Archiv der Kategorie: Geschichten

Der Ort (2)

Wo ich mich im ersten Jahr sehr stolz und zugleich wieder klein fühle.
Wo ich entdecke, dass mir das Lernen auch hier leichtfällt.
Wo ich mich beim Unterstufenfasching in den DJ aus der Kollegstufe verknalle.
Wo mir von Jahr zu Jahr klarer wird, dass die englische Sprache eine meiner Leidenschaften ist,
Jedoch der Sportunterricht immer schrecklicher und quälender wird.
Wo ich in Erdkunde heimlich Kartoffelchips aus der Tüte unter der Bank futtere.
Wo ich Freundschaften schließe, von denen zwei bis heute halten.
Wo ich mich mit meiner ersten großen Liebe von einer Schulfeier davonstehle und im dunklen Gang vor den Physiksälen lache, knutsche, schweige.
Wo ich in Geometrie manchmal den Vordermann mit dem Zirkel in den Rücken pikse, wenn der beim Stuhlkippeln nahe genug kommt.
Wo ich auf der Schulbühne nach der Theaterpremiere spüre, wie wunderbar sich Applaus anfühlt.
Wo mir bei der Übergabe des Abiturzeugnisses bewusst wird, dass mir jetzt die Welt offensteht.
Wo ich 30 Jahre nach dem Abitur während der Schulführung in drei Klassenzimmern ein kleines Kreideherz an die Tafel male.

inspiriert von „Der Ort“ von Bernd Jentzsch

Der Ort (1)

Wo ich als Kind schon Kaffee mit viel Sahne trinken darf, dazu Zimtrollen, Schwarzwälder Kirsch und Frankfurter Kranz.
Wo ich stundenlang mit den Matchbox-Autos und der Rennbahn meines Onkels spiele.
Wo ich mit meinem Opa in seiner Mittagspause in der Werkskantine roten Presssack vespere.
Wo ich nach Schichtende in die geheimnisvollen Fabrikhallen mitkommen darf, wenn meine Oma und ihre Kolleginnen dort putzen.
Wo ich im Hof vor einem riesigen Glascontainer hinfalle und der Arzt danach mit der Pinzette winzige Scherben aus meinen Handflächen zieht.
Wo meine Großeltern mir ein Puppenhaus mit vielen Zimmern, Teppich und Tapete schenken, das einer der Tischler in der Fabrik gebaut hat.
Wo ich meiner Oma bei einem Besuch einfach so einen Blumenstrauß mitbringe, und es ist ihr Hochzeitstag.
Wo heute niemand mehr arbeitet und lebt, außer in meiner Erinnerung.

inspiriert von „Der Ort“ von Bernd Jentzsch

Der Sonnenhut

Wenn ich mich im Laden umsehe, kann ich ohne Übertreibung feststellen, dass ich zu den schönsten Stücken zähle. Und mit meiner eleganten Form aus geschmeidigem Seegras und den farbigen Streifen in orange, lila, mint und lavendel gehöre ich bei den Hüten und Kappen sicher zu den Top Drei. Die einfarbigen Strohhüte verblassen buchstäblich im Vergleich zu mir und von den grässlichen Schirmmützen will ich gar nicht erst sprechen – denen fehlt es einfach an Format. Meist werden sie von Männern mit dicken Bäuchen und sonnenverbrannter Haut gekauft. Mit mir mithalten können eigentlich nur zwei andere Hüte. Der seegrüne mit dem dunkelvioletten Satinband und der neue, der erst letzte Woche gekommen ist: weizengelb und die weit geschwungene Krempe mit bunten Blumenranken bedruckt. Er strahlt Extravaganz aus, das muss ich neidlos anerkennen.

Ich bin bereits seit Beginn der Saison hier. Schon häufig wurde ich von meinem Ständer genommen und aufgesetzt. Meist von jüngeren Frauen, teilweise sogar ganz hübsch. Nach kurzem Posieren vor dem Spiegel hingen sie mich jedoch immer wieder zurück an den Haken. Die meisten verließen den Laden, ohne etwas zu kaufen, manche entschieden sich für ein einfacheres und deutlich günstigeres Modell. Mich muss man sich eben leisten können.

