Archiv der Kategorie: Geschichten

Ein einfaches Rezept

Gib in eine Schüssel: Eine reichliche Portion Verstand, vom scharfen; ebenso viel Humor, vom feinen.
Mische Ängstlichkeit und Neugier im Verhältnis 2 zu 3 und siebe beides in die Schüssel.
Gieße eine mittlere Portion Angepasstheit dazu (verflüchtigt sich später in Teilen).
Knete mit den Händen alles kräftig durch und sprich dazu einen Zauberspruch nach Wahl (auch möglich: Singen oder Dichten).
Würze mit Freundlichkeit (großzügig) und Arroganz (nur wenig, wird sonst bitter).
Über Nacht an einem ruhigen Ort ziehen lassen.
Kurz vor dem Servieren noch einmal gut durchrühren, bei Bedarf Nachwürzen und heiteren Herzens genießen.

Vorschulnachmittagsbeschäftigungen

Hörspiele von Schallplatte hören. Die Biene Maja, Kimba der weiße Löwe, die Schlümpfe.

Mit Mama Brettspiele spielen oder basteln, dabei Elvis oder die Beatles hören.

Im Fernsehen das Kinderprogramm schauen. Wickie und die starken Männer, Pinocchio und wieder: die Biene Maja.
(traurig sein, wenn stattdessen Bundestagsdebatte kommt, Mama tröstet)

In Märchenbüchern blättern und prächtige Prinzessinnen auf die freien Flächen malen.

Alle Puppen und Stofftiere in den Puppenwagen setzen und in der ganzen Wohnung spazieren fahren.

Einmal der Lieblingspuppe im Versteck die Haare schneiden und Mama, als sie uns entdeckt, erklären, dass die doch wieder nachwachsen. Tatsächlich sind die Haare nicht wieder nachgewachsen.

Das war dann aber auch nicht schlimm.

Ein-Satz-Gedichte

In der Lyrik braucht es nicht viele Worte. Meine Ein-Satz-Gedichte sind inspiriert von Anton G. Leitners „Volksfest“.

Kantine
Wenn der Pudding
über den Schälchenrand
quillt

Yoga
Wenn deine Muskeln
zittern und dich trotzdem
halten

Nachtruhe
Wenn deine Dämonen
den Waffenstillstand
annehmen

Sonnenträumerei

Sonnenschein sehen wir so gut wie nie. Höchstens einmal ganz kurz, in den seltenen Momenten, wenn der Regen aufhört, bevor wir unser Ziel erreicht haben. Für Sonnenwetter sind wir nicht gedacht. Wir schützen vor Nässe und Schmutz. Das ist unsere Aufgabe, ja, unsere Bestimmung! Und die erfüllen wir. Zuverlässig, jederzeit. Schneematsch, Dauerregen, Dreck, der vom Waldboden hochspritzt: kein Problem für uns! Wir sind aus dem richtigen Stoff gemacht. Wasserfest, schmutzabweisend, schnell trocknend. Und unsere silbern reflektierenden Streifen sorgen dafür, dass uns niemand übersieht! Wir stehen für Komfort und Sicherheit.

Natürlich werden wir nicht jeden Tag gebraucht. Unsere Freizeit verbringen wir zusammengelegt in der großen Schublade der Schuhkommode. Da ist immer was los! Verschiedenste Schuhe wohnen dort mit uns. Stiefeletten, Sneakers, Ballerinas und sogar Sandalen mit feinen Riemen, zehenfrei! In der Schublade herrscht reger Austausch. Was man da für Geschichten hört! Vor allem die Sandalen sprechen viel über den Sommer, wenn es heiß ist; sie erzählen von weichem Gras oder gar feinem Sand. Und von der Sonne. Von ihrem Licht, das strahlt und wärmt, manchmal fast verbrennt. Von langen hellen Abenden schwärmen die Sandalen, von den Farben am Himmel, wenn die Sonne untergeht, sanft und mild. Das können wir uns gar nicht richtig vorstellen. Das geben wir aber nicht zu. Wir sind ganz still und träumen vom Sonnenschein.

Die Lichtung

Gelb, braun und golden leuchtet das Laub. Die Herbstluft ist klar. Die Spätnachmittagssonne fällt mild auf den großen Stein am Rand der Lichtung. Flach und quaderförmig ist der Stein, an seinen Seiten und Rändern wächst Moos, aber oben, dort wo sie immer sitzt, ist er glatt. Schon als kleines Kind ist sie oft hierhergekommen und in den letzten Monaten immer häufiger. Altar nennt sie den Stein, aber das verrät sie niemandem. Der Altar gehört nur ihr, der Altar und die kleine Lichtung im Wald, gar nicht weit weg von dem Haus, in dem sie wohnt. Es „zu Hause“ zu nennen, fällt ihr immer schwerer. Zu viel Streiterei und Geschrei, gefolgt von eisigem Schweigen.

Mit angezogenen Beinen sitzt sie auf dem Altar, streichelt über das Moos, als wäre es das glänzende Fell der Katze, die sie sich letztes Jahr gewünscht hat. Nur Dreck und Arbeit würde die machen, hatte ihre Mutter gesagt. Und Kastrieren lassen müsste man die, für solchen Quatsch hätten sie kein Geld. Ihr Vater hatte der Mutter ausnahmsweise zugestimmt. Ihr großer Bruder hatte sie schadenfroh ausgelacht. Seitdem hat sie sich nichts mehr von den Eltern gewünscht.

