Malerei der Woche (22/2022)

Eine besondere Stimmung geht vom „Bildnis eines jungen Mannes“ aus. Melancholisch-träumerisch blickt er in die Ferne, hält die Schreibfeder geistesabwesend in der Rechten und lehnt sich leicht auf sein Schreibpult und das geöffnete Buch. Worüber denkt er nach? Über das gerade Geschriebene? Oder sind seine Gedanken an einem ganz anderen Ort, einer anderen Zeit? Seine ebenmäßig sanften Gesichtszüge verraten es nicht. Dafür wissen wir recht genau, wer das Werk geschaffen hat und wann: der Florentiner Maler Franciabigio, im Oktober 1522. Es steht auf dem Zettel auf dem Pult: 1522 a di 24 ottob[r]e / FRAC [Franciscus Cristofani]

Malerei der Woche (21/2022)

Bronzinos „Allegorie der Liebe“ (um 1550) lässt sich als bildgewordene Reflexion über das Wesen der Liebe verstehen. Im Mittelpunkt Venus, die Göttin der Liebe, in erotischer Umarmung mit ihrem Sohn, dem heranwachsenden Amor. Sie scheint ihm unbemerkt einen Pfeil aus seinem Köcher zu ziehen und ihn so zu entwaffnen. Der nackte Knabe rechts, der freudig Rosenblätter streuen will, kann als Personifikation des Vergnügens interpretiert werden. Das Mädchen hinter ihm reicht eine Honigwabe zum süßen Genuss. Doch die untere Hälfte ihres Körpers ist die einer drachenartigen Kreatur, in einem spitzen Stachel endend. Das Süße birgt somit auch Gefahr. Auf der linken Seite eine Gestalt mit vor Schmerz oder Wahnsinn verzerrtem Gesicht, die als Eifersucht gedeutet werden kann. Die Figur links oben in der Ecke ist unvollständig, hat ein maskenartiges Gesicht und könnte als Abbild der Täuschung oder der Falschheit gemeint sein. Rechts oben sehen wir möglicherweise Saturn, den Gott der Zeit, mit seiner Sanduhr. Er hält ein Tuch hinter der Szenerie hoch, was bedeuten könnte: Erst der Lauf der Zeit enthüllt die Wahrheit über die Liebe.

Eine ausführlichere und teils auch etwas andere Interpretation bietet dieses Video von the artinspector:

Mai-Haikus 2022

I
Am frühen Morgen
hüpft der erste kecke Spatz
piepsend übers Dach

II
Im Abendrot klingt
der Amsel kunstvoll‘ Gesang
wie ein Wiegenlied

Die ersten Haikus gab es im Mai 2016.

Malerei der Woche (20/2022)

„Die drei Lebensalter und der Tod“ von Hans Baldung mahnt die BetrachterInnen, dass das Ende jeden Menschen zu jeder Zeit ereilen kann. Denn der personifizierte Tod mit seinen Attributen Sanduhr, Zifferblatt und gebrochene Lanze holt nicht nur die alte Frau, nein, diese zieht die junge mit und selbst das unnatürlich verrenkte Kleinkind am Boden scheint tot zu sein. Die grimmige Eule kann hier als Symbol für Unheil und nahenden Tod gedeutet werden, was die düstere Atmosphäre des Gemäldes noch verstärkt. Allein das Kruzifix und das Kreuz in der Sonne rechts oben gelten den Gläubigen als Hoffnungsschimmer auf Erlösung durch die Auferstehung Christi.

Malerei der Woche (19/2022)

Ebenso wie Diana ist die „Ruhende Quellnymphe“ von Lucas Cranach d.Ä. eine Jägerin. Köcher und Bogen hat sie an einen Ast gehängt und scheint nach den Strapazen der Jagd zu rasten. Neben der offenkundigen Nacktheit der Figur, die durch den durchsichtigen Schleier und die Goldkette noch betont wird, kann auch die Quelle, die einer grottenartigen Höhle entspringt, als Symbol der weiblichen Sexualität gedeutet werden. Gleichzeitig sagt uns die Inschrift links oben, dass es sich um die Nymphe einer heiligen Quelle handelt, deren Ruhe wir nicht stören sollen. Die Botschaft könnte also lauten: Wir sollen uns der Liebe und Sexualität mit feinfühliger Ehrfurcht nähern.

Malerei der Woche (18/2022)

Für die Ausstattung der Innenräume seines Schlosses Fontainebleau rief der französische König Franz I. eine Reihe italienischer Künstler an seinen Hof. Viele von ihnen sind heute namentlich nicht mehr bekannt, man spricht deshalb von der Schule von Fontainebleau.

