Archiv der Kategorie: Autorin der Woche

Autorin der Woche (30/2021)

Beim Poetenfest 2012 war Marjana Gaponenko zu Gast. Sie stellte ihren damals neu erschienenen Roman „Wer ist Martha?“ vor. Vom Vortrag begeistert habe ich mir das Buch gekauft, inzwischen zweimal gelesen und ein drittes Mal möchte ich nicht ausschließen… oder vielleicht lieber eins ihrer anderen Bücher?

Hier mein damaliger Blogeintrag zu „Wer ist Martha?“:

Ein 96-jähriger krebskranker Ornithologe als Protagonist? Regt mich persönlich nicht unbedingt zum Kauf eines Buches an. Die Autorin ist eine ca. 30-jährige Ukrainerin (geboren 1981 in Odessa), die auf Deutsch schreibt? Da wird die Sache schon spannender!

Letztendlich überzeugt hat mich Marjana Gaponenkos Vortrag beim Erlanger Poetenfest 2012. Dort hat sie den sterbenden Vogelkundler Luka Lewadski auf charmante Weise zum Leben erweckt. Eigenbrötlerisch, verschroben und sympathisch ist er. Die Geschichte ist feinfühlig und skurril; teil surrealistisch, wenn sie zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt. Die fließend leichte Sprache lädt ein, mit auf Lewadskis letzte Reise zu gehen. Es lohnt sich, diese Einladung anzunehmen!

Autorin der Woche (29/2021)

Michael Köhlmeier habe ich zuerst durch seine knapp 15-minütigen Erzählungen von Sagen des klassischen Altertums auf BR-alpha (heute: ARD-alpha) kennengelernt. Mit einer wunderbar musikalischen Stimme und faszinierender Erzählkraft erweckt er Götter, Könige und Ungeheurer zu neuem Leben. Ebenso fesselnd erzählt Köhlmeier Märchen aus aller Welt auf ARD-alpha.

Erst später habe ich gelernt, dass Köhlmeier auch Bücher schreibt, und zwar sehr gute; gelesen habe ich bisher „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ und „Madalyn“. Beim Poetenfest 2017 kam er Sonntagabend zum Autorenporträt ins Markgrafentheater – ein krönender Abschluss damals.

Seit 1981 ist Köhlmeier mit Monika Helfer verheiratet, sie leben in Vorarlberg und Wien.

Autorin der Woche (28/2021)

Die Chancen stehen gut, dass es ein Erlanger Poetenfest 2021 geben wird und der Zeitpunkt steht fest: 26.-31. August. In welcher Form es stattfinden wird, ist noch nicht bekannt. An für alle frei zugängliche Lesenachmittage im Schlossgarten kann ich nicht glauben; vielleicht wird es ähnliche Formate geben wie im letzten Jahr: Lesungen für bis zu 100 Zuschauer, mit Tickets und festen Sitzplätzen.

Zur Einstimmung stelle ich in den nächsten Wochen Autorinnen und Autoren vor, die ich beim Erlanger Poetenfest erleben durfte – und vielleicht ist die eine oder der andere in diesem Jahr wieder mit von der Partie. Den Anfang macht Monika Helfer, die 2020 ihren Familienroman „Die Bagage“ vorgestellt hat. Hier ein Auszug meines Blogeintrags dazu:

Monika Helfer erzählt in „Die Bagage“ die Geschichte ihrer Großeltern, die als Außenseiter in einem Dorf in Vorarlberg leben. Als 1914 der Großvater Josef zum Kriegsdienst eingezogen wird, bleibt die schöne Großmutter Maria mit den Kindern zurück und ist der Lust der Männer und dem Argwohn der Frauen ausgesetzt. Und dann wird Maria schwanger, mit der Mutter der Autorin… Der Roman ist (auto)biographisch inspiriert, enthält jedoch auch fiktive Elemente und Figuren. Monika Helfers lakonischer Stil gibt den Lesenden Raum und zieht sie gleichzeitig in seinen Bann.

Monika Helfer schreibt sich weiter durch ihre Familiengeschichte; Anfang des Jahres erschienen: „Vati“.