Die Worte des Streits ihrer Eltern von vorhin hallen in ihrem Kopf nach. Sie ist von der Schule heimgekommen, hat die Haustür kaum einen Spalt geöffnet und sie schon gehört. Ein widerlicher Säufer bist du, hat die Mutter geschrien. Der Vater: Du zickige Kuh, da kannst du deinem Hühnerhaufen wieder vorjammern, was für ein Versager dein Mann ist! Sie hat die Tür von außen wieder zugezogen und ist in den Wald gegangen, zu ihrer Lichtung, ihrem Stein.

Hier ist es still, so wunderbar still. Irgendwo zwitschert ein Vogel, vielleicht ein Fink, und das Herbstlaub in den Wipfeln flüstert ihr zu: hier bist du sicher. Die Sonne steht schon tief und langsam wird ihr kalt. Bald wird sie gehen müssen. Aber noch nicht gleich. Sie will so lange bleiben wie nur möglich.

Nur wenige Meter entfernt, im dichten Unterholz, dort, wo das Mädchen es nicht sehen kann, kauert ein Geschöpf. Behaart ist es, am ganzen Körper, und von wölfischer Gestalt. Seine Augen glühen feuerrot und es beobachtet das Mädchen mit jeder Faser seines Körpers. Je tiefer die Sonne sinkt, umso stärker steigt sein Jagdfieber. Nur noch wenige Augenblicke, dann wird es sich zum Sprung bereit machen.

Der Weg

Ich bin an einem dunklen Ort. Vorsichtig strecke ich meine Arme aus. Rechts, links und über mir fühlen meine Hände kalten, feuchten Stein. Ich fröstele. Vor mir scheint ein schmaler Gang zu liegen und langsam und achtsam beginne ich zu gehen. Die Decke ist niedrig, ich gehe gebückt, die Enge lässt mein Herz schnell schlagen.

Kein Geräusch ist zu hören, noch nicht einmal mein eigener Schritt auf dem steinigen Grund. Die Luft ist kühl und frisch, mein Atem wird tiefer. Der Gang ist kurvig und führt nach unten, weiter in die Tiefe. Ich wähle meine Schritte mit Bedacht, meine Hände tasten nach dem Weg und geben mir gleichzeitig Halt beim Gehen.

Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich glaube nun den Verlauf des Ganges – wenn auch nicht wirklich zu sehen – zumindest sehend zu erahnen. Die Decke ist jetzt ein Stück höher, ich kann aufrecht gehen. Immer tiefer führt der Weg, immer weiter nach unten. Mein Schritt wird sicherer, mein Herzschlag ruhig. Der Gang nimmt eine letzte Kurve, dann öffnet sich eine große Halle vor mir.

Staunend betrete ich sie. Wundersam gewachsene Steine hängen von der Decke, viel zu hoch als dass ich sie berühren könnte. Ich gehe weiter in die Halle hinein, sehe mich um, drehe mich, von irgendwoher dringt ein schwaches Licht. Ich höre ein Tropfen, ein sachtes, stetiges Tropfen. Ich gehe dahin, woher das Tropfen kommt. Ein See. Ein sehr kleiner See liegt an einem Ende der riesigen Halle. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt, obwohl an mehreren Stellen dicke Tropfen von oben darauf fallen.

Ich hocke mich hin und beuge mich über die Wasseroberfläche. Tiefschwarz. Mit einer Hand berühre ich das Wasser. Eiskalt ist es. Als ich die Hand zurückziehe, sehe ich mein eigenes Spiegelbild im Wasser. Als Kind sehe ich mich, als junge Frau, so, wie ich jetzt bin und dann ein faltiges Gesicht umrahmt von weißem Haar. Auch das bin ich. Mein altes Ich lächelt mich an.

Schön, dass du gekommen bist, höre ich meine Stimme. Habe ich gesprochen? Die Worte hallen nach, dann wird es wieder still, das Wasser schwarz. Mir ist nun angenehm warm, trotz der kühlen Luft. Ich fühle mich sicher, geborgen. Dennoch weiß ich: Ich muss weiter.

Da glaube ich, ein Vogelzwitschern zu hören. Sehr, sehr leise und entfernt, aber doch, es ist da. Ich stehe auf, drehe mich um. Sehe weit hinten einen Lichtpunkt. Ich gehe darauf zu, der helle Punkt wird größer, das Zwitschern deutlicher.

Das Licht wird immer heller und nach wenigen Schritten stehe ich im Sonnenschein. Ich schließe die Augen, blinzele, bis meine Augen mit der Helligkeit zurechtkommen. Um mich herum ein lichter, grün leuchtender Wald, Vögel singen, Blätter rauschen sanft. Ich wende meinen Blick zurück, nehme mir Zeit, um mir die Stelle gut einzuprägen. Ich sage: Auf Wiedersehen, und gehe auf dem Weg weiter, der vor mir liegt.

Kindheitsort

Der Ölofen und die verrußte Wand dahinter
Sofa und Sessel, beige, ein bisschen durchgesessen
Der neue Fernsehsessel mit Fußstütze zum Zurücklehnen
Das Gemälde mit den beiden Kindern und dem Schutzengel
Die Decke auf dem Couchtisch mit Flecken, die beim Waschen nicht mehr weggehen
Die gläsernen Briefbeschwerer mit bunten Blüten innen drin
Die Schublade mit Kerzen, Bindfäden, Schere, alten Postkarten und dem Heiligenbildchen mit dem Vaterunser auf der Rückseite
Essensduft aus der Küche, böhmische Knödel, dicke Soße mit viel Dill und
Immer ein Nachtisch