Verknappung der Woche (26/2025): Sylvia Plath – Die Glasglocke

In ihrem einzigen Roman „Die Glasglocke“ begleitet Sylvia Plath ihre Protagonistin Esther Greenwood durch den Sommer 1953. Nach einem Volontariat bei einem New Yorker Modemagazin fällt Esther in eine schwere Depression und nach einem Suizidversuch wird sie in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Die Geschichte zeigt die Zerrissenheit der Protagonistin im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Anforderungen und wurde in den 1970er Jahren zu einem Kultbuch, das die Stimmungslage vieler Frauen traf und Sylvia Plath postum zu einer Ikone der Frauenbewegung machte.

Auf Seite 85f. (suhrkamp taschenbuch 3676) beschreibt Plath treffend knapp Esthers Konflikt; und dieser hat nichts an Aktualität verloren:

Gut war ich nur in einem, im Erringen von Stipendien und Preisen, aber diese Ära neigte sich ihrem Ende zu.
Ich kam mir vor wie ein Rennpferd in einer Welt ohne Rennbahnen oder wie ein College-Meister im Football, der es plötzlich mit der Wall Street und mit Anzug und Krawatte zu tun bekommt, während seine ruhmreichen Tage zu einem kleinen goldenen Pokal auf dem Kaminsims schrumpfen, mit eingraviertem Datum wie auf einem Grabstein.
Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.
Gleich dicken purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika, eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und ein Rudel weiterer Liebhaber mit seltsamen Namen und ausgefallenen Berufen, eine weitere Feige war eine olympische Mannschaftsmeisterin, und hinter und über all diesen Feigen hingen noch viele andere, die ich nicht genau erkennen konnte.
Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.

Verknappung der Woche (25/2025): Mary Oliver – Wild Geese

Auf der Zugfahrt in den Urlaub bin ich auf das Gedicht „Wild Geese“ von Mary Oliver gestoßen. Es drückt für mich in wunderbar poetischer Weise aus, dass man sich getrost der Welt, der Natur, dem Universum anvertrauen kann in Zeiten, in denen man auf der Suche ist oder sich verloren fühlt.

Wild Geese
You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
for a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
are moving across the landscapes,
over the prairies and the deep trees,
the mountains and the rivers.
Meanwhile the wild geese, high in the clean blue air,
are heading home again.
Whoever you are, no matter how lonely,
the world offers itself to your imagination,
calls to you like the wild geese, harsh and exciting–
over and over announcing your place
in the family of things.

Mary Oliver

Verknappung der Woche (24/2025)

Viermal im Jahr liegt das kostenlose Info-Blatt der beiden lokalen Pfarrämter in meinem Briefkasten. Obwohl ich schon vor sehr langer Zeit aus der Kirche ausgetreten bin, lese ich gern darin. Ich finde immer einmal wieder inspirierende, nachdenklich machende oder tröstende Gedanken. So zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe diesen irischen Segensspruch.

Nimm Dir Zeit zum Träumen, das ist der Weg zu den Sternen.
Nimm Dir Zeit zum Nachdenken, das ist die Quelle der Klarheit.
Nimm Dir Zeit zum Lachen, das ist die Musik der Seele.
Nimm Dir Zeit zum Leben, das ist der Reichtum des Lebens.
Nimm Dir Zeit zum Freundlichsein, das ist das Tor zum Glück.

Verknappung der Woche (23/2025)

Morgen geht es in den Urlaub. Der Koffer ist so gut wie gepackt. Als Motto nehme ich mir drei Sätze von Virginia Woolf mit.

No need to hurry. No need to sparkle. No need to be anybody but oneself.
Virginia Woolf

Verknappung der Woche (22/2025)

Vor kurzem gelangte ein Buch mit Werbeanzeigen aus den 1970ern in meinen Besitz. Darin finden sich Beweise, dass früher wesentlich entspanntere Vibes in den USA verbreitet waren als heutzutage… U.S. Bongs, schwule Anziehpuppen und Männer in Socken.

Jedoch enthält das Buch auch Hinweise, dass die Amerikaner schon damals merkwürdige Auffassungen von gutem Geschmack hatten… beispielsweise German Pizza mit Knackwurst und Sauerkraut.

