Malerei der Woche (40/2022)

Eines der Vorbilder von Lavinia Fontana war Sofonisba Anguissola (um 1532-1625) aus Cremona, die als die erfolgreichste Renaissance-Malerin gilt. Sofonisba hatte fünf Schwestern und einen Bruder. Die Eltern ließen allen Kindern eine humanistisch geprägte Bildung sowie eine Ausbildung zukommen. Sofonisba studierte Malerei bei verschiedenen Lehrmeistern und ihr Vater korrespondierte mit hervorragenden Künstlern (unter anderem Michelangelo), um ihr Aufträge zu verschaffen. 1559 wurde Sofonisba als Porträtmalerin an den spanischen Königshof gerufen. Ihr erstes Porträt der Infantin Isabel war so gut, dass Peter Paul Rubens es kopierte. Ein Studium der Anatomie war ihr als Frau nicht möglich und die Arbeit mit großformatigen Leinwänden zu biblischen oder mythologischen Themen galt als unstatthaft, daher wählte sie oft Motive aus der persönlichen Erfahrung und erweiterte so den damaligen Kunstbegriff. Ihr wohl bekanntestes Bild „Drei Schwestern beim Schachspiel“ (1555) gilt als erste Darstellung einer Alltagsszene in der italienischen Malerei. Es zeigt ihre Schwestern Lucia (links), Minerva (rechts) und Europa (Mitte), sowie am rechten Bildrand eine Gouvernante.

Durchblick

Wie ich es sehe, wäre es kein Schaden gewesen, wenn ich ein, vielleicht sogar zwei Jahre früher in ihr Leben gekommen wäre. Anscheinend hat sie schon eine ganze Weile zu Tricks gegriffen. Näher ans Fenster oder die Lampe heran; das Buch, die Zeitschrift weiter weg halten; deutsche oder englische Wörter aus Erfahrung erkennen oder erraten. Den Ausschlag hat dann wohl die Landkarte Madeiras gegeben. Die portugiesischen Ortsnamen konnte sie nicht mehr gut lesen, auch nicht direkt am Fenster mit ausgestreckten Armen. Nach dem Urlaub ging sie dann zur Optikerin, der Sehtest war eindeutig: eine Lesebrille wurde angeraten und so kam ich vor fast sieben Jahren in ihr Leben. Sie war bereit für mich. Meine elegante Form sprach für mich. Schwarz mochte sie schon immer und mein wohlklingender französischer Markenname besorgte den Rest. Lesen und das Arbeiten am Monitor fielen durch mich plötzlich so viel leichter! Mit Freude und Begeisterung wurde ich dem Liebsten, Freunden und Kollegen vorgestellt, daher kenne ich auch die Geschichte, wie sie zu mir kam, oder ich zu ihr, wie man es eben sehen möchte. Mit Sorgfalt und Bedacht werde ich behandelt, ich fühle mich willkommen und geschätzt, ja vielleicht sogar ein klein wenig geliebt, wenn ich das so sagen darf.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich ausreichend oft geputzt werde. Ganz im Gegenteil! Oft sind meine Gläser schmutzig, schlierig – schrecklich! Viel zu selten werde ich mit Wasser und Spülmittel gereinigt, meist verteilt sie den Schmutz nur mit einem trockenen Tuch. Die feuchten Einmaltücher verwendet sie nicht. Wegen der Umwelt. Mir ist oft unklar, wie ich so ungeputzt nützlich sein kann. Aber offensichtlich klappt es irgendwie und letztendlich ist es ihre Entscheidung. Ich habe mich damit arrangiert. Sie weiß um diesen Missstand und gibt ihn unumwunden zu. Anscheinend hat ihr Fahrrad das gleiche Schicksal: geliebt, aber ungeputzt. Nun ja.

Vorletztes Jahr geriet unsere Beziehung in eine Krise. Ihre Augen waren schlechter geworden, die Optikerin empfahl neue Gläser: Gleitsicht. Mit denen kam sie gar nicht zurecht. Ganz unglücklich war sie deswegen mit mir. Konnte nur mit verkrampftem Nacken lesen und am Monitor arbeiten. Ganz ungern trug sie mich und bekam schlechte Laune. Auch ein paar Tränen sind geflossen… Aber es war ja nicht meine Schuld! Nach kurzer Zeit dann die Lösung: eine zweite Brille. Meine jüngere Schwester kam zu uns, ein Nachfolgemodell aus dem wohlklingenden französischen Markenhaus. Nun sind wir zu Dritt. Und wir sind glücklich. Meist hat sie uns beide dabei und je nach Bedarf setzt sie uns auf. Auch die zweite Brille wird geschätzt und geliebt. Und genauso selten geputzt wie ich.

