In ihrem einzigen Roman „Die Glasglocke“ begleitet Sylvia Plath ihre Protagonistin Esther Greenwood durch den Sommer 1953. Nach einem Volontariat bei einem New Yorker Modemagazin fällt Esther in eine schwere Depression und nach einem Suizidversuch wird sie in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Die Geschichte zeigt die Zerrissenheit der Protagonistin im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Anforderungen und wurde in den 1970er Jahren zu einem Kultbuch, das die Stimmungslage vieler Frauen traf und Sylvia Plath postum zu einer Ikone der Frauenbewegung machte.
Auf Seite 85f. (suhrkamp taschenbuch 3676) beschreibt Plath treffend knapp Esthers Konflikt; und dieser hat nichts an Aktualität verloren:
Gut war ich nur in einem, im Erringen von Stipendien und Preisen, aber diese Ära neigte sich ihrem Ende zu.
Ich kam mir vor wie ein Rennpferd in einer Welt ohne Rennbahnen oder wie ein College-Meister im Football, der es plötzlich mit der Wall Street und mit Anzug und Krawatte zu tun bekommt, während seine ruhmreichen Tage zu einem kleinen goldenen Pokal auf dem Kaminsims schrumpfen, mit eingraviertem Datum wie auf einem Grabstein.
Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.
Gleich dicken purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika, eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und ein Rudel weiterer Liebhaber mit seltsamen Namen und ausgefallenen Berufen, eine weitere Feige war eine olympische Mannschaftsmeisterin, und hinter und über all diesen Feigen hingen noch viele andere, die ich nicht genau erkennen konnte.
Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.