Postkarte der Woche (25/2020)

Vierter und letzter Teil der Miniserie „Souvenir-Superlative“: meinen exotischsten Europa-Urlaub habe ich Ende 2006 auf der kleinen Insel La Réunion verlebt. Östlich von Madagaskar im Indischen Ozean gelegen, gehört La Réunion zu Frankreich und damit zur Europäischen Union.

Bis Mitte des 17. Jahrhunderts war sie unbewohnt, dann besiedelten Franzosen die Insel. Für die Arbeit auf ihren Zuckerrohr- und Vanille-Plantagen verschleppten und versklavten sie Menschen aus Madagaskar, Ostafrika und Indien. Heute gibt es einen entsprechenden bunten Bevölkerungs- und Kulturenmix. La Réunion ist vulkanischen Ursprungs und hat ein tropisch-regenreiches Klima; das Ergebnis ist üppig grüne und blütenprächtige Vegetation.

Einige Tage habe ich in der Hauptstadt St. Denis verbracht und mir in einer kleinen Bäckerei gerne eine Nachmittagssüßigkeit gekauft. Die Bäckerei war typisch französisch, mit Baguettes, Pains au Chocolat, Tartes, und so weiter. Im Laden hätte man glauben können, man befinde sich in einem Dorf nahe Paris oder in der Normandie. Aber dann nimmst du dir deine Leckerei, verabschiedest dich freundlich und sobald du durch die Türe trittst, bist du wieder im exotischen Tropenparadies.

P.S. Wahrscheinlich hat mich die grün-bunte Üppigkeit der Insel dazu gebracht, ausschließlich Postkarten in schwarz-weiß mit nach Haus zu nehmen…

P.P.S. Nach den Tagen in St. Denis bin ich zu einer Mietwagen-Rundreise aufgebrochen; eine Station war Cilaos, ein zauberhafter Ort im Inselinneren.

Nasenerinnerungen

Über meine frühen Jahre möchten Sie etwas erfahren? Meine ersten Erinnerungen interessieren Sie? Tja… mal riechen… vielleicht das Öl des Ölofens im allerersten Kinderzimmer. Ich mochte diesen flüchtigen, betörenden Geruch, wenn aus der Kanne Öl in den Ofen gefüllt wurde. Dann wurde eingeheizt und die Luft wurde warm und weich. Auch sehr schöne Erinnerungen habe ich an den Geruch von Schaumstoff. Ja, Sie haben richtig verstanden. Die Ohrmuscheln des Kopfhörers, den meine Trägerin als kleines Kind oft aufhatte, waren mit Schaumstoff bezogen, ebenso das Mikrofon, in das sie häufig sprechen und singen durfte. Der Vater war nämlich Hobbymusiker und hatte in einer Ecke des Wohnzimmers ein kleines Musikstudio eingerichtet. Dieser Schaumstoffgeruch… fast so betörend wie das Ofenöl, beruhigend und anregend zugleich.

Wenn wir schon beim Vater sind: der hat samstags mittags manchmal gekocht: Grießbrei. Mit geschmolzener Butter und geriebener dunkler Schokolade oben drauf. Süß und buttrig hat das geduftet, herrlich. Nicht besonders gesund, meinen Sie? Nein, das wohl nicht. Lassen Sie uns beim Essen bleiben, da habe ich noch mehr Erinnerungen. Die eine Großmutter meiner Trägerin hat sehr aromatisch gekocht. Knoblauch war fast immer dabei, in großzügigen Mengen. Viele Nasen mögen das nicht, ich weiß, bei mir ist das anders. Diese intensive und scharfe Würze! Großartig. Auch Kräuter gab es, besonders Dill, frisch und grün duftend, in einer sahnigen Sauce. Dann die fruchtige Süße von Erdbeer- oder Kirschkompott. Oder wenn panierte Schnitzel in der Panne in üppig Butterschmalz gebacken wurden, der Duft zog durch die ganze Wohnung… Sie merken, ich gerate ins Schwärmen.