Malerei der Woche (39/2022)

Auf Gemälden (nicht nur) der Renaissance sind Frauen häufig nackt oder – wie in den Bildern der letzten beiden Wochen – listig und potenziell gefährlich. Es gab in der Renaissance aber auch Malerinnen, die zu Bekanntheit und Ruhm gelangten. Eine davon ist Lavinia Fontana (1552 – 1614). Die Bologneser Künstlerin erhielt ihre Ausbildung bei ihrem Vater. Das „Selbstporträt am Spinett mit einer Dienerin“ (1577) entstand kurz vor ihrer Hochzeit mit einem anderen Schüler ihres Vaters. Fontana malte nach ihrer Heirat weiter und schuf das umfangreichste Werk, das von einer vor 1700 tätigen Künstlerin produziert wurde. 1603 zog sie nach Rom, wo sie große Triumphe als Malerin feierte und so auch gut für ihren wenig begabten Ehemann sorgte, der als ihr Agent tätig war. Nebenbei fand sie Zeit, elf Kinder zur Welt zu bringen.

Malerei der Woche (38/2022)

Mit der „Wahrsagerin“ (um 1595) führt Caravaggio die Genremalerei in die italienische Kunst ein, die nördlich der Alpen bereits deutlich früher zu finden war. Ähnlich wie in der Schachpartie (um 1508) von letzter Woche wird auch hier vor weiblicher List und Tücke gewarnt. Die Wahrsagerin schaut dem offensichtlich recht jungen fein gekleideten Herrn tief in die Augen, während sie nicht nur seine Handlinien liest, sondern ihm auch unbemerkt einen Ring vom Finger zieht.

Malerei der Woche (37/2022)

Von Engeln zum Spiel der Könige. „Die Schachpartie“ (um 1508) von Lucas van Leyden ist eines der frühesten Genrebilder. Ein Mann und eine Frau spielen gegeneinander, die umstehenden Personen verfolgen das Geschehen mehr oder weniger aufmerksam. Es scheint, als würde die Frau ihren Mitspieler mit dem nächsten Zug in Bedrängnis bringen – dieser hat seine Mütze abgenommen und führt die Hand mit nachdenklicher Geste zum Kopf. Da das Schachspiel als Metapher für Liebe und Liebesspiel galt, kann das Gemälde durchaus als Warnung vor der „List“ der Frauen gedeutet werden.

Malerei der Woche (36/2022)

Nach drei Hochzeiten kommt nun kein Todesfall, sondern ein Engelsturz. 1587 erhielt Christoph Schwarz den Auftrag für das Hochaltarbild der Jesuitenkirche St. Michael in München, die als eines der Hauptwerke der süddeutschen Gegenreformation gilt. Im Zentrum des Gemäldes sehen wir den Erzengel Michael, wie er den abtrünnigen Luzifer in die Tiefe stürzt. Die weit ausgebreiteten Flügel, der das Haupt umrahmende Mantelschwung und der helle Hintergrund verleihen Michael die Anmutung einer leuchtenden Siegesgöttin. Luzifer hingegen, der ehemals schönste aller Engel, befindet sich bereits im Dunkel. Ihm sind Hörner gewachsen, Schlangen züngeln aus seinem Haar, an den Fingern wachsen ihm Krallen und die Flammen des Höllenfeuers haben das prächtige Pfauengefieder seiner Flügel erreicht. Ein Sinnbild für den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis.

Bild entnommen von: https://www.rdklabor.de/wiki/Datei:Superbia_35.jpg
Christoph Schwarz und Alessandro Paduano, Sieg des Erzengels Michael über Luzifer. 1588–1590. Öl auf Leinwand, ca. 500 x 300 cm. München, St. Michael, Hochaltar.
Nach: Rom in Bayern. Kunst und Spiritualität der ersten Jesuiten, Ausstellungskatalog München 1997, S. 116.

