Monatsarchiv: Oktober 2025

Verknappung der Woche (43/2025): Christian Morgensterns Weihnachtsbäumlein

Kinder, wie die Zeit vergeht! In zwei Monaten ist Weihnachten so gut wie vorbei. Passend dazu ein Gedicht von Christian Morgenstern.

Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm –
Hei! Tat`s da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Christian Morgenstern

Verknappung der Woche (42/2025): Im Atemhaus von Rose Ausländer

Im Atemhaus

Unsichtbare Brücken spannen
von dir zu Menschen und Dingen
von der Luft zu deinem Atem

Mit Blumen sprechen
wie mit Menschen
die du liebst

Im Atemhaus wohnen
eine Menschblumenzeit

Rose Ausländer

Verknappung der Woche (41/2025): Edith Stein

Auf den Tag genau vor 134 Jahren wurde Edith Stein geboren. Die deutsche Philosophin, Frauenrechtlerin und Ordensfrau jüdischer Herkunft gilt als Brückenbauerin zwischen Christen und Juden. Trotz einer ausgezeichneten Promotion durfte sie nicht habilitieren – weil sie eine Frau war. Stein konvertierte 1922 zum Katholizismus, trat in den Karmeliterorden ein und wurde später als Heilige und Märtyrerin verehrt. Sie starb 1942 im Konzentrationslager Auschwitz.
Für folgendes Zitat habe ich keine verlässliche Quelle gefunden, weiß also nicht sicher, ob es wirklich von ihr stammt. Ich schreibe es ihr dennoch gerne zu – als treffende Verknappung eines der wichtigsten Dinge im Leben.

Ich weiß, daß ich jemanden in meiner Nähe habe, dem ich rückhaltlos vertrauen kann, und das ist etwas, was Ruhe und Kraft gibt.
Edith Stein (1891–1942)

Verknappung der Woche (40/2025): Jane Goodalls nächstes Abenteuer

Am Mittwoch ist die Verhaltensforscherin Jane Goodall im Alter von 91 Jahren gestorben. Ihre Beobachtungen von freilebenden Schimpansen in Tansania in den 1960er Jahren revolutionierten den Blick auf Primaten. Goodall wies beispielsweise nach, dass Schimpansen Werkzeuge benutzen und auch Fleisch fressen. Vor einem Jahr war sie Gast im Podcast „Wiser Than Me“ mit Julia Louis-Dreyfus. Gegen Ende erzählt Goodall, was sie drei Jahre zuvor geantwortet hat, als sie bei einem Vortrag mit 10.000 Zuhörern von einer Frau aus dem Publikum gefragt wurde, was ihr nächstes Abenteuer sein wird. Hier die Passage des Transkripts (leicht angepasst):

There was a Q&A and she said: What will your next adventure be? I’d never been asked that before, so I thought. And I said: Well, if it was ten years ago and I was, you know, much physically fitter, I would have said, I want to go to Papua New Guinea, where there are mountains and undiscovered species, and I’d love but I couldn’t do that now.
So I said: Well, I think my next great adventure will be dying. There was a hush and then a few nervous giggles, and I said: Well, when you die, there’s either nothing, in which case, okay, nothing. Or there’s something. And I happen to think there is something because of experiences I’ve had. And if that’s true, what greater adventure can there be than discovering what that something is? And people have come up to me and said, I used to be afraid of dying, but now I’m not afraid anymore.