Wie meinen Sie? Die anderen Großeltern? Die waren Hausmeister in einer Fabrik. Sehr spannende Gerüche gab es dort! Das metallisch-ölige Aroma in den Fertigungshallen, vermischt mit dem Putzmittel, mit dem die Großmutter und andere Frauen den Boden gewischt haben, nach Ende der Schicht. Oder der Duft von geschnittenem Holz in der Schreinerwerkstatt. Nein, gefährlich war es dort nicht. Es war ja immer Großmutter oder Großvater dabei, die haben gut aufgepasst auf meine Trägerin. In der Wohnung der Großeltern hat es immer sauber gerochen, aber nicht etwa steril, sondern frisch und gewaschen. Dort habe ich gerne Zeit verbracht… Ah, Sie haben genug Stoff für Ihre Reportage? Ich könnte Ihnen aber noch viel mehr berichten… vom köstlichen Kuchenduft, wenn die Mutter gebacken hatte oder dem fruchtigen Hagebuttentee im Kindergarten… Ach, Sie müssen los zum nächsten Termin? Na, dann. Gern geschehen. Auf Wiederriechen und machen Sie’s gut!

Postkarte der Woche (24/2020)

Teil 3 der persönlichen Souvenir-Superlative: In Mexiko, auf der Halbinsel Yucatán, habe ich 2005 mein ungewöhnlichstes Weihnachten verbracht. Baden in der Karibik bei knapp 30 Grad Sonnenschein, aufblasbare Schneemänner auf dem Weg vom weißen Sandstrand zum Hotel, Krippenspiel samt Santa Claus mit Rentierschlitten nebst prächtigem Weihnachtsbaum in der luftigen Hotel-Lobby. Mir hat’s gefallen und ich habe nichts vermisst.

In diesem Urlaub habe ich „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez zum ersten Mal gelesen, das ich jetzt erneut zur Hand genommen habe, nachdem es im Literarischen Quartett besprochen wurde. Anekdotisch wird der Aufstieg und Verfall des kolumbianischen Dorfes Macondo und damit eng verwoben die Geschichte der Familie Buendía erzählt. Nicht umsonst gilt der Roman als eines der wichtigsten Werke des Magischen Realismus: es wimmelt von Gespenstern und fabelhaften Mysterien. Die Menschen sind getrieben von maßloser Leidenschaft und ihrer Einsamkeit. Auf diese Welt muss man sich einlassen und viel am Stück lesen, dann entfaltet der Zauber seine Wirkung.

Postkarte der Woche (23/2020)

In Ägypten habe ich den stillsten Ort gefunden, in Kopenhagen habe ich den bisher nassesten Urlaubstag erlebt. Das war im August 2008 und es hat den ganzen Tag ohne Unterlass geregnet. Stark geregnet. Ein Schirm hat nichts geholfen, der Regen klatschte von unten an den Beinen bis fast zu den Knien hoch. Meine Sneakers waren noch tagelang untragbar durchnässt…

Eine der Zufluchten vor dem Regen war Thorvaldsens Museum, zentral gelegen, dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770–1844) gewidmet.

Postkarte der Woche (22/2020)

Superlative können schnell unter den Verdacht der Effekthascherei geraten. Persönlich empfundene Superlative, die schöne Erinnerungen beherbergen, sind allerdings etwas anderes! Mit vier solchen Souvenir-Superlativen setzen wir unsere Postkartenreise fort. Hier ist Nummer eins.

Mein stillster Ort: der Berg Sinai. Kein Rauschen von Meer oder Straßenverkehr, kein emsiges Treiben von Mensch oder Tier, kein Windhauch. Nur Stille. Richtig bewusst wurde mir diese Stille, als einmal doch ein kleiner Vogel vorbeizwitscherte. Schnell war er verschwunden und es wurde wieder ganz still.

