Autorin der Woche (27/2021)

46 Jahre vor Vicki Baums „Vor Rehen wird gewarnt“, also 1905, erscheint „The House of Mirth“ von Edith Wharton. Auch in diesem Roman wird die Lebensgeschichte einer jungen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt. Lily Bart ist ähnlich wie Ann Ambros Tochter einer gutbürgerlichen Familie, allerdings nicht in San Francisco, sondern in New York. Und wie für Ann ist der erwünschte Lebensweg für Lily vorgezeichnet: eine standesgemäße Hochzeit, dann vorbildliche Ehefrau, Mutter und Gastgeberin vergnüglicher Gesellschaften.

Doch hier enden die Parallelen. Während Ann rücksichtslos den einen Mann, den sie will, für sich zu gewinnen sucht, kämpft Lily mit widerstrebenden Gefühlen. Ihr Herz gehört einem sozial nicht angemessen gestellten Anwalt. Für einen der reichen Verehrer kann sie sich nicht entscheiden. Und dann gerät sie durch eine Intrige nicht nur ins gesellschaftliche Abseits, sondern in bedrohliche materielle Not. Edith Whartons Roman ist eine berührende Liebes- und Lebensgeschichte und aufschlussreiches Gesellschaftsporträt zugleich.

Autorin der Woche (26/2021)

Vicki Baum führte ein bewegtes Leben: 1888 in Wien in eine gutbürgerliche, aber eher dysfunktionale Familie geboren, auf Drängen der Mutter zur Harfenistin ausgebildet und als Berufsmusikerin erfolgreich. 1909-1913 die erste Ehe, durch den Mann kommt sie zum Schreiben. 1916 die zweite Hochzeit, zwei Söhne kommen zur Welt. Die Familie lebt in verschiedenen Städten in Deutschland, Baum wird Redakteurin und anerkannte Autorin beim Berliner Ullstein-Verlag. 1929 erscheint „Menschen im Hotel“ und macht sie auch international bekannt. Der Roman wird in Berlin und am Broadway auf die Bühne gebracht und 1932 mit Greta Garbo verfilmt. Für eine Werbekampagne geht Baum 1931 in die USA und bleibt dort bald dauerhaft; sie hat die Zeichen der Zeit wohl früh erkannt. Baum ist schriftstellerisch produktiv und reist viel, nach dem Krieg auch wieder nach Europa. Ihre Bücher sind kommerziell erfolgreich, werden von der Kritik aber oft als Trivialliteratur abgetan – zu Unrecht. In späteren Jahren ist Baums Gesundheit angegriffen, sie erkrankt an Leukämie und stirbt 1960 in Los Angeles.

Anfang März 2020 wird Baums Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ (1951) im Literarischen Quartett besprochen (ab 37:17). Das hat mich neugierig gemacht auf die Antiheldin Ann Ambros, die durch ihre unablässig an den Tag gelegte Hilflosigkeit alle und jeden in ihrer Umgebung manipuliert und so immer ihren Willen bekommt. Meine Sympathie gewann beim Lesen zunehmend Anns Stieftochter Joy, die spät beginnt, gegen die Mutter aufzubegehren und dadurch eine Zugfahrt möglicherweise zum schicksalhaften Wendepunkt werden lässt.

Autorin der Woche (25/2021)

„So viel Energie“ heißt der wunderbare, reich bebilderte Band der Zürcher Kunstwissenschaftlerin Hanna Gagel. In diesem proträtiert sie sechzehn Malerinnen und Bildhauerinnen jenseits der 50, für die gerade diese sogenannte dritte Lebensphase besonders kreativ und produktiv war. Gagel führt den Beweis, dass das höhere Alter eine Zeit von Vitalität und ungehemmter Schaffenskraft sein kann. Das sind exzellente Nachrichten für jemanden wie mich: eine Frau, die unweigerlich auf die 50 zugeht… 🙂


Vorgestellt werden Marianne Werefkin, Käthe Kollwitz, Helen Dahm, Sonia Delaunay, Hannah Höch, Georgia O’Keeffe, Louise Nevelson, Alice Neel, Lee Krasner, Louise Bourgeois, Meret Oppenheim, Verena Loewensberg, Agnes Martin, Maria Lassnig, Magdalena Abakanowicz und Niki de Saint Phalle.

