sind… Ach, Svenja! Die hat dem Peter die Flausen überhaupt erst in den Kopf gesetzt! Von wegen „der Regenwald“ und „die Eisbären“. Möchte mal wissen, was die Wiener Würstchen vom Metzger Schulte mit dem Regenwald und den Eisbären zu tun haben sollen… Aber da war ja neulich abends was im Zweiten… Es werden immer mehr Bäume gefällt, weil die immer mehr Futter für die vielen Rinder anbauen müssen… Aber die Wiener sind ja vom Schwein, nicht vom Rind. Und der alte Huber-Bauer, von dem der Metzger Schulte sein Fleisch kriegt, der hat sicher noch nie im Leben einen einzigen Baum gefällt. Fleisch enthält Eiweiß und Vitamine. Das ist gesund und wichtig! Grade für einen Jungen wie Peter, wo er doch als Kind so oft krank war. Immer der Kleinste in der Klasse, blass und häufig erkältet… Aber seit er mit Svenja zusammen ist, sieht er richtig gut aus. Rosige Wangen und ein bisschen zugenommen hat er auch. Nur die langen Haare und der Bart, die bräuchte es meinetwegen nicht… Dahinter steckt bestimmt auch Svenja. Wahrscheinlich ist es schädlich für die Eisbären, wenn man zum Friseur geht und sich regelmäßig rasiert… Unsinn… Eins muss man der Svenja lassen. Die tritt ein für ihre Überzeugungen. Die engagiert sich! Wie sie erzählt hat von Afrika, wo sie den Brunnen und die Schule mitgebaut hat. Und jetzt hat sie diese Bienenvölker und erklärt den Schulklassen wie das ist, mit den Bienen und den Blumen… hihi… Du albernes altes Ding! Na, ein bisschen Spaß muss sein… Aber im Ernst: die Svenja, die tut dem Peter gut! Viel besser als die Wiener Würstchen. Das weißt du ganz genau! Ja, ja,… ich mach den Eintopf veganisch. Aber was ist mit den Wienern? Ach, die ess ich dann abends zum Tatort… oder gibt’s heut den Polizeiruf?

Wandersaisoneröffnung, Beitrag 2 von 2: Partizip-Gedicht

Wanderung

geplaudert
gestolpert
geflucht
gescherzt
geschwitzt
gejapst
gestaunt
gerastet
gelacht
genossen
geschafft

Wandersaisoneröffnung, Beitrag 1 von 2: Mützenleben

Ich bin eine Schirmmütze, haselnussbrauner Baumwollmix. Auf meiner Vorderseite sind weiße und goldfarbene Glitzersteinchen aufgeklebt. Damit mache ich bei Sonnenschein eine besonders gute Figur.

Meine Trägerin setzt mich oft zu Spaziergängen und Wanderungen auf. So bekomme ich viel zu sehen: Bäume, Blumen, Berge, Meer, blauen Himmel, weiße Wolken. Führt der Weg durch schattigen Wald oder ist der Himmel bedeckt, zeigt mein Schirm meist nach hinten. Wie anders die Welt dann aussieht, das ist schon erstaunlich! Bei stechender Sonne oder leichtem Regen spende ich meiner Trägerin Schutz, auch bei frischem Wind leiste ich zuverlässig Dienst.

Manchmal werde ich unterwegs abgenommen und liege während einer Rast auf Rasen, Steinen, Erde oder Sand. Wenn dann Käfer oder kleine Spinnen über mich klettern, bin ich nicht begeistert; die gehören nicht zu mir! Vergessen wurde ich zum Glück noch nie. Nach der Pause werde ich geschüttelt, wieder aufgesetzt, weiter geht’s.

Ab und zu werde ich gewaschen, von Hand, im Waschbecken. Ein klein wenig bin ich dann in Sorge um meine Glitzersteinchen… Meine Trägerin ist glücklicherweise sorgsam, tupft mich nach dem Seifenbad vorsichtig ab und lässt mich an luftiger Stelle trocknen. Ich fühle mich dann sauber und entspannt und schlummere dahin, bis ich wieder aufgesetzt werde und eine neue Tour beginnt.

Ein Moment in Cilaos

Zwölf Jahre ist es her. Verloren fühlte ich mich; einsam, allein, nicht unglücklich, aber ruhelos und ohne Ziel. Auf der Suche nach mir selbst flog ich weit in den Süden, auf eine kleine Insel im Indischen Ozean, La Réunion, zu Frankreich gehörend.

