Tagesarchiv: 4. Dezember 2014

Tausend Tode schreiben – E-Book-Projekt des Frohmann Verlags

Tausend Autoren schreiben tausend Texte zum Thema Tod – das ist ganz kurz gesagt die Idee hinter dem E-Book-Projekt der Berliner Verlegerin Christiane Frohmann.

Die erste Version des E-Books ist mit 135 Texten am 01.12. erschienen – darin auch ein Text von mir (Nr. 110 im E-Book und direkt hier auf Seelenflügel).

Erweiterte Versionen folgen nun monatlich, die finale Version kommt im März. Das E-Book ist in diversen Shops zu finden, die Einnahmen werden gespendet.

Mehr Info auf der Website des Frohmann Verlags und auf Twitter unter #1000tode

Wenn heute Nacht der Tod an deine Türe klopft, was wirst du tun?

Werden deine Augen ihn ungläubig betasten, obwohl deine Seele ihn gleich erkennt? Wirst du starr sein vor Schreck, wie die junge Kohlmeise, die das geschlossene Fenster nicht vom Himmel unterscheiden konnte?

Wird dein Herz rasen? Dein Mund trocken sein? Wirst du die kalten Schweißperlen von der Stirn wischen oder sie die Schläfen herabrinnen lassen? Wird ein Schrei den Weg nach draußen finden oder stumm bleiben?

Wirst du in die Ecke kriechen? Dich mit den Händen schützen vor dem harten Schlag? Hoffst du, er wird dich übersehen? Wirst du flehen, betteln, weinen? Glaubst du, Tränen rühren ihn?

Wirst du feilschen, um Jahre, Wochen, Monate? Wirst du all die Dinge vorbringen, die du noch zu tun hast in dieser Welt? Wirst du zweifeln an der Richtigkeit? Wirst du den Tod zum Nachbarn schicken?

Wirst du wünschen, du hättest andere Wege eingeschlagen im Leben? Mehr von den geraden? Oder den gewundenen? Wirst du bereuen? Deine Lügen, deine Eitelkeit, deinen fehlenden Mut?

Wirst du begreifen, dass du machtlos bist? Wirst du den Blick senken und schweigen? Oder wirst du aufbegehren, laut werden, kreischen, schreien, wüten, ohne Rücksicht, ohne Furcht?

Wird es dich trösten, dass der Tod dich von zu Hause holt, und nicht in einem Flugzeug, das brennend in die Tiefe stürzt? Nicht in der Fremde, nicht auf der Flucht. Nicht siechend auf dem Krankenbett. Nicht in einem dröhnenden Krieg, nicht in einem Folterkeller.

Wirst du sogar erleichtert sein, weil du schon so lange auf ihn gewartet hast? Weil du für deine Last keine Linderung und auch nirgends ein Transportmittel finden konntest. Wirst du ihm zuflüstern, mit einem Lächeln im Gesicht: Erlöse mich.

Wirst du erkennen, dass dein Leben einfacher, sicherer, reicher war das das der meisten Menschen? Wirst du dankbar sein für die Privilegien, die du hattest? Wirst du spüren, dass dein Leben gelungen ist? Wirst du dich frei machen? Wirst du loslassen? Wirst du in Ruhe mit ihm gehen?

Wenn heute Nacht der Tod an deine Türe klopft, was wirst du tun?

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Mein Beitrag zum E-Book-Projekt Tausend Tode schreiben des Frohmann Verlags Berlin
Twitter: #1000tode