Heute ist ein sonniger Tag, da werden viele Leute in den Laden kommen. Wer weiß, vielleicht ist es heute soweit. Vielleicht kommt heute meine Prinzessin und holt mich in ihr Schloss. Ja, verzeihen Sie, das ist bestimmt übertrieben und selbstverständlich weiß ich, dass es nicht mehr sehr viele Prinzessinnen gibt. Aber ein Sonnenhut wird ja wohl noch träumen dürfen! Oh, da ist schon jemand. Zwei junge Frauen, Mädchen eher, kichernd, mit großen Sonnenbrillen und engen kurzen Hosen. Die eine gefällt mir, ihren dunklen langen Locken würde ich gut stehen… Aber schade, sie gehen am Hutständer vorbei… Sie kaufen Sonnencreme. Nun, das ist ja auch vernünftig. Und Prinzessinnen waren die beiden sicher nicht. Geduld, Geduld.

Ah, hier kommt wieder jemand. Ein Mann und eine Frau. Sie steuern direkt auf mich zu. Oh, sie ist bezaubernd! Kurzes blondes Haar, ein edles Gesicht, hohe Wangenknochen und leuchtend blaue Augen. Ja, das würde passen! Er, na ja, nicht mehr der Jüngste, aber ganz passabel. Überhaupt gar keine Haare allerdings… Ja! Sie probiert mich an. Betrachtet uns lachend im Spiegel. Wir sehen gut aus! Oh, das wäre wunderbar. Nein, nicht wieder abnehmen! Nicht zur Seite legen! Nein, jetzt probiert sie den neuen mit der geblümten Krempe. Wie sie sich mit dem in Pose wirft! Und ihren Begleiter anstrahlt… Nimm doch wieder mich! Mich!

Huch, was ist das? Jetzt setzt er mich auf. Ich fasse es nicht! Ich bin doch kein Hut für einen Mann! Ein komisches Gefühl, keine Haare, direkt auf der Haut… Er lächelt sich im Spiegel an, dann seine Begleiterin. Sie lacht. Sie hat immer noch die Blumenkrempe auf. Nun stehen sie beide vor dem Spiegel. Lachen, posieren. Gut, wenn ich mir das so ansehe… Wir Vier sehen tatsächlich fabelhaft aus miteinander! Und jetzt, wo ich mich etwas gewöhnt habe, muss ich sagen, dass sich die Kopfhaut recht gut anfühlt. Ein fester Sitz, zugleich weich und zart. Ist er etwa meine Prinzessin?

Ja, sie gehen zur Kasse! Sie nehmen mich und die Blumenkrempe. Uns beide! Wer weiß, vielleicht wohne ich bald in einem Schloss.

Gereimte Tragödie in vier Worten

Spatz
Katz
Satz
Schmatz

Warten auf Felicitas (inspiriert von „Heimweh“ von René Magritte)

Hoffentlich kommt Felicitas schnell wieder. Die Sonne geht schon auf und dann werden bald die ersten Leute hier vorbeikommen. Wenn die mich in dieser Gestalt sehen, werden sie in Panik geraten. Werden die Polizei rufen, den Zoo, den Großwildjäger oder wer weiß, wen! Rasende Angst werden sie kriegen. Ein Löwe ist schließlich ein gefährliches wildes Tier!

Ich hätte mich lieber auf mein Hanteltraining verlassen sollen, statt mich auf Felicitas‘ Zeitungsannonce zu melden…

Fee in Ausbildung sucht Probanden. Eine Wunscherfüllung kostenlos. Bei Nicht-Gefallen Rückgängigmachung garantiert. Achtung: Wunder nicht möglich. Terminvereinbarung unter Chiffre 38572.

