Lyrik der Woche (17/2019)

Wir haben gestern einen ausgiebigen unternommen. Hier Beginn und Ende des Osterspaziergangs aus Goethes Faust.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!

Heute ist übrigens Earth Day, diesjähriges Motto: SOS (Save Our Species). Keine ganz abwegige Idee, wenn wir Menschen auf unserem Planeten weiterhin zufrieden jauchzen wollen…

Lyrik der Woche (16/2019)

Zu Ostern kann es nur eines geben: “Always Look on the Bright Side of Life” aus Monty Python’s Life of Brian.

If life seems jolly rotten,
There’s something you’ve forgotten,
And that’s to laugh and smile and dance and sing.

Lyrik der Woche (15/2019)

Der Duden definiert die Ballade als Gedicht, in dem ein handlungsreiches, oft tragisch endendes Geschehen erzählt wird.

Eine der bekanntesten deutschsprachigen Balladen ist „John Maynard“ von Theodor Fontane (Erstveröffentlichung 1886). John Maynard ist Steuermann des Passagierdampfers „Schwalbe“, der auf der Fahrt über den Eriesee von Detroit nach Buffalo in Brand gerät. John Maynard bleibt auf seinem Posten, bis das rettende Ufer von Buffalo erreicht ist, kommt jedoch selbst ums Leben. Die Geschichte hat einen wahren Hintergrund und wurde von Fontane poetisiert. Der Wikipedia-Artikel „John Maynard“ hat mehr Details.

Hier die sechste bzw. siebte Strophe:

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Es gibt verschiedene Vertonungen in Liedform, die mich wenig angesprochen haben. Toll finde ich hingegen die Rezitation von Otto Sander.

P.S.: Liebe Hanna, herzlichen Dank für die Anregung! 🙂

Lyrik der Woche (14/2019)

Der Frühling scheint sehr inspirierend auf Hugo von Hofmannsthal gewirkt zu haben. Nach dem Vorfrühling blühen jetzt die Bäume. Hier Strophe 3 aus „Blühende Bäume“.

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht

Lyrik der Woche (13/2019)

Bei sehr vielen Dingen lohnt es sich, genau hinzusehen (z.B. Lyrik der Woche (10/2019)). Manchmal sollte man es aber lieber lassen.

Genau besehn

Wenn man das zierlichste Näschen
Von seiner liebsten Braut
Durch ein Vergrößerungsgläschen
Näher beschaut,
Dann zeigen sich haarige Berge,
Dass einem graut.

Joachim Ringelnatz

Lyrik der Woche (12/2019)

„Sowing the Seeds of Love“ ist ein fabelhafter Song der englischen Band Tears for Fears aus dem Jahr 1989, geschrieben zu Beginn der dritten Amtszeit Margaret Thatchers und somit vor dem zugehörigen politischen Hintergrund einer gewissen sozialen Kälte zu verstehen.

Ein Aufruf, nicht stumm zu bleiben, sondern Stellung zu beziehen – für ein Miteinander, nicht Gegeneinander.

Die Zeiten heute sind andere, aber Liebe zu säen wird immer eine gute Idee sein.

High time we made a stand and shook up the views of the common man
And the lovetrain rides from coast to coast
D.J.’s the man we love the most

And anything is possible when you’re Sowing the Seeds of Love
Anything is possible – Sowing the Seeds of Love

Feel the Pain
Talk about it
If you’re a worried man – then shout about it
Open hearts – feel about it
Open minds – think about it
Everyone – read about it
Everyone – scream about it!

And I believe in lovepower, LovePower, LOVEPOWER!!!

Ein Moment in Cilaos

Zwölf Jahre ist es her. Verloren fühlte ich mich; einsam, allein, nicht unglücklich, aber ruhelos und ohne Ziel. Auf der Suche nach mir selbst flog ich weit in den Süden, auf eine kleine Insel im Indischen Ozean, La Réunion, zu Frankreich gehörend.

Mit dem Mietwagen bereiste ich die Insel auf einer vorgeplanten Route, jeden Tag eine andere Station. Die dritte oder vierte Etappe brachte mich nach Cilaos, einen Ort im Inselinneren, in einem sattgrünen Talkessel gelegen. Mir schien es, als verginge die Zeit dort langsamer als anderswo. Die Luft war feucht und warm, aber weniger drückend als an der Küste. Von den Berggipfeln senkten sich Wolken hinab und ich glaubte fast, sie berühren zu können. Sehr viel gab es im Ort nicht zu sehen. Eine modern gebaute Kirche, einige der typischen kreolischen Häuser, ein, zwei Restaurants, ein, zwei kleine Läden. In einen ging ich hinein; dort gab es Tee, Kräuter, Räucherstäbchen. Sicher duftete es nach Vanille, Bourbon-Vanille, früher ein wichtiges Exportgut.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ihn sofort nach dem Betreten des Ladens gesehen habe oder erst, nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte. Aber als sich unsere Blicke trafen, wurde mir heiß, mein Herz schlug schnell, ganz schnell, und die Zeit stand für einen winzigen Moment lang still. Und auch, wenn ich es nicht wirklich wissen kann, so bin ich mir ganz sicher, dass es ihm genauso ging. Er stand hinter der Ladentheke aus Holz und fragte freundlich, ob er helfen könne. Ich verneinte ebenso freundlich und bemühte mich sehr, mich auf die Waren in den Regalen zu konzentrieren. Dabei hätte ich lieber nur ihn angeschaut. Ich denke, er war ein paar Jahre jünger als ich damals, etwa Ende Zwanzig. Sein hellbraunes Haar ein wenig zerzaust, wie sein Bart. An seine Augenfarbe erinnere ich mich nicht, aber sein Blick war offen und sanft.

Natürlich kaufte ich etwas, bestimmt etwas mit Vanille; ich weiß nicht mehr, was. Beim Bezahlen fragte er mich, woher ich käme und ob es mir hier gefalle. Wahrscheinlich antwortete ich auf Englisch, denn mein Französisch war auch damals schon ziemlich eingerostet. Dann erzählte er, dass er mit guten Freunden außerhalb des Ortes auf einer Art Farm lebe und dass an diesem Abend weitere Freunde zu einem kleinen Fest kämen. Wenn ich wolle, sei ich herzlich willkommen. Er beschrieb mir den Weg und ich glaube, er notierte die Adresse auf einem Blatt Papier. Ich bedankte mich und sagte, ich würde es mir überlegen.

Nichts wünschte ich mir in diesem Augenblick sehnlicher, als den Abend und vielleicht auch die Nacht mit diesem Mann zu verbringen. Ich stellte mir gar vor, wie wir gemeinsam in der Farm-Kommune leben, Süßkartoffeln anbauen und auf ewig glücklich sind – und doch wusste ich, dass ich an diesem Abend in meinem Hotel bleiben, früh zu Bett gehen und am Morgen darauf zu meiner nächsten Etappe aufbrechen würde.

Und so war es auch. Kurz danach dachte ich sehr oft an diese Begegnung, im Lauf der Zeit dann immer seltener. Ab und zu erinnere ich mich heute noch an diesen Moment, diesen magischen Moment, in dem ich in den sanften, bärtigen jungen Mann im Teeladen in Cilaos verliebt gewesen bin.