Der Ort (1)

Wo ich als Kind schon Kaffee mit viel Sahne trinken darf, dazu Zimtrollen, Schwarzwälder Kirsch und Frankfurter Kranz.
Wo ich stundenlang mit den Matchbox-Autos und der Rennbahn meines Onkels spiele.
Wo ich mit meinem Opa in seiner Mittagspause in der Werkskantine roten Presssack vespere.
Wo ich nach Schichtende in die geheimnisvollen Fabrikhallen mitkommen darf, wenn meine Oma und ihre Kolleginnen dort putzen.
Wo ich im Hof vor einem riesigen Glascontainer hinfalle und der Arzt danach mit der Pinzette winzige Scherben aus meinen Handflächen zieht.
Wo meine Großeltern mir ein Puppenhaus mit vielen Zimmern, Teppich und Tapete schenken, das einer der Tischler in der Fabrik gebaut hat.
Wo ich meiner Oma bei einem Besuch einfach so einen Blumenstrauß mitbringe, und es ist ihr Hochzeitstag.
Wo heute niemand mehr arbeitet und lebt, außer in meiner Erinnerung.

inspiriert von „Der Ort“ von Bernd Jentzsch

Hinterlasse einen Kommentar