Um 1550 entstand dort das Gemälde „Diana als Jägerin“. Voll anmutiger Kraft schreitet die Göttin leichtfüßig zur Jagd und lädt uns mit ihrem lächelnden Blick ein, sie zu begleiten.

Schule von Fontainebleau, Diana als Jägerin

Liebes Tagebuch – oder: Diesmal könnte es sein

Liebes Tagebuch,

bestimmt denkst du jetzt gleich: Ach ja? Wieder einmal? Hab ich schon so oft gehört… Aber diesmal, diesmal ist es anders, wirklich! Diesmal könnte es sein. Diesmal könnte er es sein. Der Richtige. Der richtige Mann.

Schon als er heute Morgen durch die Tür kam, wusste ich: Er ist anders als die anderen. Er war der dritte Gast, nur die Schulzes waren da und tranken wie immer ihren Cappuccino am Tisch beim großen Fenster. Da war so ein Strahlen um ihn herum, wie ein sanftes Sonnenlicht. Mit einem kurzen Nicken hat er mich gegrüßt. Ich hinterm Tresen, habe Limo und Cola im Kühlschrank nachgefüllt. Seine Augen haben gefunkelt wie Smaragde. Da hat mein Herz einen Moment gar nicht mehr geschlagen und dann umso schneller. Er hat sich an den Zweiertisch neben dem Gummibaum gesetzt, du weißt, mein Lieblingsplatz als Gast, weil man von dort einen so guten Überblick über das ganze Café hat. Er hat kurz in die Karte geschaut, hat sie wieder hingelegt, ich bin hin, die Knie etwas wackelig und hab richtig tief durchgeatmet, als ich vor ihm stand, damit ich nicht stottere oder so. Hoffentlich hat er das nicht bemerkt! Hab einen wunderschönen Morgen gewünscht. Was darf’s sein? Eine heiße Schokolade mit extra Sahne wollte er. Extra Sahne!

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Malerei der Woche (17/2022)

Der Mai ist gekommen und damit endgültig der Frühling. Kirsch- und Apfelbäume blühen und der Flieder macht mit. Die Amseln tirilieren, die Spatzen zwitschern unermüdlich und der Kuckuck ist jetzt da.
Der Frühling von Sandro Botticelli strahlt einen ebenso poetischen Zauber aus wie die Geburt der Venus. Viele Interpretationen gibt es zu dem Werk, in dem wieder Venus im Mittelpunkt steht – man kann das Bild aber auch einfach nur genießen.

Malerei der Woche (16/2022)

Der 23. April ist der Tag des heiligen Georg. Die Darstellung seines Sieges über den Drachen symbolisiert in der Kunst die Bekehrung eines heidnischen Landes zum Christentum. Der Ort der Bekehrung wird häufig von einer jungen Frau verkörpert. Der hl. Georg ist der Schutzpatron vieler europäischer Städte und seit 1222 auch von England.

Raffael: Der hl. Georg kämpft mit dem Drachen

P.S. und völlig ohne Bezug zur Renaissance: Am St. George’s Day vor 15 Jahren war ich in London und geriet zufällig in die Feierlichkeiten auf dem Trafalgar Square. Seitdem bin ich Teil eines Weltrekords, nämlich des weltgrößten Kokosnuss-Orchesters. Wir gaben Monty Pythons “Always Look on the Bright Side of Life” zum Besten.

Malerei der Woche (15/2022)

1593 malt Santi di Tito „Die Vision des heiligen Thomas von Aquin“. Während Thomas ein Jahr vor seinem Tod 1274 vor dem Kruzifix der Ordenskirche von Neapel im Gebet versunken war, neigte sich der gekreuzigte Jesus ihm zu und versicherte: Du hast gut über mich geschrieben. Santo di Titos Gemälde zeigt diese Verschmelzung von Realität und Vision. Hier betet Thomas vor einem Altarbild, dessen Goldrand deutlich zu erkennen ist. Das Kreuz ist noch Teil des Altarbildes, doch Jesus und vor allem die Trauernden unter dem Kreuz – Maria, Johannes, Magdalena und Katharina – treten aus dem Bild in die Wirklichkeit des Thomas von Aquin.

Santo di Tito thematisiert damit auch eine zentrale Streitfrage der religiösen Bilderdiskussion. Vorwurf der Reformatoren war, dass von Menschen gefertigte Kunstwerke von den Katholiken wie heidnische Götzenbilder angebetet würden. Die Gegenreformation argumentierte, dass die Verehrung nicht den Werken an sich gelte, sondern den dargestellten Personen, so dass sich die Betrachter durch die Werke biblische Ereignisse und Glaubenswahrheiten vergegenwärtigen können.