Monatsarchiv: August 2019

Lyrik der Woche (35/2019)

Der meteorologische Sommer endet am Sonntag. Vom Ende des Sommers und der dazugehörigen Wehmut erzählt Friedrich Hebbels „Sommerbild“.

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Lyrik der Woche (34/2019)

Die Lyrik dieser Woche kommt nicht von verdienten Dichtern, sondern von vielen fröhlichen Kindern auf dem Spielplatz direkt vor unserer Haustür. Zu vernehmen hautsächlich vom Karussell, aber auch schon mal von der Schaukel, so wie heute am frühen Abend von einem glucksenden Jungen.

Die Lyrik der Woche lautet kurz und bündig:

Schneller
Propeller

🙂

Lyrik der Woche (33/2019)

Im Wald ist es weniger einsam als man denken könnte. Theodor Storm traf letzte Woche auf die Waldeskönigin. Auch dem Mädchen in meiner Geschichte „Die Lichtung“ steht eine Begegnung bevor. Und mit wem bekommen wir es in Joseph von Eichendorffs Gedicht „Waldgespräch“ zu tun?

Waldgespräch

Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Was reit’st du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! Ich führ’ dich heim!

„Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.“

So reich geschmückt ist Roß und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn’ ich dich – Gott steh’ mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.

„Du kennst mich wohl – von hohem Stein
Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!“

Die Lichtung

Gelb, braun und golden leuchtet das Laub. Die Herbstluft ist klar. Die Spätnachmittagssonne fällt mild auf den großen Stein am Rand der Lichtung. Flach und quaderförmig ist der Stein, an seinen Seiten und Rändern wächst Moos, aber oben, dort wo sie immer sitzt, ist er glatt. Schon als kleines Kind ist sie oft hierhergekommen und in den letzten Monaten immer häufiger. Altar nennt sie den Stein, aber das verrät sie niemandem. Der Altar gehört nur ihr, der Altar und die kleine Lichtung im Wald, gar nicht weit weg von dem Haus, in dem sie wohnt. Es „zu Hause“ zu nennen, fällt ihr immer schwerer. Zu viel Streiterei und Geschrei, gefolgt von eisigem Schweigen.

Mit angezogenen Beinen sitzt sie auf dem Altar, streichelt über das Moos, als wäre es das glänzende Fell der Katze, die sie sich letztes Jahr gewünscht hat. Nur Dreck und Arbeit würde die machen, hatte ihre Mutter gesagt. Und Kastrieren lassen müsste man die, für solchen Quatsch hätten sie kein Geld. Ihr Vater hatte der Mutter ausnahmsweise zugestimmt. Ihr großer Bruder hatte sie schadenfroh ausgelacht. Seitdem hat sie sich nichts mehr von den Eltern gewünscht.

Die Worte des Streits ihrer Eltern von vorhin hallen in ihrem Kopf nach. Sie ist von der Schule heimgekommen, hat die Haustür kaum einen Spalt geöffnet und sie schon gehört. Ein widerlicher Säufer bist du, hat die Mutter geschrien. Der Vater: Du zickige Kuh, da kannst du deinem Hühnerhaufen wieder vorjammern, was für ein Versager dein Mann ist! Sie hat die Tür von außen wieder zugezogen und ist in den Wald gegangen, zu ihrer Lichtung, ihrem Stein.

Hier ist es still, so wunderbar still. Irgendwo zwitschert ein Vogel, vielleicht ein Fink, und das Herbstlaub in den Wipfeln flüstert ihr zu: hier bist du sicher. Die Sonne steht schon tief und langsam wird ihr kalt. Bald wird sie gehen müssen. Aber noch nicht gleich. Sie will so lange bleiben wie nur möglich.

Nur wenige Meter entfernt, im dichten Unterholz, dort, wo das Mädchen es nicht sehen kann, kauert ein Geschöpf. Behaart ist es, am ganzen Körper, und von wölfischer Gestalt. Seine Augen glühen feuerrot und es beobachtet das Mädchen mit jeder Faser seines Körpers. Je tiefer die Sonne sinkt, umso stärker steigt sein Jagdfieber. Nur noch wenige Augenblicke, dann wird es sich zum Sprung bereit machen.

Lyrik der Woche (32/2019)

Diese und nächste Woche führt uns die Lyrik der Woche in den Wald. Zuerst finden wir uns mit Theodor Storm „Im Walde“.

Im Walde

Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind;
Die Zweige hängen nieder,
Darunter sitzt das Kind.

Sie sitzt in Thymiane,
Sie sitzt in lauter Duft;
Die blauen Fliegen summen
Und blitzen durch die Luft.

Es steht der Wald so schweigend,
Sie schaut so klug darein;
Um ihre braunen Locken
Hinfließt der Sonnenschein.

Der Kuckuck lacht von ferne,
Es geht mir durch den Sinn:
Sie hat die goldnen Augen
Der Waldeskönigin.

Lyrik der Woche (31/2019)

Erich Kästner hat für jeden Monat des Jahres ein Gedicht geschrieben. Die letzte Strophe des „August“ ist die Lyrik der Woche.

Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.
Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,
ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.
Dann wünsche deinen Wunsch, doch gib gut acht!
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.