Monatsarchiv: Juni 2025

Verknappung der Woche (26/2025): Sylvia Plath – Die Glasglocke

In ihrem einzigen Roman „Die Glasglocke“ begleitet Sylvia Plath ihre Protagonistin Esther Greenwood durch den Sommer 1953. Nach einem Volontariat bei einem New Yorker Modemagazin fällt Esther in eine schwere Depression und nach einem Suizidversuch wird sie in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Die Geschichte zeigt die Zerrissenheit der Protagonistin im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Anforderungen und wurde in den 1970er Jahren zu einem Kultbuch, das die Stimmungslage vieler Frauen traf und Sylvia Plath postum zu einer Ikone der Frauenbewegung machte.

Auf Seite 85f. (suhrkamp taschenbuch 3676) beschreibt Plath treffend knapp Esthers Konflikt; und dieser hat nichts an Aktualität verloren:

Gut war ich nur in einem, im Erringen von Stipendien und Preisen, aber diese Ära neigte sich ihrem Ende zu.
Ich kam mir vor wie ein Rennpferd in einer Welt ohne Rennbahnen oder wie ein College-Meister im Football, der es plötzlich mit der Wall Street und mit Anzug und Krawatte zu tun bekommt, während seine ruhmreichen Tage zu einem kleinen goldenen Pokal auf dem Kaminsims schrumpfen, mit eingraviertem Datum wie auf einem Grabstein.
Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.
Gleich dicken purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika, eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und ein Rudel weiterer Liebhaber mit seltsamen Namen und ausgefallenen Berufen, eine weitere Feige war eine olympische Mannschaftsmeisterin, und hinter und über all diesen Feigen hingen noch viele andere, die ich nicht genau erkennen konnte.
Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.

Verknappung der Woche (25/2025): Mary Oliver – Wild Geese

Auf der Zugfahrt in den Urlaub bin ich auf das Gedicht „Wild Geese“ von Mary Oliver gestoßen. Es drückt für mich in wunderbar poetischer Weise aus, dass man sich getrost der Welt, der Natur, dem Universum anvertrauen kann in Zeiten, in denen man auf der Suche ist oder sich verloren fühlt.

Wild Geese
You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
for a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
are moving across the landscapes,
over the prairies and the deep trees,
the mountains and the rivers.
Meanwhile the wild geese, high in the clean blue air,
are heading home again.
Whoever you are, no matter how lonely,
the world offers itself to your imagination,
calls to you like the wild geese, harsh and exciting–
over and over announcing your place
in the family of things.

Mary Oliver

Verknappung der Woche (24/2025)

Viermal im Jahr liegt das kostenlose Info-Blatt der beiden lokalen Pfarrämter in meinem Briefkasten. Obwohl ich schon vor sehr langer Zeit aus der Kirche ausgetreten bin, lese ich gern darin. Ich finde immer einmal wieder inspirierende, nachdenklich machende oder tröstende Gedanken. So zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe diesen irischen Segensspruch.

Nimm Dir Zeit zum Träumen, das ist der Weg zu den Sternen.
Nimm Dir Zeit zum Nachdenken, das ist die Quelle der Klarheit.
Nimm Dir Zeit zum Lachen, das ist die Musik der Seele.
Nimm Dir Zeit zum Leben, das ist der Reichtum des Lebens.
Nimm Dir Zeit zum Freundlichsein, das ist das Tor zum Glück.

Verknappung der Woche (23/2025)

Morgen geht es in den Urlaub. Der Koffer ist so gut wie gepackt. Als Motto nehme ich mir drei Sätze von Virginia Woolf mit.

No need to hurry. No need to sparkle. No need to be anybody but oneself.
Virginia Woolf