Archiv der Kategorie: Autorin der Woche

Autorin der Woche (22/2021)

Gestern ist Friedrike Mayröcker im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Sie war eine bedeutende Autorin des deutschsprachigen Raums, enorm produktiv und vielfach ausgezeichnet. Ihre Gedichte sind oft nicht leicht zu fassen, nehmen die Lesenden jedoch in ihrer melancholischen Atmosphäre gefangen. Wunderschön finde ich „was brauchst du“ und auch jenes hier:

du bist ein fernes Land
gern schrieb ich dir unter den Bäumen
du bist ein fernes Land
mit wem hast du dich geküszt?
du bist ein fernes Land
der Mond ist über den Bäumen
o mein geliebtes Land
die Tage werden still

Autorin der Woche (21/2021)

Rachel Cusk (1967 in Kanada geboren, lebt heute in Brighton) hat mit „Outline“ (2014, dt. 2016) einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, reist im Sommer nach Athen, um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Auf dem Weg und vor Ort begegnen ihr verschiedene Menschen, die bereitwillig Geschichten und Dramen aus ihren Leben erzählen, und diese Gespräche gibt die Ich-Erzählerin zumeist in indirekter Rede wider. Eine Handlung im strengen Sinne gibt es nicht.

Das klingt vielleicht wenig aufregend, bietet jedoch einen ganz besonderen Reiz: die Personen und die Erzählerin selbst werden dadurch als Umriss, als Silhouette sichtbar – als Outline. Eine kunstvoll komponierte Erzählweise, die der Leserin viel Projektionsfläche lässt.

Autorin der Woche (20/2021)

Wer meint, Großstädte wie London oder Liverpool seien die gefährlichsten Orte in Großbritannien, der irrt. In keiner englischen Grafschaft werden mehr Morde begangen als in Midsomer. Die gute Nachricht: die Aufklärungsrate liegt bei 100% und die Midsomer-Morde sind rein fiktiv.

1931 wird Caroline Graham im mittleren England geboren, arbeitet seit den 1970er Jahren als Journalistin und beginnt 1982, Romane zu schreiben. 1987 erscheint „The Killings at Badger’s Drift“, der erste Kriminalroman, in dem DCI Tom Barnaby in Midsomer ermittelt; sechs weitere Romane folgen. 1997 wird „The Killings at Badger’s Drift“ vom englischen Fernsehen verfilmt und kommt beim Publikum offenbar sehr gut an. Unter dem Serientitel „Midsomer Murders“ werden nicht nur Grahams weitere Barnaby-Romane verfilmt, nein, inzwischen gibt es über 120 Folgen mit eigenständigen Drehbüchern, in denen Inspektor Barnaby üblicherweise mehrere Morde auf einmal klären muss.

Seit 2005 zeigt das deutsche Fernsehen „Inspektor Barnaby“. Neue Folgen werden vom ZDF ausgestrahlt und montagabends laufen bereits gesendete Folgen auf ZDF neo in Dauerschleife. Es mag seltsam klingen ob der vielen Toten; aber die Barnaby-Filme gehören absolut zu meiner Komfortzone. Freudig schaue ich sie immer wieder, denn keine andere Krimiserie ist annähernd so skurril, kurios und ungemein heimelig. Danke an Caroline Graham, meine Nie-gelesen-dafür-umso-öfter-gesehen-Autorin!

Autorin der Woche (19/2021)

Sie gehört wohl zu den produktivsten und erfolgreichsten Autorinnen aller Zeiten: Agatha Christie, meine Nie-gelesen-nur-gesehen-Autorin Nr. 2 von 3. Hercule Poirot kenne ich vor allem aus den Verfilmungen von „Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“ aus den 1970er Jahren, Miss Marple aus den Filmen mit Margaret Rutherford aus den 1960ern.

Neben dem Schreiben hatte Agatha Christie offensichtlich noch ausreichend Zeit für ein ereignisreiches Leben. 1914 heiratet sie einen Oberst der Royal Air Force. Während des ersten Weltkriegs arbeitet sie für das Britische Rote Kreuz in einer Krankenhausapotheke, wo sie viel über giftige Stoffe lernt. 1919 wird ihre Tochter geboren. 1922 begibt sie sich mit ihrem Ehemann auf eine Weltreise. 1926 zerbricht die Ehe und Agatha ist zehn Tage lang vermisst. 1928 reist sie alleine mit dem Orient-Express in den Nahen Osten. 1930 reist sie erneut in den Orient und lernt ihren zweiten Ehemann, einen Archäologen, kennen, dessen Ausgrabungen sie fortan unterstützt, unter anderem durch Fotodokumentation der Funde. 1971 wird sie in den Adelsstand erhoben. 1976 stirbt sie mit 85 Jahren in Oxfordshire.

