Verknappung der Woche (06/2025)

Trauer ist der Gegenpol zu Liebe,

sagte eine wunderbare Kollegin Anfang der Woche zu mir, als ich ihr von meiner Trauer erzählte.
Genau, Trauer kommt daher, dass wir jemanden oder etwas verloren haben, der oder das uns lieb und nah und teuer und wichtig war. Und je größer die Liebe, umso größer vermutlich die Trauer.
So betrachtet kann ich meine Trauer willkommen heißen, sie wertschätzen. Es ist gut, dass sie da ist.
Es kann nur so sein.

Verknappung der Woche (05/2025)

Verknappung der Woche (04/2025)

In meine ansonsten eher düsteren und wirren Träume letzte Nacht haben sich ein paar leuchtend blühende Narzissen geschlichen.
Narzissen als Symbol, als verknappendes Bild für den Frühling.
Meine Frühlingssehnsucht hat schon begonnen.

Bild: Steffen Heinz (Caronna), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Verknappung der Woche (03/2025)

Mensch, werde wesentlich;
Denn wenn die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg,
Das Wesen, das besteht.

Angelus Silesius (1624 – 1677), eigentlich Johannes Scheffler, deutscher Arzt, Priester und Dichter; aus: Silesius, Cherubinischer Wandersmann, 1675

In Erinnerung an Ingrid von Engelhardt. Alles, was ich über das Schreiben weiß, habe ich von ihr gelernt.

Verknappung der Woche (02/2025)

Minimalistische Poesie, inspiriert von Sarah Kirsch.

Wintermorgen
Ein Sonnenstrahl
taut den nächtlichen Reif 

Verknappung der Woche (01/2025)

Neues Jahr, neue Kategorie!
Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache kennt zwei Bedeutungen von „Verknappung“:
1. das Verringern, die Abnahme der Verfügbarkeit einer Ressource, eines Guts oder einer Dienstleistung; [spezieller] (gezielte) Reduzierung oder Begrenzung des Angebots eines Gutes, einer Dienstleistung o. Ä., oft mit dem Ziel, den Preis oder den Wert zu erhöhen
2. bewusste Reduzierung von Inhalten, Formen oder Ausdrucksweisen, z. B. in Kunst, Literatur oder Film

Hier auf meinem Blog soll es natürlich um Verknappungen der zweiten Bedeutung gehen. Jede Woche also ein kurzes Gedicht, ein Aphorismus oder eine Kürzestgeschichte – und ähnliches. Knapp muss es halt sein. Ich bin selbst gespannt, was da alles auf uns zukommt.

Wir starten mit dem wohl berühmtesten Beispiel der sogenannten „Flash Fiction“.

For sale: baby shoes, never worn.

Zugeschrieben wird diese Sechs-Wörter-Geschichte Ernest Hemingway – stichfeste Beweise für seine Autorenschaft gibt es laut Wikipedia jedoch anscheinend nicht.

Aufmunterung der Woche (52/2024)

Das Jahr geht zu Ende. Die letzte Aufmunterung der Woche ist ein Trost. Von Theodor Fontane.

Trost

Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew’gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens
Zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und – es kommt ein andrer Tag.

Theodor Fontane

Der Ort (2)

Wo ich mich im ersten Jahr sehr stolz und zugleich wieder klein fühle.
Wo ich entdecke, dass mir das Lernen auch hier leichtfällt.
Wo ich mich beim Unterstufenfasching in den DJ aus der Kollegstufe verknalle.
Wo mir von Jahr zu Jahr klarer wird, dass die englische Sprache eine meiner Leidenschaften ist,
Jedoch der Sportunterricht immer schrecklicher und quälender wird.
Wo ich in Erdkunde heimlich Kartoffelchips aus der Tüte unter der Bank futtere.
Wo ich Freundschaften schließe, von denen zwei bis heute halten.
Wo ich mich mit meiner ersten großen Liebe von einer Schulfeier davonstehle und im dunklen Gang vor den Physiksälen lache, knutsche, schweige.
Wo ich in Geometrie manchmal den Vordermann mit dem Zirkel in den Rücken pikse, wenn der beim Stuhlkippeln nahe genug kommt.
Wo ich auf der Schulbühne nach der Theaterpremiere spüre, wie wunderbar sich Applaus anfühlt.
Wo mir bei der Übergabe des Abiturzeugnisses bewusst wird, dass mir jetzt die Welt offensteht.
Wo ich 30 Jahre nach dem Abitur während der Schulführung in drei Klassenzimmern ein kleines Kreideherz an die Tafel male.

inspiriert von „Der Ort“ von Bernd Jentzsch

Der Ort (1)

Wo ich als Kind schon Kaffee mit viel Sahne trinken darf, dazu Zimtrollen, Schwarzwälder Kirsch und Frankfurter Kranz.
Wo ich stundenlang mit den Matchbox-Autos und der Rennbahn meines Onkels spiele.
Wo ich mit meinem Opa in seiner Mittagspause in der Werkskantine roten Presssack vespere.
Wo ich nach Schichtende in die geheimnisvollen Fabrikhallen mitkommen darf, wenn meine Oma und ihre Kolleginnen dort putzen.
Wo ich im Hof vor einem riesigen Glascontainer hinfalle und der Arzt danach mit der Pinzette winzige Scherben aus meinen Handflächen zieht.
Wo meine Großeltern mir ein Puppenhaus mit vielen Zimmern, Teppich und Tapete schenken, das einer der Tischler in der Fabrik gebaut hat.
Wo ich meiner Oma bei einem Besuch einfach so einen Blumenstrauß mitbringe, und es ist ihr Hochzeitstag.
Wo heute niemand mehr arbeitet und lebt, außer in meiner Erinnerung.

inspiriert von „Der Ort“ von Bernd Jentzsch

Aufmunterung der Woche (51/2024)

Heute ist Wintersonnwende, der kürzeste Tag des Jahres. Die Freiwillige Feuerwehr meiner Gemeinde veranstaltet heute ein Winterfeuer, bei dem ich eben war. Ein schönes, besinnliches Erlebnis. Ich habe den Funken und Flammen bei ihrem Tanz in den schwarzen Himmel zugesehen und das Licht begrüßt, das heute wiedergeboren wird.