Malerei der Woche (35/2022)

Fast zur gleichen Zeit wie Veronese hielt auch Tintoretto die Hochzeit zu Kana in einem Gemälde fest. Im Vergleich der Werke wird die Unterschiedlichkeit der beiden Künstler deutlich. Tintorettos Festgesellschaft feiert in einem zeitgenössisch ausgestatteten Innenraum mit typisch venezianischer Kassettendecke. Auf Prunk und anekdotische Details verzichtet Tintoretto im Gegensatz zu Veronese. Durch die Wahl, die Tafel von der Schmalseite aus darzustellen und Jesus und Maria ans andere Kopfende zu platzieren, rücken die beiden in eine große Entfernung. Im Vordergrund rechts füllen Dienerinnen das verwandelte Wasser aus großen Tonkrügen in Weinkaraffen, bestaunt von einer dahinter sitzenden Frau. Auch die Gruppe links bespricht angeregt das überraschende Ereignis. Der Fokus des Bildes liegt dadurch auf dem Wunder, das Jesus gewirkt hat.

Mein Poetenfest 2022

Meine kleine persönliche Berichterstattung zum diesjährigen Poetenfest fällt zeitlich bedingt kurz aus: die lang ersehnte Urlaubsreise steht vor der Tür.

Endlich konnte das Poetenfest wieder im gewohnten Rahmen stattfinden, d.h. mit den kostenlosen Lesenachmittagen im Erlanger Schlossgarten. Die entspannte, offene Atmosphäre dort bleibt unübertroffen.

Besonders gefallen haben mir die Lesungen (und Gespräche) von und mit:

Shelly Kupferberg, die in „Isidor“ ihrem Urgroßonkel nachspürt, der von einem unbedeutenden Dorf in Galizien aus bis zum reichen und angesehenen Kommerzialrat im Wien der 1930er Jahre aufsteigt, bis die Nazis alles zerstören.

Gün Tank, die uns in „Die Optimistinnen“ die Geschichte von Gastarbeiterinnen in den 1970er Jahren in Westdeutschland erzählt und damit gleichzeitig Einblicke in die Lebenswelt aller westdeutschen Frauen damals gibt.

Abbas Khider, der mich mit seiner inspirierend frohgestimmten und humorvollen Art einmal mehr beeindruckt hat.

Alexa Hennig von Lange, die in „Die karierten Mädchen“ fiktionale Elemente mit den Lebenserinnerungen ihrer Großmutter verwebt, die 1929 eine Stellung als Lehrerin in einem Kinderheim annimmt, zu dessen Leiterin wird und sich bald mit der völkischen Ideologie der Nazis auseinandersetzen muss.

Malerei der Woche (34/2022)

Eine ganz andere Hochzeitsgesellschaft als die letzte Woche stellt Paolo Veronese auf seiner „Hochzeit zu Kana“ dar. Scharen von Dienern eilen auf dem erhöhten Balkon hin und her, um die prunkvoll gekleideten Gäste an der reichen Festtafel zu bedienen – in deren Zentrum Jesus, umgeben von Maria und den Jüngern. Das Hochzeitspaar sitzt fast etwas abseits am linken Bildrand und kann das biblische Wunder am rechten Bildrand beobachten: aus Wasser wird Wein. Die drei Musikanten im Vordergrund wurden als Porträts der damals drei großen Maler Venedigs gedeutet: Tizian, rotgekleidet mit Kontrabass, Veronese im weißen Gewand und Tintoretto dazwischen, beide mit Viola. Diese Darstellung ist ein Beispiel mehr für das Selbstbewusstsein der Renaissancekünstler: die Kunst und die Kunstfertigkeit stehen im Vordergrund, hinter denen der theologische Gehalt (hier die Wandlung von Wasser zu Wein durch Jesus) in den Hintergrund tritt.

Malerei der Woche (33/2022)

„Die Bauernhochzeit“ von Pieter Bruegel dem Älteren zeigt eine bäuerliche Hochzeitsgesellschaft in Flandern im 16. Jahrhundert. Es herrscht lebendiges Treiben und die Braut, die traditionsgemäß ohne Bräutigam am Tisch sitzt und weder essen noch sprechen darf, lächelt versonnen mit niedergeschlagenem Blick. Doch eine reiche Gesellschaft sehen wir hier nicht. Die Gäste sitzen auf schlichten Holzbänken und zum Essen wird Brei in derben Schüsseln gereicht. Bruegel malt ein realistisches Bild der arbeitenden Landbevölkerung, wie es zuvor in der Kunst nicht vorkam.