Wem diese ultrakurze Faktenbiografie zu wenig ist, dem sei die Dokumentation „Agatha Christie – The Queen of Crime“ (arte.tv, noch bis 31.05.2021) empfohlen.

Autorin der Woche (18/2021)

Es gibt Autorinnen, mit deren Werk ich vertraut bin, ohne je eine Zeile davon gelesen zu haben. Wie das geht? Na, klar: Verfilmungen. Nie-gelesen-nur-gesehen-Autorin Nr. 1 von 3: Margaret Mitchell, aus deren Feder „Vom Winde verweht“ stammt.

Mitchell wird 1900 in Atlanta geboren; in eine großbürgerliche Familie, in der historisches Interesse und Parteilichkeit für die Südstaaten selbstverständlich sind. Mitchells ältere Verwandten, die den Amerikanischen Bürgerkrieg erlebt haben, erzählen der kleinen Margaret ihre Geschichten und Erinnerungen. Auf diesen basiert Mitchells Roman, an dem sie zehn Jahre arbeitet, der sofort nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten steht und ihr den Pulitzerpreis einbringt.

„Vom Winde verweht“ ist ein wahres Epos: 1000 Seiten dick das Buch, 4 Stunden lang der Film. Erzählt aus Sicht der wohlhabenden Südstaaten-Damen, die sich fraglos in die geltenden Gesellschaftsnormen einfügen und diese perfekt erfüllen.

Als Präpubertierende haben mich vor allem die prächtigen Kleider und das leidenschaftliche Liebesdrama vor schicksalsschwerer Kulisse beeindruckt. Und natürlich die Schlussszene mit einem der berühmtesten Filmzitaten überhaupt.

Autorin der Woche (17/2021)

Elif Shafak, geboren 1971, ist eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen der Türkei. Sie schreibt in türkischer und englischer Sprache und lebt seit Jahren mit ihrer Familie im Großraum London. Sie erhebt entschieden ihre Stimme, wenn es um Menschenrechte, insbesondere für Frauen geht; zuletzt beispielsweise im Zusammenhang mit dem Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention.

In ihrem TED Talk “The revolutionary power of diverse thought” aus dem Jahr 2017 plädiert Shafak dafür, offen zu sein für Komplexität und diese als Tor zu mehr Freiheit und Solidarität für uns alle zu begreifen.

Autorin der Woche (16/2021)

Über die Ostertage habe ich „Berliner Briefe“ (erschienen 1948) von Susanne Kerckhoff gelesen. Aus dem Nachkriegsberlin schreibt Helene, eine junge Sozialistin, 13 Briefe an ihren emigrierten jüdischen Jugendfreund Hans. Ein illusionsloses und dennoch kämpferisch-hoffnungsvolles Gesellschaftsbild zeichnet die Verfasserin. Sie findet keine ehrliche Reue, kein Eingeständnis von Schuld bei der Mehrheit der Deutschen, stattdessen trotziges Ressentiment gegen die Alliierten. Die Demokratie in Deutschland steht für sie auf wackligen Beinen… Auch mit ihrem eigenen Verhalten während der Naziherrschaft geht sie kritisch ins Gericht. Ihrer Überzeugung nach war sie gegen die Nazis, nach außen hin hielt sie jedoch still und nimmt so eine Mitverantwortung für die Zerstörung und die Verbrechen für sich an. „Berliner Briefe“ ist spannend zu lesen – als zeitgeschichtliches Dokument und als Denkanregung für unsere heutige Gesellschaft.

Zur Autorin: Susanne Kerckhoff wird 1918 in Berlin geboren und wächst bürgerlich-liberal auf. Als Schülerin schließt sie sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an und legt 1937 ihr Abitur ab. 1946 zieht Kerckhoff nach Ost-Berlin, wird 1948 Mitglied der SED und Feuilleton-Chefin der Berliner Zeitung. Bald fällt sie bei bedeutenden Funktionären und Redakteuren in Ungnade und verliert ihre Stellung. Im März 1950 begeht Susanne Kerckhoff Selbstmord.