Mit dem Mietwagen bereiste ich die Insel auf einer vorgeplanten Route, jeden Tag eine andere Station. Die dritte oder vierte Etappe brachte mich nach Cilaos, einen Ort im Inselinneren, in einem sattgrünen Talkessel gelegen. Mir schien es, als verginge die Zeit dort langsamer als anderswo. Die Luft war feucht und warm, aber weniger drückend als an der Küste. Von den Berggipfeln senkten sich Wolken hinab und ich glaubte fast, sie berühren zu können. Sehr viel gab es im Ort nicht zu sehen. Eine modern gebaute Kirche, einige der typischen kreolischen Häuser, ein, zwei Restaurants, ein, zwei kleine Läden. In einen ging ich hinein; dort gab es Tee, Kräuter, Räucherstäbchen. Sicher duftete es nach Vanille, Bourbon-Vanille, früher ein wichtiges Exportgut.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ihn sofort nach dem Betreten des Ladens gesehen habe oder erst, nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte. Aber als sich unsere Blicke trafen, wurde mir heiß, mein Herz schlug schnell, ganz schnell, und die Zeit stand für einen winzigen Moment lang still. Und auch, wenn ich es nicht wirklich wissen kann, so bin ich mir ganz sicher, dass es ihm genauso ging. Er stand hinter der Ladentheke aus Holz und fragte freundlich, ob er helfen könne. Ich verneinte ebenso freundlich und bemühte mich sehr, mich auf die Waren in den Regalen zu konzentrieren. Dabei hätte ich lieber nur ihn angeschaut. Ich denke, er war ein paar Jahre jünger als ich damals, etwa Ende Zwanzig. Sein hellbraunes Haar ein wenig zerzaust, wie sein Bart. An seine Augenfarbe erinnere ich mich nicht, aber sein Blick war offen und sanft.

Natürlich kaufte ich etwas, bestimmt etwas mit Vanille; ich weiß nicht mehr, was. Beim Bezahlen fragte er mich, woher ich käme und ob es mir hier gefalle. Wahrscheinlich antwortete ich auf Englisch, denn mein Französisch war auch damals schon ziemlich eingerostet. Dann erzählte er, dass er mit guten Freunden außerhalb des Ortes auf einer Art Farm lebe und dass an diesem Abend weitere Freunde zu einem kleinen Fest kämen. Wenn ich wolle, sei ich herzlich willkommen. Er beschrieb mir den Weg und ich glaube, er notierte die Adresse auf einem Blatt Papier. Ich bedankte mich und sagte, ich würde es mir überlegen.

Nichts wünschte ich mir in diesem Augenblick sehnlicher, als den Abend und vielleicht auch die Nacht mit diesem Mann zu verbringen. Ich stellte mir gar vor, wie wir gemeinsam in der Farm-Kommune leben, Süßkartoffeln anbauen und auf ewig glücklich sind – und doch wusste ich, dass ich an diesem Abend in meinem Hotel bleiben, früh zu Bett gehen und am Morgen darauf zu meiner nächsten Etappe aufbrechen würde.

Und so war es auch. Kurz danach dachte ich sehr oft an diese Begegnung, im Lauf der Zeit dann immer seltener. Ab und zu erinnere ich mich heute noch an diesen Moment, diesen magischen Moment, in dem ich in den sanften, bärtigen jungen Mann im Teeladen in Cilaos verliebt gewesen bin.

Sandkastenliebe

Schon als sie Kinder waren, hatte Gabriele entschieden, dass er sie später einmal heiraten würde. Auf dem Karussell auf dem Spielplatz hatte sie sich an ihn geschmiegt, während er das Rad in der Mitte immer noch schneller drehte, so lange, bis ihnen beiden schwindelig war. In der Schule saßen sie nicht nebeneinander, sondern Gabriele neben ihrer besten Freundin, er neben seinem besten Freund; Mädchen und Jungen saßen einfach nicht nebeneinander. Aber da sie in direkter Nachbarschaft wohnten, machten sie oft zusammen ihre Hausaufgaben. Gabriele ließ ihn in Mathe, später auch Physik und Chemie abschreiben, er half ihr ein bisschen in Englisch.

Als er beim Tanzkurs wie zufällig ihre Haarspange berührte, die ihre blonde Mähne bändigte, wurde Gabriele heiß und kalt zugleich. Wie gerne hätte sie Tango mit ihm getanzt, aber auf dem Stundenplan der Provinz-Tanzschule standen nur Walzer und Foxtrott. Gegen Ende des Abschlussballs, sie hatten beide Sekt und süßen Wein getrunken, wagte Gabriele das Verwegene: Als er von der Toilette zurückkam, passte sie ihn ab, zog ihn in einen unbeleuchteten Seitengang und küsste ihn. Er erwiderte den Kuss, vielleicht etwas weniger leidenschaftlich als sie es sich vorgestellt hatte, aber ab diesem Zeitpunkt „gingen sie miteinander“.

