Mein Poetenfest 2023

Die Wettergötter waren launisch dieses Jahr. Beide Lesenachmittage mussten im Verlauf wegen des Regens vom Schlossgarten ins Theater verlegt werden. Das war zwar schade, führte aber zu einem schönen Bild: eine bunte Karawane von Regenschirmen und Kapuzen, unter denen lauter literaturbegeisterte Menschen stecken.

Mein Top-Highlight war die Lesung und vor allem das Gespräch mit Ulrike Draesner. „Die Verwandelten“ thematisiert Gewalterfahrungen im Krieg, insbesondere Vergewaltigung. Basierend auf zahlreichen persönlichen Gesprächen mit Betroffenen und Recherche in der eigenen Familiengeschichte gibt Draesner in ihrem Roman deutschen und polnischen Frauen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration eine Stimme.

Weitere Lesungen, die mich neugierig gemacht haben:

Elena Fischer: „Paradise Garden“: Mit wenig Geld, dafür viel Erfindungsreichtum leben Billie und ihre Mutter in einer Hochhaussiedlung. Als Billie 14 ist, stirbt die Mutter und der Besuch der ungarischen Großmutter rückt ungeklärte Fragen der Vergangenheit ins Licht. Schließlich bricht Billie auf, um Antworten auf diese zu finden, zum Beispiel: Wer ist mein Vater? Oder: Woher kommt meine Sehnsucht nach dem Meer?

Charlotte Gneuß: „Glittersee“: Dresden, Mitte der 1970er Jahre, die Protagonistin Karin ist 16. Ihre erste große Liebe begeht Republikflucht und Karin gerät in die Maschinerie des Staatssicherheitsapparates.

Tommie Goerz: „Das Tal“: Der Erlanger wurde mit fränkischen Regionalkrimis bekannt. „Das Tal“ ist kein Krimi, sondern erzählt von einem Bauernsohn in der Fränkischen Schweiz, der beide Weltkriege erlebt, als Metzger, Flößer, Bauer arbeitet und Zeit seines Lebens mit den Geistern der Vergangenheit ringt.

Angelika Klüssendorf: „Risse“: Zehn Erzählungen zeigen uns ein Kinderleben in der DDR der 1960er und 1970er Jahre. Lakonisch und eindringlich schildert Klüssendorf im gelesenen Text, wie ein Mädchen mit den jährlich zu Ostern wiederkehrenden Selbstmordversuchen ihres Vaters umgeht.

Raoul Schrott: „Inventur des Sommers. Über das Abwesende“: Lyriklesungen beim Poetenfest sind für mich meist schwierig, oft fliehe ich. Raoul Schrott hat mich mit seinem humorvollen und wahrlich poetischen Vortrag jedoch zum Sitzenbleiben und vergnügtem Zuhören gebracht.

Danke, liebes Poetenfest, einmal mehr, für zwei wunderbare Nachmittage! Bis zum nächsten Jahr!

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