Autorin der Woche (15/2021)

Als Teenager habe ich seine Bücher mit wohligem Grauen verschlungen: Es, Friedhof der Kuscheltiere, Misery, Salem’s Lot, The Shining, The Stand, Carrie, Cujo, Christine… Stephen King ist fraglos der große Meister des Horrorromans.

Wie vielen kommerziell erfolgreichen Autoren wird auch King oft die literarische Wertigkeit abgesprochen. Jedoch versteht King sein Handwerk durch und durch; er weiß, wie man eine Geschichte packend erzählt, wie man Leserinnen und Leser bannt und sie bis zur letzten Seite mitzittern lässt. Zudem ist er eine sympathische Persönlichkeit, die sich nicht scheut, zu gesellschaftlichen und politischen Themen Stellung zu beziehen. Und er gibt etwas zurück: die Stephen & Tabitha King Stiftung unterstützt soziale Community-Projekte in Maine. Wer mehr über Stephen King erfahren will, dem sei diese Dokumentation empfohlen, die ursprünglich auf Arte ausgestrahlt wurde:

Autorin der Woche (14/2021)

1951 erschien „The Catcher in the Rye“ von J.D. Salinger. Ich bekam das Buch (in der deutschen Übersetzung „Der Fänger im Roggen“) geschenkt, als ich 17 oder 18 war, und schon nach wenigen Zeilen war ich fasziniert von der Hauptfigur. Holden Caulfield ist 16 Jahre alt, kommt aus einer wohlhabenden New Yorker Anwaltsfamilie und wurde – einmal mehr – wegen schlechter Leistungen von der Schule verwiesen. Kurz vor Weihnachten verlässt er sein Internat; fürchtet jedoch die Reaktion der Eltern und anstatt nach Hause zu gehen, streunt er drei Tage lang durch Manhattan.

Holden missbilligt die Lebensweise seiner Eltern, die er für verlogen und geistlos-materialistisch hält. Auch viele Gleichaltrige sind für ihn selbstdarstellerische und oberflächliche Idioten; und mit sich selbst hadert er ebenfalls. Nur sehr wenige Menschen kann Holden positiv sehen; darunter seine kleine Schwester Phoebe und seinen verstorbenen Bruder Allie. Holden ist zynisch, innerlich zerrissen und fühlt sich nirgendwo zugehörig.

Salinger hat mit Holden Caulfield einen zeitlos gültigen Prototypen des empörten, strauchelnden Jugendlichen geschaffen, der verzweifelt auf der Suche ist nach sich selbst und seinem Platz in der Gesellschaft. Auch ich habe mich damals beim Lesen völlig mit Holden identifiziert, obwohl meine äußeren Lebensumstände tatsächlich ganz anders waren. Die inneren Stürme und Kämpfe kannte ich dafür sehr gut – und es hat geholfen zu sehen, dass diese offenbar ganz normal sind.

Autorin der Woche (13/2021)

In den letzten zwölf Wochen habe ich zwölf ganz unterschiedliche schreibend-schöpferische Frauen gezeigt, die mich mit ihrem Werk berührt haben. In der Tat gibt es auch männliche Autoren, die für mich bedeutsam sind. Drei davon stelle ich in den kommenden Wochen vor.

Leo Lionni (1910 – 1999) war Grafiker, Maler und Schriftsteller. 1967 erschien seine Bildergeschichte über die Feldmaus Frederick, die nicht ist wie die anderen Mäuse. Während jene Nüsse, Weizen und Stroh für den nahenden Winter sammeln, sitzt Frederick träumerisch herum und sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Die anderen lassen Frederick gewähren. Gegen Ende des Winters sind die Körner und Beeren aufgebraucht, die Mäuse frieren und sie werden stumm. Da kommt Fredericks Stunde: Seine Vorräte wärmen die Mäusefamilie und lassen sie träumen und hoffen.

Als Grundschulkind bin ich in diese Geschichte versunken. Sie zeigt, dass man anders sein kann als die anderen, dass man andere Dinge tun kann als die anderen – und trotzdem dazu gehört zur Gemeinschaft. Diesen Gedanken konnte ich als Kind natürlich nicht formulieren; aber empfunden habe ich so. Und tue es noch immer.