Als das Abitur vor der Tür stand, waren sie noch immer ein Paar. Gabrieles Noten waren gut, für ihn war es eine Zitterpartie und ohne ihre Hilfe hätte er bestimmt Schiffbruch erlitten. Wegen starker Kurzsichtigkeit musste er nicht zur Bundeswehr und sie konnten zusammen ein BWL-Studium in der nächstgelegenen Universitätsstadt beginnen. Gabrieles Eltern besaßen dort mehrere kleine Eigentumswohnungen und in eine zogen sie gemeinsam ein.

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Frau Schmitz im Glück

Frau Schmitz hat es sich gemütlich gemacht auf ihrer guten alten Couch. Lang ausgetreckt hat sie sich, der Kopf liegt weich auf dem bestickten Kissen. Ein genüssliches Gähnen, die Augen zu und die Gedanken nehmen ihren Lauf…

Ich kann’s immer noch nicht fassen. Später zähl ich’s nochmal. Aller guten Dinge sind drei, heißt’s doch. 100.000! Dollar! 100.000 Dollar. Und beinah hätt ich’s gar nicht gefunden. Ist aber auch `ne Zicke, die Frau Professor. Alle Bücher in der kleinen Bibliothek heute, Frau Schmitz. Alle einzeln abstauben und die Regale feucht auswischen, Frau Schmitz. Und gründlich, bitte, Frau Schmitz. Gründlich, Frau Schmitz! Denkt die, ich vergesse zwischendurch meinen eigenen Namen? Weil ich nicht studiert bin?

Zum Glück ist sie nicht reingeplatzt, als ich die Umschläge gefunden hab. Ganz hinten, im obersten Regalfach, hinter den ollen Schinken. Zehn Briefumschläge, vergilbt, verstaubt, nicht zugeklebt. Jeder mit einem dicken Packen Scheine drin. Zehn Mal 10.000 Dollar. Wenn ich richtig gezählt habe. Später zähl ich nochmal nach.

Die müssen da schon lange gelegen haben. Ihr Geld ist das sicher nicht, da hätte die Frau Professor mich niemals die Regale putzen lassen. Also seins. Der brave Herr Professor versteckt Geld zu Hause, hinter seinen Büchern. Poker? Pferderennen? Kann ich mir nicht vorstellen. Erpressung? Drogen? Prostitution? Nein, kann ich mir alles nicht vorstellen. Hoffentlich braucht er das Geld so bald nicht. Ich streite alles ab, falls es soweit kommt. Glaub ich aber nicht. Ich glaube, ich bin sicher. Entweder, er hat’s vergessen oder er wird nichts sagen. Hab ich so im Gefühl…

Dem Hubert werd ich auch nichts sagen. So mickrig wie der Unterhalt ist, den er mir bezahlt. Da kann er eh kaum was sparen. Am Ende will der noch was abhaben! Nix da! Vielleicht kann ich jetzt einen Putzjob weniger. Vielleicht kündige ich in der Pizzeria, dann muss ich nicht mehr so spät ran. Andererseits… die Italiener sind schon großzügig und das Essen richtig gut.

Aber mal in Urlaub fahren, das ist drin. Mal eine Woche raus aus der Putzschürze, rein in den Badeanzug. Sonne, Strand, Meer. Cocktails, knackige Animateure, all inklusiv am besten. Ja, das isses! Und gründlich, bitte, Frau Schmitz. Jawohl, Frau Professor, gründlich. Ich bin immer gründlich, Frau Professor. Hihi… So, jetzt zähl ich’s nochmal!

Abendstimmung (Achtung: Reime!)

Es gibt Menschen, die reimen richtig gut, ohne Kitsch oder Quatsch. Ich gehöre nicht dazu, selbst mit Reimlexikon nicht. In der Schreibwerkstatt zum Reimen aufgefordert, gab ich mein Bestes. Hier kommt es: Zwei Strophen, zweihebiger Jambus, Reimschema abab, cdcd. Formal angeregt von Joachim Ringelnatz‘ „Liedchen“.

Abendstimmung
Die Sonne sinkt
Die Hündin bellt
Die Amsel singt
Der Hunger quält

Die Luft wird frisch
Der Wald steht still
Schatz, komm zu Tisch
`S gibt Fisch mit Dill