Postkarte der Woche (21/2020)

Wir nehmen heute Abschied von der National Gallery, und zwar mit „Die Gesandten“ („The Ambassadors“) von Hans Holbein dem Jüngeren (1497/8-1543), einem der bedeutendsten Portraitmaler der Renaissance. „Die Gesandten“ entstand 1533 in London. Das Gemälde ist ausdrucksstark, detailreich und detailtreu. Der Clou dieses Werks befindet sich auf dem Boden, zwischen den Füßen der beiden Männer. Man muss ganz nah an das Bild heran treten, an den rechten Rand, und es aus flachem Winkel betrachten, dann erkennt man die Anamorphose: einen Totenschädel.

Erinnerungsbelebung

Normalerweise arbeite ich in einem Büro. In einem Großraumbüro, mit Kolleginnen und Kollegen, die ich mag und schätze. Wir gehen oft gemeinsam Mittagessen oder plaudern kurz in der Kaffeeküche. Seit Mitte März arbeite ich zu Hause, glücklicherweise in einem ruhigen, schönen Zimmer und die Technik tut. Zudem bin ich in vielen online-Meetings mit den Kollegen, der Kontakt besteht also fort.

Mein bisher gewohntes soziales Arbeitsumfeld vermisse ich trotzdem. Allerdings habe ich – intuitiv, ohne konkreten Plan – einige Sachen in mein Home Office integriert, die mich an frühere Gegebenheiten und Lebensabschnitte erinnern.

Notizen mache ich mit Bleistift und Markierungen mit Buntstift – das war zuletzt im Studium so. Nach langer Zeit im Schrank benutze ich wieder regelmäßig die Tasse des Forschungsprojekts, in dem ich vor 20 Jahren als HiWi gearbeitet habe. Der Untersetzer für die Tasse kommt aus Polen, das Geschenk einer polnischen Kollegin aus einem früheren Job – der Untersetzer harrte die letzten Jahre in der dunklen Schublade aus. Und weil ich während der Arbeit weder Jogginghose noch meine schicke Kleidung tragen will, kommen nun Klamotten wieder zum Zug, die eher hinten im Schrank lagen. So zum Beispiel eine braune Cordhose, die ich 2005 oder 2006 gekauft habe. Die sitzt um die Hüften zwar enger als früher, aber sie passt noch!

Mein Geist ist erfreut, mein Herz gewärmt! Das „neue Normal“ ist also nicht nur schlecht.

Ein Sonntag mit Lupinen

In unserem Wald gibt es viele Lupinen und die starten gerade voll durch. Wir haben sogar einen Lupinenweg, aber ich kann euch verraten: die Lupinen sind rebellisch und wachsen nicht nur dort!

Postkarte der Woche (20/2020)

Nach der Madonna in der Felsengrotte treffen wir heute Venus, Göttin der Liebe. Auch sie ist in der Renaissance entstanden, den Pinsel führte Sandro Botticelli um 1485. Das Bild heißt „Venus und Mars“ und zeigt die beiden nach dem Liebesakt, Kriegsgott Mars erschöpft schlummernd. Das Gemälde kann gedeutet werden als die Überwindung von Gewalt und Krieg durch die geistige Macht der Liebe.

Die Website der National Gallery bietet auch zu diesem Werk weitere Informationen.

Postkarte der Woche (19/2020)

Man darf jetzt wieder Menschen außerhalb des eigenen Haushalts treffen. Das nutzen wir sogleich und treffen diese und nächste Woche jeweils eine berühmte Dame in der National Gallery. Maske müssen wir dabei nicht tragen und auch die Abstandsregeln können wir getrost ignorieren. Dame der heutigen Woche ist die Muttergottes höchstselbst, gemalt von Leonardo da Vinci. Das Bild trägt den Titel „The Virgin of the Rocks“. Eine frühere Fassung des Gemäldes ist im Louvre in Paris zu sehen und die Geschichte dazu ist bei Wikipedia zu lesen.