Autorin der Woche (27/2021)

46 Jahre vor Vicki Baums „Vor Rehen wird gewarnt“, also 1905, erscheint „The House of Mirth“ von Edith Wharton. Auch in diesem Roman wird die Lebensgeschichte einer jungen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt. Lily Bart ist ähnlich wie Ann Ambros Tochter einer gutbürgerlichen Familie, allerdings nicht in San Francisco, sondern in New York. Und wie für Ann ist der erwünschte Lebensweg für Lily vorgezeichnet: eine standesgemäße Hochzeit, dann vorbildliche Ehefrau, Mutter und Gastgeberin vergnüglicher Gesellschaften.

Doch hier enden die Parallelen. Während Ann rücksichtslos den einen Mann, den sie will, für sich zu gewinnen sucht, kämpft Lily mit widerstrebenden Gefühlen. Ihr Herz gehört einem sozial nicht angemessen gestellten Anwalt. Für einen der reichen Verehrer kann sie sich nicht entscheiden. Und dann gerät sie durch eine Intrige nicht nur ins gesellschaftliche Abseits, sondern in bedrohliche materielle Not. Edith Whartons Roman ist eine berührende Liebes- und Lebensgeschichte und aufschlussreiches Gesellschaftsporträt zugleich.

Autorin der Woche (26/2021)

Vicki Baum führte ein bewegtes Leben: 1888 in Wien in eine gutbürgerliche, aber eher dysfunktionale Familie geboren, auf Drängen der Mutter zur Harfenistin ausgebildet und als Berufsmusikerin erfolgreich. 1909-1913 die erste Ehe, durch den Mann kommt sie zum Schreiben. 1916 die zweite Hochzeit, zwei Söhne kommen zur Welt. Die Familie lebt in verschiedenen Städten in Deutschland, Baum wird Redakteurin und anerkannte Autorin beim Berliner Ullstein-Verlag. 1929 erscheint „Menschen im Hotel“ und macht sie auch international bekannt. Der Roman wird in Berlin und am Broadway auf die Bühne gebracht und 1932 mit Greta Garbo verfilmt. Für eine Werbekampagne geht Baum 1931 in die USA und bleibt dort bald dauerhaft; sie hat die Zeichen der Zeit wohl früh erkannt. Baum ist schriftstellerisch produktiv und reist viel, nach dem Krieg auch wieder nach Europa. Ihre Bücher sind kommerziell erfolgreich, werden von der Kritik aber oft als Trivialliteratur abgetan – zu Unrecht. In späteren Jahren ist Baums Gesundheit angegriffen, sie erkrankt an Leukämie und stirbt 1960 in Los Angeles.

Anfang März 2020 wird Baums Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ (1951) im Literarischen Quartett besprochen (ab 37:17). Das hat mich neugierig gemacht auf die Antiheldin Ann Ambros, die durch ihre unablässig an den Tag gelegte Hilflosigkeit alle und jeden in ihrer Umgebung manipuliert und so immer ihren Willen bekommt. Meine Sympathie gewann beim Lesen zunehmend Anns Stieftochter Joy, die spät beginnt, gegen die Mutter aufzubegehren und dadurch eine Zugfahrt möglicherweise zum schicksalhaften Wendepunkt werden lässt.

Autorin der Woche (25/2021)

„So viel Energie“ heißt der wunderbare, reich bebilderte Band der Zürcher Kunstwissenschaftlerin Hanna Gagel. In diesem proträtiert sie sechzehn Malerinnen und Bildhauerinnen jenseits der 50, für die gerade diese sogenannte dritte Lebensphase besonders kreativ und produktiv war. Gagel führt den Beweis, dass das höhere Alter eine Zeit von Vitalität und ungehemmter Schaffenskraft sein kann. Das sind exzellente Nachrichten für jemanden wie mich: eine Frau, die unweigerlich auf die 50 zugeht… 🙂


Vorgestellt werden Marianne Werefkin, Käthe Kollwitz, Helen Dahm, Sonia Delaunay, Hannah Höch, Georgia O’Keeffe, Louise Nevelson, Alice Neel, Lee Krasner, Louise Bourgeois, Meret Oppenheim, Verena Loewensberg, Agnes Martin, Maria Lassnig, Magdalena Abakanowicz und Niki de Saint Phalle.