Einen seriösen Eindruck macht sie an sich, Felicitas. Sie meinte ja auch, mein Wunsch wäre absolut erfüllbar. Vielleicht hätte ich es anders formulieren müssen. Hätte nicht „stark wie ein Löwe“ wünschen dürfen, sondern vielleicht einfach „ich möchte sehr stark sein“ oder so. Nun ist es zu spät. Der andere ist offensichtlich auch nicht zufrieden. Angelkönig beim nächsten Regenbogenforellen-Fischen wollte der werden. Er hat extra gefragt, ob auch Wunscherfüllung für zukünftige Ereignisse ginge. Felicitas hat versichert, das sei gar kein Problem. Tja, und jetzt hat er schwarze Engelsflügel…

Hoffentlich kommt Felicitas schnell wieder mit dem Zauberstaub fürs Wünsche Rückgängigmachen. Das war ihr ziemlich peinlich, dass sie den nicht schon dabei hatte… zu Recht! Ihr Studio ist ganz nah, hat sie gesagt, aber sie wolle die Kraft der endenden Nacht und des fließenden Wassers für die Wunscherfüllung nutzen, deswegen der Treffpunkt hier auf der Brücke…

Ah, da vorne kommt sie! Ich kann nur hoffen, dass das Rückgängigmachen klappt… Dann werde ich gleich mit dem Hanteltraining weitermachen, wenn ich zu Hause bin. Das ist zwar mühsam, aber da weiß man, was man hat!

Heimweh - Magritte

Dorfreportage

Vielleicht hätte ich misstrauisch werden sollen, als die Wirtsfrau mich in ihrer düsteren Gaststube fragte, ob ich das Märchen Brüderchen und Schwesterchen kennen würde. In meinem jugendlichen Drang hatte ich auch die Warnung ignoriert, die mir das alte Mütterchen auf der Holzbank neben dem Eingang des baufälligen Gasthofs zuraunte: Da drinnen geht es nicht mit rechten Dingen zu. Oder hätten mir die eingerahmten Fotografien des immer gleichen jungen Mannes, mit denen die Innenwände des Wirtshauses übersät waren, einen Hinweis geben können? Wahrscheinlich nicht. Hinterher ist man immer schlauer.
Ich war so stolz auf meinen ersten echten Auftrag als Reporter für die regionale Tageszeitung. Ich habe noch im Ohr, wie Meyerling, der Chefredakteur, mir den Auftrag in seinem zigarrenrauchschwangeren Büro erteilt hat: Schuster, ich hab da was für Sie, da können Sie sich ausprobieren. Sie haben ja wohl von den Vermisstenfällen in Untergutheim gehört?
Ja, hatte ich. Seit mehreren Jahren waren in der Gegend um den kleinen Ort alle paar Monate junge Männer spurlos verschwunden. Die Polizei tappte völlig im Dunkeln. Keine Leichen, keine Zeugen, keine Anhaltspunkte. Meyerling warf mir einen verschwörerischen Blick zu: Seit letzter Woche fehlt wieder einer. Ein Vertreter auf Durchreise. Ist aber noch nicht offiziell. Polizeidirektor Kuhne hat’s mir gesteckt.
Meyerling fuhr fort: Außerdem gibt es laut Kuhne Hinweise, dass die Vermisstenserie schon viel länger zurückreicht als bisher dokumentiert. Könnte sein, dass das schon kurz nach dem Krieg angefangen hat. Wenn da was dran ist, Schuster, das wäre die Story! Sie setzen sich in den nächsten Zug, fahren da hin und recherchieren vor Ort. Befragen Sie die Leute, vor allem die älteren und die Geschäftsleute: den Metzger, den Bäcker, den Wirt. Die wissen bestimmt was. Die wissen immer was. Kommen Sie erst zurück, wenn Sie einen echten Reißer haben, Schuster. Ich verlasse mich auf Sie.
Ich verlasse mich auf Sie, das waren seine letzten Worte an mich. Gesprochen vor acht Tagen – oder sind es schon neun? Die Tage kommen und gehen, es ist schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Sie erinnern mich an meinen Bruder, hatte die Wirtsfrau gesagt, als sie mir das Gläschen Schnaps aufs Haus anbot nach dem herzhaften Braten. An mein Brüderchen, mein Brüderchen, das ich an den Krieg verloren habe, sagte sie noch. Das schmeckt gar nicht wie Schnaps, sondern wie frisches Quellwasser, dachte ich, dann wurde mir schwindelig. Mein Brüderchen, mein Brüderchen… Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, hörte ich noch die Stimme der Wirtsfrau. Dann war alles schwarz.
Als ich wieder aufwachte, lag ich auf weichem Gras. Der Mond schien, es duftete nach Heu und mir war gar nicht kalt. Ich hob den Kopf, ein wenig schummrig war mir noch, da legte ich ihn bald zurück zwischen meine Vorderbeine und schlief wieder ein. Erneut geweckt wurde ich von einem Stupsen, einem sanften Stupsen und Lecken. Ich erschrak aber nicht, schaute auf und neben mir stand ein junger Rehbock. Schaute mich neugierig an mit seinen braunen Augen, stupste und leckte freundlich meinen Rücken. Ich stand auf, war erst ein wenig wackelig auf meinen vier Beinen, aber schnell stand ich fest. Guten Morgen, sagte der Rehbock. Mein Name ist Gerhard, früher war ich Vertreter für Staubsauger. Und wer bist du?