Autorin der Woche (24/2021)

Seit einer gefühlten Ewigkeit war ich gestern und heute endlich einmal wieder bei einer Schreibwerkstatt der Volkshochschule. Dort kommen Leute zusammen, die ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf lassen möchten. Nach vielen Monaten des Zurückgezogen-Seins hat es mir so gut getan, das Wochenende in dieser Stimmung in einer Gruppe zu verbringen. Freudig habe ich drei kleine Werke geschaffen und begeistert die Texte der anderen gehört und besprochen. Dieser positive Energiefluss hat mich beflügelt und glücklich beseelt.

Und so ist die „Autorin der Woche“ heute allen Schreibenden gewidmet, die es nie in die Bestsellerlisten schaffen werden (und dies meist auch gar nicht anstreben), sondern die im Schreiben einfach ihre Leidenschaft und ihren Weg zum Selbstausdruck finden.

Autorin der Woche (23/2021)

In einem Brief an ihre Freundin Vita Sackville-West schreibt Virginia Woolf:

“Style is a very simple matter; it is all rhythm. Once you get that, you can’t use the wrong words. But on the other hand here am I sitting after half the morning, crammed with ideas, and visions, and so on, and can’t dislodge them, for lack of the right rhythm. Now this is very profound, what rhythm is, and goes far deeper than any words. A sight, an emotion, creates this wave in the mind, long before it makes words to fit it.”

Rhythmus als Prinzip des Schreibens anstatt einer durchstrukturierte Handlung mit detailbeschriebenen Charakteren und Landschaften. In ihrem Roman Mrs. Dalloway (1925) hat Woolf diesen Rhythmus gefunden. Sie kontrastiert den Bewusstseinsstrom einer Dame der feinen Londoner Gesellschaft mit dem eines mental kranken jungen Mannes – ein Tageslauf, zwei Leben; auf faszinierende Weise verwebt.

Das Zitat zeigt jedoch auch eine dunkle Seite. Oft ist Virginia Woolf ein gequälter Geist; sie erlebt depressive und psychotische Episoden. Diverse Behandlungen in verschiedenen Institutionen helfen ihr am Ende nicht. 1941 verschlechtert sich ihr Zustand rapide und sie ertränkt sich im River Ouse.

Autorin der Woche (22/2021)

Gestern ist Friedrike Mayröcker im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Sie war eine bedeutende Autorin des deutschsprachigen Raums, enorm produktiv und vielfach ausgezeichnet. Ihre Gedichte sind oft nicht leicht zu fassen, nehmen die Lesenden jedoch in ihrer melancholischen Atmosphäre gefangen. Wunderschön finde ich „was brauchst du“ und auch jenes hier:

du bist ein fernes Land
gern schrieb ich dir unter den Bäumen
du bist ein fernes Land
mit wem hast du dich geküszt?
du bist ein fernes Land
der Mond ist über den Bäumen
o mein geliebtes Land
die Tage werden still

Autorin der Woche (21/2021)

Rachel Cusk (1967 in Kanada geboren, lebt heute in Brighton) hat mit „Outline“ (2014, dt. 2016) einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, reist im Sommer nach Athen, um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Auf dem Weg und vor Ort begegnen ihr verschiedene Menschen, die bereitwillig Geschichten und Dramen aus ihren Leben erzählen, und diese Gespräche gibt die Ich-Erzählerin zumeist in indirekter Rede wider. Eine Handlung im strengen Sinne gibt es nicht.

Das klingt vielleicht wenig aufregend, bietet jedoch einen ganz besonderen Reiz: die Personen und die Erzählerin selbst werden dadurch als Umriss, als Silhouette sichtbar – als Outline. Eine kunstvoll komponierte Erzählweise, die der Leserin viel Projektionsfläche lässt.

Autorin der Woche (20/2021)

Wer meint, Großstädte wie London oder Liverpool seien die gefährlichsten Orte in Großbritannien, der irrt. In keiner englischen Grafschaft werden mehr Morde begangen als in Midsomer. Die gute Nachricht: die Aufklärungsrate liegt bei 100% und die Midsomer-Morde sind rein fiktiv.