Autorin der Woche (24/2021)

Seit einer gefühlten Ewigkeit war ich gestern und heute endlich einmal wieder bei einer Schreibwerkstatt der Volkshochschule. Dort kommen Leute zusammen, die ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf lassen möchten. Nach vielen Monaten des Zurückgezogen-Seins hat es mir so gut getan, das Wochenende in dieser Stimmung in einer Gruppe zu verbringen. Freudig habe ich drei kleine Werke geschaffen und begeistert die Texte der anderen gehört und besprochen. Dieser positive Energiefluss hat mich beflügelt und glücklich beseelt.

Und so ist die „Autorin der Woche“ heute allen Schreibenden gewidmet, die es nie in die Bestsellerlisten schaffen werden (und dies meist auch gar nicht anstreben), sondern die im Schreiben einfach ihre Leidenschaft und ihren Weg zum Selbstausdruck finden.

Autorin der Woche (23/2021)

In einem Brief an ihre Freundin Vita Sackville-West schreibt Virginia Woolf:

“Style is a very simple matter; it is all rhythm. Once you get that, you can’t use the wrong words. But on the other hand here am I sitting after half the morning, crammed with ideas, and visions, and so on, and can’t dislodge them, for lack of the right rhythm. Now this is very profound, what rhythm is, and goes far deeper than any words. A sight, an emotion, creates this wave in the mind, long before it makes words to fit it.”

Rhythmus als Prinzip des Schreibens anstatt einer durchstrukturierte Handlung mit detailbeschriebenen Charakteren und Landschaften. In ihrem Roman Mrs. Dalloway (1925) hat Woolf diesen Rhythmus gefunden. Sie kontrastiert den Bewusstseinsstrom einer Dame der feinen Londoner Gesellschaft mit dem eines mental kranken jungen Mannes – ein Tageslauf, zwei Leben; auf faszinierende Weise verwebt.

Das Zitat zeigt jedoch auch eine dunkle Seite. Oft ist Virginia Woolf ein gequälter Geist; sie erlebt depressive und psychotische Episoden. Diverse Behandlungen in verschiedenen Institutionen helfen ihr am Ende nicht. 1941 verschlechtert sich ihr Zustand rapide und sie ertränkt sich im River Ouse.

Autorin der Woche (22/2021)

Gestern ist Friedrike Mayröcker im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Sie war eine bedeutende Autorin des deutschsprachigen Raums, enorm produktiv und vielfach ausgezeichnet. Ihre Gedichte sind oft nicht leicht zu fassen, nehmen die Lesenden jedoch in ihrer melancholischen Atmosphäre gefangen. Wunderschön finde ich „was brauchst du“ und auch jenes hier:

du bist ein fernes Land
gern schrieb ich dir unter den Bäumen
du bist ein fernes Land
mit wem hast du dich geküszt?
du bist ein fernes Land
der Mond ist über den Bäumen
o mein geliebtes Land
die Tage werden still

Autorin der Woche (21/2021)

Rachel Cusk (1967 in Kanada geboren, lebt heute in Brighton) hat mit „Outline“ (2014, dt. 2016) einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, reist im Sommer nach Athen, um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Auf dem Weg und vor Ort begegnen ihr verschiedene Menschen, die bereitwillig Geschichten und Dramen aus ihren Leben erzählen, und diese Gespräche gibt die Ich-Erzählerin zumeist in indirekter Rede wider. Eine Handlung im strengen Sinne gibt es nicht.

Das klingt vielleicht wenig aufregend, bietet jedoch einen ganz besonderen Reiz: die Personen und die Erzählerin selbst werden dadurch als Umriss, als Silhouette sichtbar – als Outline. Eine kunstvoll komponierte Erzählweise, die der Leserin viel Projektionsfläche lässt.