Im Zirkus

Ich arbeite in einem Zirkus. Die Vorstellungen finden täglich statt, die ersten Auftritte beginnen kurz nach acht, ab halb zehn sind die Ränge gefüllt. Eine strenge Trennung zwischen Zuschauern und Akteuren gibt es nicht, alle dürfen die Manege betreten. Es gibt geheimnisvolle Zauberkünstler, waghalsige Artisten und natürlich Clowns, lustige und traurige. Unser Zirkuszelt ist das oberste Stockwerk eines modernen Hochhauses in bester Lage der Innenstadt, voll klimatisiert und ausgefallen eingerichtet.

Unsere Direktorin heißt Klarissa. Sie hält die Zügel fest und sicher, aber nicht allzu straff. Ihr Credo lautet: Freiraum für Kreativität. Klarissas kupferrote Locken fließen glänzend über ihre Schultern und ihre Business-Kostüme in kräftigen Farben sitzen stets wie angegossen. Klarissas Stimme füllt jeden Raum, auch bei Gastspielen (Kunden). Wenn ein besonders umkämpfter Auftrag gewonnen wurde, erlaubt sie sich ein mädchenhaftes Kichern, doch schadenfroh habe ich sie nie erlebt. Niemand stellt Klarissas Autorität infrage, ihr Wort zählt und was sie will, wird gemacht. Dazu braucht sie keine Peitsche, noch nicht einmal eine Pfeife. Neuzugänge werden unter ihrem Kommando in kürzester Zeit handzahm. Selbst die schillerndsten Pfaue und die eigensinnigsten Ponys lernen bereitwillig ihre Kunststückchen. Wie Klarissa das schafft, ist ein Rätsel, denn, wie gesagt: keine Peitsche, keine Pfeife, lockere Zügel.

Ich arbeite in einem Zirkus. Jeden Tag freue ich mich auf die Vorstellung. Ich bin ein fester Teil der Kompanie und ich bin es gerne. Es mag seltsam klingen, aber gerade hier im Zirkus kann ich ich selbst sein, ohne Maskerade. Wenn es nötig wäre, würde ich durch brennende Reifen springen, den dreifachen Salto ohne Netz wagen oder frisch geschärfte Schwerter schlucken.

Glücklicherweise reicht es, wenn ich überzeugende Werbetexte für unsere Kunden liefere. Aber die Arbeit an der neuen Kampagne fühlt sich an, als hätte im Spiegellabyrinth jemand das Licht ausgemacht… Mir will und will nichts Originelles einfallen… Was tun? Vielleicht ist Klarissa noch in ihrem Büro und hat ein Zuckerl für mich!

