Monatsarchiv: Dezember 2009

Der Hausfalter – Schreibwerkstatt (3)

Die letzte Aufgabe in der Schreibwerkstatt. Jeder zieht aus je einem Stapel Zettel ein Substantiv und ein Verb. Zusammengesetzt ergibt sich daraus eine Berufsbezeichnung. Meine Wörter waren: Haus und falten – da war er geboren, der Hausfalter…

***

„Guten Tag, Herr …“

„Walter. Karl-Egon Walter.“

„Ah ja. Herr Walter. Nehmen Sie doch bitte Platz. Sie sind also zu uns gekommen, weil Sie einen Kredit aufnehmen möchten.“

„Jawohl. Das ist richtig.“

„Unser Institut benötigt natürlich gewisse Sicherheiten bei der Kreditvergabe.“

„Natürlich. Ich verstehe.“

„Ah ja. Welche Sicherheiten haben Sie denn zu bieten, Herr …“

„Walter.“

„Herr Walter. Ihre Sicherheiten also…“

„Wenn Sie erst einmal von meiner Geschäftsidee gehört haben, dann ist die Sache klar!“

„Ah ja.“

„Sie wissen doch, wie viel Arbeit, Zeit und Geld so ein Umzug verschlingt. Keiner will sich darum kümmern! Annoncen studieren, Maklern hinterher telefonieren, zu Besichtigungen hetzen. Dann: Porzellan einwickeln, Kisten packen, Möbel zerlegen.“

„Äh, ja?“

„Da hab ich die Geschäftsidee! Ich werde meine Dienste als Hausfalter anbieten. Das wird der Hit!“

„Ich verstehe nicht recht…“

„Na, wenn jemand umziehen will, dann werde ich sein Haus einfach falten. Mit allem Drum und Drin! Auf’n LKW, am neuen Wohnort entfalten, fertig!“

„Ja. Wie jetzt?“

„So wie ich es gesagt habe. Hausfalter! Ich falte das Haus. Ihres, das von Ihrem Chef, Ihrem Schwager, von allen! Das wird die Revolution auf dem Immobilienmarkt. Ich hab mir das genau überlegt. Ich hab auch schon einen Slogan: ‚Braucht Dein Haus einen Falter, da gibt’s nur einen: Karl-Egon Walter.’ – Na, was sagen Sie? Da sind Sie ganz schön beeindruckt, was?“

„Äh… ja. Aber was ist denn, wenn jemand nicht in einem allein stehenden Haus wohnt, sondern ein kleines Apartment in einem Hochhaus hat? Da können Sie ja wohl kaum den anderen 99 Parteien zumuten, dass die mitgefaltet werden. Und was ist, wenn am neuen Wohnort schon ein Haus steht und nicht genügend Platz ist?“

„Hm. Ach so. Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Da.. da muss ich noch mal in mich gehen… Da würde ich dann gerne später noch einmal bei Ihnen vorsprechen…“

„Ja aber selbstverständlich, Herr …“

„Walter.“

„Herr Walter. Aber kommen Sie am besten erst wieder, wenn Sie die Sache im Detail durchdacht haben. Im Detail, verstehen Sie, Herr Walter? Nehmen Sie sich ruhig Zeit.“

„Ja, vielen Dank. Sehr freundlich. Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Herr Walter.“

….

„Na komm, Herrmann, geh schon ran… Ja, hallo … Herrmann, ich bin’s. Bist du allein im Büro? Kannst du sprechen? … Sehr gut. … Hör mal, grade war wieder einer von diesen Genialen hier. Mit einer Bombengeschäftsidee! … Wie? … Ja, klar. Ich hab’s gemacht wie immer: V & A. Verunsichern und Abwimmeln. Ha, ha! … Pass auf, Herrmann, ich erzähl’s dir! Diesmal werden wir reich!“

Der Blechelefant – Schreibwerkstatt (2)

Für unseren zweiten Text sollten wir uns in der Schreibwerkstatt von einem von der Kursleiterin mitgebrachten Gegenstand inspirieren lassen.

Der Gegenstand war ein bunt lackierter Blechelefant; diesem hier ziemlich ähnlich:

Der Blechelefant

Ich mag mein neues Spielzeug. Papa hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Ein Elefant auf einem Motorrad. Ganz bunt angemalt ist der. Er fährt im Kreis, wenn man ihn aufzieht. Schnell wie der Wind, wegen der Propeller oben an seinem Rüssel. Und das Geräusch, das der Elefant beim Fahren macht – wie ein echtes Motorrad!

Dann ist es auch nicht mehr so laut, wenn Mama und Papa sich streiten. Sie streiten oft. Ganz schlimm ist es geworden, seit Tante Hilda den Hans geheiratet hat. Der Papa mag den Hans nicht.

Einmal habe ich gehört, wie der Papa zur Mama gesagt hat, dass es eine Schande sei, dass die Schwester seiner Frau einen Juden heiratet. Wo der Papa es doch weit bringe wolle in der Partei. Der Papa hat die Mama richtig angeschrien. Die Mama hat dann geweint. Die beiden haben nicht bemerkt, dass ich draußen im Flur war. Ich bin dann auch ganz schnell wieder ins Bett.

Ich verstehe das alles nicht so richtig. Ich weiß nicht genau, was ein Jude ist. Aber wenn der Hans ein Jude ist, dann kann das gar nicht so etwas Schlimmes sein, denk ich mir. Ich mag den Hans eigentlich ganz gern. Der lacht viel und einmal hat er mir ein Karamellbonbon mitgebracht. Einfach so.

Manchmal erzählt der Papa von seiner Partei. Da sind lauter Leute, die anpacken, sagt er. Damit es endlich den Richtigen gut geht. Die Mama sagt dann nichts. Das macht den Papa wütend. Und dann streiten sie. – Ich mag mein neues Spielzeug.