Vielleicht hätte ich misstrauisch werden sollen, als die Wirtsfrau mich in ihrer düsteren Gaststube fragte, ob ich das Märchen Brüderchen und Schwesterchen kennen würde. In meinem jugendlichen Drang hatte ich auch die Warnung ignoriert, die mir das alte Mütterchen auf der Holzbank neben dem Eingang des baufälligen Gasthofs zuraunte: Da drinnen geht es nicht mit rechten Dingen zu. Oder hätten mir die eingerahmten Fotografien des immer gleichen jungen Mannes, mit denen die Innenwände des Wirtshauses übersät waren, einen Hinweis geben können? Wahrscheinlich nicht. Hinterher ist man immer schlauer.
Ich war so stolz auf meinen ersten echten Auftrag als Reporter für die regionale Tageszeitung. Ich habe noch im Ohr, wie Meyerling, der Chefredakteur, mir den Auftrag in seinem zigarrenrauchschwangeren Büro erteilt hat: Schuster, ich hab da was für Sie, da können Sie sich ausprobieren. Sie haben ja wohl von den Vermisstenfällen in Untergutheim gehört?
Ja, hatte ich. Seit mehreren Jahren waren in der Gegend um den kleinen Ort alle paar Monate junge Männer spurlos verschwunden. Die Polizei tappte völlig im Dunkeln. Keine Leichen, keine Zeugen, keine Anhaltspunkte. Meyerling warf mir einen verschwörerischen Blick zu: Seit letzter Woche fehlt wieder einer. Ein Vertreter auf Durchreise. Ist aber noch nicht offiziell. Polizeidirektor Kuhne hat’s mir gesteckt.
Meyerling fuhr fort: Außerdem gibt es laut Kuhne Hinweise, dass die Vermisstenserie schon viel länger zurückreicht als bisher dokumentiert. Könnte sein, dass das schon kurz nach dem Krieg angefangen hat. Wenn da was dran ist, Schuster, das wäre die Story! Sie setzen sich in den nächsten Zug, fahren da hin und recherchieren vor Ort. Befragen Sie die Leute, vor allem die älteren und die Geschäftsleute: den Metzger, den Bäcker, den Wirt. Die wissen bestimmt was. Die wissen immer was. Kommen Sie erst zurück, wenn Sie einen echten Reißer haben, Schuster. Ich verlasse mich auf Sie.
Ich verlasse mich auf Sie, das waren seine letzten Worte an mich. Gesprochen vor acht Tagen – oder sind es schon neun? Die Tage kommen und gehen, es ist schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Sie erinnern mich an meinen Bruder, hatte die Wirtsfrau gesagt, als sie mir das Gläschen Schnaps aufs Haus anbot nach dem herzhaften Braten. An mein Brüderchen, mein Brüderchen, das ich an den Krieg verloren habe, sagte sie noch. Das schmeckt gar nicht wie Schnaps, sondern wie frisches Quellwasser, dachte ich, dann wurde mir schwindelig. Mein Brüderchen, mein Brüderchen… Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, hörte ich noch die Stimme der Wirtsfrau. Dann war alles schwarz.
Als ich wieder aufwachte, lag ich auf weichem Gras. Der Mond schien, es duftete nach Heu und mir war gar nicht kalt. Ich hob den Kopf, ein wenig schummrig war mir noch, da legte ich ihn bald zurück zwischen meine Vorderbeine und schlief wieder ein. Erneut geweckt wurde ich von einem Stupsen, einem sanften Stupsen und Lecken. Ich erschrak aber nicht, schaute auf und neben mir stand ein junger Rehbock. Schaute mich neugierig an mit seinen braunen Augen, stupste und leckte freundlich meinen Rücken. Ich stand auf, war erst ein wenig wackelig auf meinen vier Beinen, aber schnell stand ich fest. Guten Morgen, sagte der Rehbock. Mein Name ist Gerhard, früher war ich Vertreter für Staubsauger. Und wer bist du?
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das ist so spannend 🙂 Sehr schön geschrieben. ich würde wirklich gern wissen wie es weitergeht. Gibt es einen 2. Teil?
Liebe Grüße Hanna
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Vielen Dank. 🥰 Bisher gibt es keine Fortsetzung. Wir können beim nächsten Kaffee ja mal spinnen, wie es weitergehen könnte. 😀
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Das ist eine schöne Idee:-)
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