Aufmunterung der Woche (31/2023): Möbelgespräch

Diese Woche eine Schreibanregung: Lasst eines eurer Möbelstücke sprechen. Lasst es darüber erzählen, wie die Welt aus seinem Blickwinkel aussieht. Was es erlebt, wie es sich fühlt. So ein Perspektivwechsel kann sehr erfrischend sein.
Ihr könnt natürlich auch mehrere Möbelstücke miteinander sprechen lassen.

Möbelgespräch

In einem Esszimmer, Dezember 2020, kurz nach 20.00 Uhr.

Ah, nun sollte Ruhe sein für heute. Licht ist aus, die Tür ist zu. Endlich kein Gewicht mehr auf mir. Seit sie jeden Tag den ganzen Tag auf mir sitzt und abends zum Essen auch noch, fühle ich mich doch sehr belastet. Meint ihr, morgen früh geht’s gleich weiter? Oder ist schon Wochenende? Tisch, haben sie Wein zum Abendessen getrunken? Das machen sie doch meist nur freitags und samstags.

Oh Mann, Stuhl Nordwest, dass du auch nicht bis fünf zählen kannst! Heute war Tag vier, also Donnerstag, morgen nochmal, dann ist Wochenende. Außerdem hat sie doch vorhin darüber gesprochen, dass sie morgen einen langen Workshop moderiert. Dass du auch nie zuhörst!

Ja, du hast leicht reden, Tisch! Auf dir sitzt niemand drauf! Du trägst nur die leichten Sachen. Da könnte ich auch besser zuhören. Auf mir sitzt sie jeden Wochentag, von früh bis spät und nochmal abends!

Moment mal, ich bin auch stärker belastet. Der ganze Bürokram, den sie morgens auf mich draufstellt, das war früher ja auch nicht.

Jetzt seid doch nicht so griesgrämig, ihr beiden. Es hat doch auch sein Gutes. Wir haben jetzt viel länger Gesellschaft als früher. Ich finde es interessant, was tagsüber so passiert. Die vielen verschiedenen Stimmen, worüber die so alles sprechen.

Ach sei doch still, Stuhl Nordost! Für dich hat sich nichts geändert. Er sitzt nur abends auf dir, so wie immer, tagsüber hast du nichts zu tun. Du weißt ja nicht, wie das ist, wenn man die ganze Zeit das Gewicht eines Menschen tragen muss. Das ist eine große Verantwortung!

Na also… Auf mich legt sie tagsüber manchmal ihre Füße. Ich mag diese bunten Wollsocken, die sie trägt.

Ja, die finde ich auch recht hübsch. Ich würde mich übrigens freuen, wenn häufiger jemand auf mir Platz nehmen würde. Da sind Stuhl Südost und ich uns einig. Stimmt’s, Stuhl Südost?

Ganz richtig, Stuhl Südwest. Wir beide werden ja gar nicht mehr gebraucht. Seit Monaten hat niemand mehr auf uns gesessen. Es kommt keiner mehr. Das finde ich sehr traurig.

Ob das wohl jetzt so bleibt? Dass die beiden immer hier sind, dass sie jeden Wochentag den ganzen Tag auf mir sitzt und sonst niemand mehr kommt? Stuhl Nordost, wo du so gerne zuhörst: Weißt du vielleicht etwas?

Schwer zu sagen. Ich glaube, sie wissen es selbst nicht.

Ach, mir würde es schon helfen, wenn sie für eine Zeit auf einem von euch sitzen würde. Mein Sitzbezug ist schon ganz rau… Und ihr Südstühle wärt ja anscheinend glücklich, wenn ihr mehr zum Einsatz kämt.

Das stimmt! Aber wir können es ihr nicht sagen. Sie kann uns ja nicht hören…

Tja, ihr Stühle, dann können wir nur hoffen, dass sie von selbst auf den Gedanken kommt. Huch, die Tür geht auf. Ist die Nacht schon vorbei? Seid alle still!

