Das Poet*innenfest ist einer der Gründe, warum ich Erlangen so liebe. Ausgabe Nr. 44 lockte mit vielen Veranstaltungen, doch ich habe mich auch diesmal wieder auf die beiden Lesenachmittage im Schlossgarten „beschränkt“. „Beschränkt“ zu Recht in Anführungszeichen, denn die Lesungen boten – wie gewohnt – eine beeindruckende Bandbreite an Themen und Perspektiven. Bei 30 Grad und blauem Spätsommerhimmel ließ es sich auf einer Decke auf dem Rasen mit einem gelegentlichen Eis bestens lauschen. Hier meine Favoriten.
Stefanie de Velasco: Das Gras auf unserer Seite
Drei Frauen in Berlin hinterfragen ihre Lebensentwürfe: Ist das Gras auf der anderen Seite nicht vielleicht doch grüner? Es geht ums eigene Älterwerden und das der Eltern, um Beziehung und Freundschaft, in humorvoller und unverblümter Sprache.
Tijan Sila: Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde
Der diesjährige Gewinner des Ingeborg-Bachmann- Preises. 1981 in Sarajevo geboren, kam Tijan Sila mit 13 als Kriegsflüchtling mit seinen Eltern nach Deutschland. Seine Eltern können den Krieg nicht abschütteln. Während der Vater manischer Sammler von Elektroschrott wird, fällt die Mutter in einen tiefen Wahn.
Nora Bossong: Reichskanzlerplatz
Der Student und spätere Diplomat Hans Kesselbach ist die Erzählstimme dieses Romans, der das Leben von Magda Behrend porträtiert. Jene Frau, die durch die Heirat mit dem Unternehmer Günther Quandt 1921 in die Oberschicht aufsteigt und später als Magda Goebbels die „First Lady“ des Nazi-Regimes wird. Es geht um Mitttäterschaft und wie aus dem kleinen Bösen das große Böse erwächst.
Valerie Fritsch: Zitronen
August wächst in einem Dorf in den Bergen auf. Von den Eltern erfährt er Gewalt: der Vater schlägt, die Mutter macht ihn krank, um dadurch Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten (Münchhausen-Stellvertretersyndrom). Was wird aus einem Kind, das unter solchen Umständen aufwächst? Valerie Fritsch hat für ihren Roman zahlreiche Interviews mit Opfern und Tätern von Gewalt geführt.
Luca Mael Milsch: Sieben Sekunden Luft
Die Ich-Erzählerin Selah sehnt sich nach Ruhe. Sie meldet sich krank und fährt an die See. Ihre Kindheit, geprägt von einer komplizierten Beziehung zur überforderten und ehrgeizigen Mutter, wird in der Abgeschiedenheit gegenwärtig. Gekonnt wechselt Luca Mael Milsch in die Tonlage des Kindes. Der Roman erzählt von einer allmählichen Befreiung, an deren Ende der Atem fließen kann.
Zora del Buono: Seinetwegen
Die Autorin spürt ihrem Vater nach, der 1963 kurz nach ihrer Geburt bei einem Autounfall ums Leben kam – weil im VW Käfer, in dem er unterwegs war, eine Kopfstütze fehlte. Bei ihrer Recherche stößt Zora del Buono auf ungeahnte Zusammenhänge und schließlich auch auf E.T. – den Verursacher des Unfalls.
Anna Katharina Hahn: Der Chor
Der Mikrokosmos eines Stuttgarter Frauenchors scheint auf den ersten Blick harmonisch. Doch es knirscht im Mittelschichtsidyll. Im Autorinnengespräch nach der Lesung wurde eine fulminante zweite Hälfte mit Wendungen und Katastrophen angekündigt. Ich bin gespannt!
Virtuos umrahmt wurden die Lesenachmittage von der Klangkünstlerin Dorit Chrysler, die mit ihren Stücken auf dem Theremin (ein berührungslos zu spielendes elektronisches Musikinstrument) eine ganz besondere Atmosphäre zauberte.
Danke einmal mehr für ein großartiges Wochenende, liebes Poet*innenfest!
