Zum Liegen auf der Wiese war es diesmal ein wenig zu kühl, fürs Lauschen auf den Bänken und Stühlen war’s ideal: das Wetter beim 45. Erlanger Poet*innenfest. Hier mein persönlicher Bericht.
Ulrike Draesner: penelopes sch( )iff
Draesner belebt den Mythos Odyssee neu aus Sicht der Frauen, allen voran Penelope, die mit 100 Frauen in See sticht, nachdem ihr durch den Krieg brutalisierter Gatte als Herrscher nicht mehr tragbar ist. Das Gespräch mit Draesner nach der Lesung hat mich begeistert: die Motivation, die Idee, das Anliegen des Werks. Die Umsetzung als „Postepos“ – ein „Text- und Klanggewebe“ laut Programmheft – spricht jedoch nicht zu mir, lässt mich außen vor, so dass ich nicht mit an Bord kommen werde. Ich wünsche Penelopes Schiff jedoch alles Gute.
Natascha Gangl: DA STA
Jedes Jahr bin ich gespannt auf den/die Bachmann-GewinnerIn. Oft entwickeln diese Texte eine Sogkraft, die mich als Zuhörerin bannen. Das bleibt diesmal weitgehend aus. Keine Verzauberung, es bleibt beim anerkennenden Interesse.
Jakob Hein: Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste
Das Highlight des Samstags für mich! DDR, 1980er Jahre. Um die Handelsbeziehungen zum sozialistischen Bruderland Afghanistan zu stärken, hat Jungaktivist Grischa eine geniale Idee: in Deutsch-Afghanischen Freundschaftsläden an den Grenzübergängen zur BRD verkauft die DDR Haschisch aus Afghanistan an Westler. Ein durchschlagender Erfolg! Humorvoll mit leichter Feder erzählt und trotz der Skurrilität glaubwürdig. Ist auf meiner Einkaufsmerkliste.
Kristine Bilkau: Halbinsel
Auf dem Poetenfest 2018 hat mich „Eine Liebe in Gedanken“ begeistert. Mir scheint, „Halbinsel“ hat einen ebenso poetisch geradlinigen Ton. Die junge erwachsene Tochter zieht nach einem Zusammenbruch zur Mutter zurück auf die Halbinsel an der Nordsee. Eingespielte Rollen brechen dadurch auf und alte, bislang verborgene Missverständnisse treten zutage. Kandidat Nr. 2 für meine Einkaufsmerkliste.
Jehona Kicaj: ë
Der Buchstabe „ë“ kommt aus dem Albanischen, wird ausgesprochen in etwa wie das „e“ am Ende von „Gedanke“. Die Familie der Erzählerin flieht in den 1990ern aus dem Kosovo nach Deutschland und erlebt den Kosovokrieg 1998/99 aus der Ferne. Zum Trauma kommen Desinteresse und Ignoranz der Deutschen. Die Lesung und das anschließende Gespräch waren augenöffnend und berührend.
Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten
Es gibt Parallelen zu Kicajs „ë“: beide Romane sind autofiktional und schildern das Leben von Familien, die in den 1990ern nach Deutschland kamen, als die heutigen Erzähler noch Kinder waren. Und im Heimatland herrscht Krieg. Kapitelmans Familie stammt aus Kiew und betreibt seit Langem einen Laden mit russischen Spezialitäten in Leipzig. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zieht sich ein Graben durch die Familie: die Mutter steht treu zu Russland, ganz anders als der Sohn. Für den Roman reiste Kapitelman mitten im Krieg nach Kiew und berichtet davon nicht nur im Buch, sondern auch im Gespräch nach der Lesung – einfühlsam und humorvoll, trotz aller Schrecken.
Daniela Dröscher: Junge Frau mit Katze
Darauf war ich enorm gespannt. „Lügen über meine Mutter“ habe ich sehr gern gelesen. Im neuen Roman erzählt Dröscher die Geschichte weiter; jetzt steht die erwachsene Tochter als Ich-Erzählerin im Mittelpunkt. Wieder geht es um einen Frauenkörper – diesen plagen unzählige Krankheiten, die Ärzte sind oft ratlos. Was ist mit der Physis dieser jungen Frau – und was mit ihrer Psyche? Lesung und vor allem das Gespräch machen neugierig – ebenfalls ein Kandidat für die Einkaufsmerkliste.
Raoul Schrott: Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit
Ein wahrhaft krönender Abschluss am Sonntagabend im Markgrafentheater. Was für ein Buchprojekt! Auf 1280 Seiten (=4 kg) versammelt Schrott 17 Sternenhimmel von allen Kontinenten: von den Alten Ägyptern zu den Aborigines und den Inuit, aus China, Indien und Tahiti. Der Sternenhimmel ist weltweit kulturgeschichtlich von immenser Bedeutung: Urahnen, Helden, Götter und Schöpfungswesen finden sich dort; Sagen und Mythen spiegeln sich im Sternenglanz. Raoul Schrott hat aus seinem Buch nicht gelesen, er hat einfach erzählt. So fesselnd, dass ich ihm noch zwei weitere Stunden hätte zuhören wollen.
Beseelt von der abschließenden Veranstaltung und dem gesamten Wochenende geht es kurz vor 22.00 Uhr nach Hause. Entspannt auf dem Fahrrad, immer mal wieder mit einem Blick nach oben zu den Sternen.