Verknappung der Woche (21/2025)

To write is to bring an inner voice into the outer world, to believe that our thoughts are worth entering the thinking of others, and to make real what has never existed in quite the same way before. What could be a better path to self-value than that?
Gloria Steinem

Verknappung der Woche (20/2025)

If I had to define the engine, the motor of my life, I would say it has been curiosity. And the fuel for this motor was laughter, fun.
Isabella Rossellini zu Beginn ihrer Dankesrede beim Europäischen Filmpreis im Dezember 2024 für den Award  „European Achievement in World Cinema“

Verknappung der Woche (19/2025)

Wenn man wie ich in den 1980ern als Kind in Westdeutschland ferngesehen hat, kennt man die Quizsendung „Dalli Dalli“ und deren Showmaster Hans Rosenthal. Prominente traten in Zweierteams gegeneinander an und mussten bei Wort- und Aktionsspielen möglichst viele Punkte sammeln. Alle erspielten Punkte wurden am Ende mit D-Mark gleichgesetzt und an eine in Not geratene Familie gespendet. Besonders im Gedächtnis ist mir natürlich der Ausruf „Sie sind der Meinung, das war Spitze!“ geblieben und wie Rosenthal dabei immer so freudig und unbekümmert in die Luft gesprungen ist.

Einmal, als wir gerade gemeinsam schauten, erwähnte meine Mutter, dass sie es bewundernswert findet, dass Hans Rosenthal eine so fröhliche Sendung im deutschen Fernsehen moderiert, wo er doch als Jude während der Nazizeit verfolgt wurde. Tatsächlich musste sich Rosenthal von März 1943 bis Kriegsende in einer Berliner Schrebergartenkolonie verstecken.

Diese Information hat meinen Blick auf diesen so sympathischen Mann verändert. Hochachtung und Verehrung kamen hinzu. Und die Frage tauchte auf: Wie schafft man das? Wie schafft man es, so heiter und lebensfroh Deutsche im deutschen Fernsehen zu unterhalten – nach all dem Grauen? Hans Rosenthal beantwortet diese Frage mit wenigen Sätzen in seiner erstmals 1980 erschienenen Autobiografie:

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so waren es diese drei Frauen aus der Kolonie „Dreieinigkeit“ – Frau Jauch, Frau Schönebeck und Frau Harndt -, deren Hilfe es mir bis heute möglich gemacht hat, nach dieser für uns jüdische Menschen so furchtbaren Zeit unbefangen in Deutschland zu leben, mich als Deutscher zu fühlen, ohne Hass ein Bürger dieses Landes zu sein. Denn diese Frauen hatten ihr Leben für mich gewagt.
Ich war nicht mit ihnen verwandt. Sie hatten mich gar nicht oder nur flüchtig gekannt. Ich hätte ihnen gleichgültig sein können. Aber sie waren gute und gerechte Menschen, sie waren Deutsche, wie ich es einmal war. Und wie ich es wieder sein würde, nachdem der Albtraum des Nationalsozialismus von unserem Heimatland gewichen war.
Hans Rosenthal, Zwei Leben in Deutschland, Neuausgabe 2025, Seite 98

Verknappung der Woche (18/2025)

Heute bin ich auf eine alternative Wendung des Schneewittchen-Motivs gestoßen – eine verknappte Emanzipation. Ich bin begeistert.

Mein Schatten

Ich will nicht in der Hocke leben
um zu essen und zu trinken von euren
Becherchen und Tellerchen
auf Kindsgröße schrumpfen
um in euren Betten zu schlafen
Mir Streicheleinheiten
erschleichen

Ich richte mich auf
Die Arme wachsen aus den Fenstern
Mein Kopf hebt das Dach ab
Vögel nisten in meinem Haar
Ich bin die Solitärin
mein Schatten fällt
wo er fällt

Eveline Hasler

Verknappung der Woche (17/2025)

Trotz aller Unbill in der Welt, lasst uns nicht die Hoffnung aufgeben, denn:

Hoffnung gießt in Sturmnacht Morgenröte.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Quelle: Goethe, Proserpina. Uraufführung als Einlage in das Drama: Der Triumph der Empfindsamkeit in Weimar am 30. Januar 1778. Proserpina zu den Parzen; aus https://www.aphorismen.de/zitat/125