1931 wird Caroline Graham im mittleren England geboren, arbeitet seit den 1970er Jahren als Journalistin und beginnt 1982, Romane zu schreiben. 1987 erscheint „The Killings at Badger’s Drift“, der erste Kriminalroman, in dem DCI Tom Barnaby in Midsomer ermittelt; sechs weitere Romane folgen. 1997 wird „The Killings at Badger’s Drift“ vom englischen Fernsehen verfilmt und kommt beim Publikum offenbar sehr gut an. Unter dem Serientitel „Midsomer Murders“ werden nicht nur Grahams weitere Barnaby-Romane verfilmt, nein, inzwischen gibt es über 120 Folgen mit eigenständigen Drehbüchern, in denen Inspektor Barnaby üblicherweise mehrere Morde auf einmal klären muss.

Seit 2005 zeigt das deutsche Fernsehen „Inspektor Barnaby“. Neue Folgen werden vom ZDF ausgestrahlt und montagabends laufen bereits gesendete Folgen auf ZDF neo in Dauerschleife. Es mag seltsam klingen ob der vielen Toten; aber die Barnaby-Filme gehören absolut zu meiner Komfortzone. Freudig schaue ich sie immer wieder, denn keine andere Krimiserie ist annähernd so skurril, kurios und ungemein heimelig. Danke an Caroline Graham, meine Nie-gelesen-dafür-umso-öfter-gesehen-Autorin!

Autorin der Woche (19/2021)

Sie gehört wohl zu den produktivsten und erfolgreichsten Autorinnen aller Zeiten: Agatha Christie, meine Nie-gelesen-nur-gesehen-Autorin Nr. 2 von 3. Hercule Poirot kenne ich vor allem aus den Verfilmungen von „Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“ aus den 1970er Jahren, Miss Marple aus den Filmen mit Margaret Rutherford aus den 1960ern.

Neben dem Schreiben hatte Agatha Christie offensichtlich noch ausreichend Zeit für ein ereignisreiches Leben. 1914 heiratet sie einen Oberst der Royal Air Force. Während des ersten Weltkriegs arbeitet sie für das Britische Rote Kreuz in einer Krankenhausapotheke, wo sie viel über giftige Stoffe lernt. 1919 wird ihre Tochter geboren. 1922 begibt sie sich mit ihrem Ehemann auf eine Weltreise. 1926 zerbricht die Ehe und Agatha ist zehn Tage lang vermisst. 1928 reist sie alleine mit dem Orient-Express in den Nahen Osten. 1930 reist sie erneut in den Orient und lernt ihren zweiten Ehemann, einen Archäologen, kennen, dessen Ausgrabungen sie fortan unterstützt, unter anderem durch Fotodokumentation der Funde. 1971 wird sie in den Adelsstand erhoben. 1976 stirbt sie mit 85 Jahren in Oxfordshire.

Wem diese ultrakurze Faktenbiografie zu wenig ist, dem sei die Dokumentation „Agatha Christie – The Queen of Crime“ (arte.tv, noch bis 31.05.2021) empfohlen.

Autorin der Woche (18/2021)

Es gibt Autorinnen, mit deren Werk ich vertraut bin, ohne je eine Zeile davon gelesen zu haben. Wie das geht? Na, klar: Verfilmungen. Nie-gelesen-nur-gesehen-Autorin Nr. 1 von 3: Margaret Mitchell, aus deren Feder „Vom Winde verweht“ stammt.

Mitchell wird 1900 in Atlanta geboren; in eine großbürgerliche Familie, in der historisches Interesse und Parteilichkeit für die Südstaaten selbstverständlich sind. Mitchells ältere Verwandten, die den Amerikanischen Bürgerkrieg erlebt haben, erzählen der kleinen Margaret ihre Geschichten und Erinnerungen. Auf diesen basiert Mitchells Roman, an dem sie zehn Jahre arbeitet, der sofort nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten steht und ihr den Pulitzerpreis einbringt.

„Vom Winde verweht“ ist ein wahres Epos: 1000 Seiten dick das Buch, 4 Stunden lang der Film. Erzählt aus Sicht der wohlhabenden Südstaaten-Damen, die sich fraglos in die geltenden Gesellschaftsnormen einfügen und diese perfekt erfüllen.

Als Präpubertierende haben mich vor allem die prächtigen Kleider und das leidenschaftliche Liebesdrama vor schicksalsschwerer Kulisse beeindruckt. Und natürlich die Schlussszene mit einem der berühmtesten Filmzitaten überhaupt.