Die Frau wirft einen prüfenden Blick ins Esszimmer. Durchs bodentiefe Fenster fällt das Licht der Straßenbeleuchtung in den Raum. Die Frau murmelt:

Hm, alles ruhig. Komisch, ich dachte, ich hätte Stimmen gehört. Die Pandemie macht mich schon ganz irre…

Aufmunterung der Woche (26/2023)

Letztes Wochenende war ich bei der Schreibwerkstatt. Das ist für mich immer eine Aufmunterung! Eine der Schreibanregungen war das Gedicht „Der Ort“ von Bernd Jentzsch. Jentzsch schildert darin den Ort einer glücklichen Kindheit, die meisten Zeilen beginnen mit „wo ich“. Aufgabe war, einen eigenen persönlich bedeutsamen Ort zu beschreiben und dabei Jentzsch formal locker zu folgen. Für mich war schnell klar, über welchen Ort ich schreiben will!

Welchen Ort möchtest du lyrisch zum Leben erwecken?


Der Ort
Wo ich mich im ersten Jahr sehr stolz und zugleich wieder klein gefühlt habe.
Wo ich entdeckt habe, dass mir das Lernen auch hier leicht fällt.
Wo ich mich beim Unterstufenfasching in den DJ aus der Kollegstufe verknallt habe.
Wo mir von Jahr zu Jahr bewusster wurde, dass die englische Sprache eine meiner Leidenschaften ist;
Dafür aber der Sportunterricht immer schrecklicher und quälender wurde.
Wo ich in Erdkunde heimlich Kartoffelchips aus der Tüte unter der Bank gefuttert habe.
Wo ich Freundschaften geschlossen habe, von denen zwei bis heute halten.
Wo ich mich mit meiner ersten großen Liebe von einer Schulfeier davongestohlen und im dunklen Gang vor den Physiksälen gelacht, geknutscht, geschwiegen habe.
Wo ich in Geometrie manchmal den Vordermann mit dem Zirkel in den Rücken gepikst habe, wenn der beim Stuhlkippeln nahe genug kam.
Wo ich auf der Schulbühne nach der Theaterpremiere gespürt habe, wie wunderbar sich Applaus anfühlt.
Wo mir bei der Übergabe des Abiturzeugnisses bewusst wurde, dass mir jetzt die Welt offen steht.
Wo ich 30 Jahre nach dem Abitur während der Schulführung in drei Klassenzimmern ein kleines Kreideherz an die Tafel gemalt habe.

Kalt heute Nacht

Kalt ist es heute Nacht, so kalt… Aber wenn ich den Motor für die Heizung laufen lasse, verbrauche ich zu viel Benzin. Nein, das Geld will ich sparen, wird schon gehen. Für nächste Woche packe ich die alte Camping-Decke in den Kofferraum, dann wird es besser sein und Marie wird es nicht bemerken. Marie, meine liebe Marie… Wenn ich erst Arbeit gefunden habe, kann das hier aufhören. Ach, Marie, ich will dich nicht belügen, aber ich spüre doch deine Enttäuschung nach jedem Vorstellungsgespräch, von dem ich mit einer Absage nach Hause komme.

Ich verfluche den Tag, an dem ich mich von Jaques habe überreden lassen, bei dem Ding mitzumachen. Du fährst nur das Auto, du gehst nicht mit rein, hat er gesagt. Kein Risiko für dich, leicht verdiente Kohle, hat er gesagt. Aber die Frau, die Frau und das kleine Mädchen, plötzlich waren sie da, mitten auf der Straße, was zum Teufel, ich hab nie verstanden, wie sie plötzlich da sein konnten. Es tut mir so leid, jeden Tag tut es mir leid. Oh Marie, dass du trotzdem zu mir gehalten hast, dass du bei mir geblieben, mich nicht zurückgestoßen hast, wie all die anderen. Ich will doch, dass du stolz auf mich sein kannst, will dir zeigen, dass ich etwas schaffen kann, dass ich etwas tauge.

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