Diese Woche eine Schreibanregung: Lasst eines eurer Möbelstücke sprechen. Lasst es darüber erzählen, wie die Welt aus seinem Blickwinkel aussieht. Was es erlebt, wie es sich fühlt. So ein Perspektivwechsel kann sehr erfrischend sein.
Ihr könnt natürlich auch mehrere Möbelstücke miteinander sprechen lassen.
Möbelgespräch
In einem Esszimmer, Dezember 2020, kurz nach 20.00 Uhr.
Ah, nun sollte Ruhe sein für heute. Licht ist aus, die Tür ist zu. Endlich kein Gewicht mehr auf mir. Seit sie jeden Tag den ganzen Tag auf mir sitzt und abends zum Essen auch noch, fühle ich mich doch sehr belastet. Meint ihr, morgen früh geht’s gleich weiter? Oder ist schon Wochenende? Tisch, haben sie Wein zum Abendessen getrunken? Das machen sie doch meist nur freitags und samstags.
Oh Mann, Stuhl Nordwest, dass du auch nicht bis fünf zählen kannst! Heute war Tag vier, also Donnerstag, morgen nochmal, dann ist Wochenende. Außerdem hat sie doch vorhin darüber gesprochen, dass sie morgen einen langen Workshop moderiert. Dass du auch nie zuhörst!
Ja, du hast leicht reden, Tisch! Auf dir sitzt niemand drauf! Du trägst nur die leichten Sachen. Da könnte ich auch besser zuhören. Auf mir sitzt sie jeden Wochentag, von früh bis spät und nochmal abends!
Moment mal, ich bin auch stärker belastet. Der ganze Bürokram, den sie morgens auf mich draufstellt, das war früher ja auch nicht.
Jetzt seid doch nicht so griesgrämig, ihr beiden. Es hat doch auch sein Gutes. Wir haben jetzt viel länger Gesellschaft als früher. Ich finde es interessant, was tagsüber so passiert. Die vielen verschiedenen Stimmen, worüber die so alles sprechen.
Ach sei doch still, Stuhl Nordost! Für dich hat sich nichts geändert. Er sitzt nur abends auf dir, so wie immer, tagsüber hast du nichts zu tun. Du weißt ja nicht, wie das ist, wenn man die ganze Zeit das Gewicht eines Menschen tragen muss. Das ist eine große Verantwortung!
Na also… Auf mich legt sie tagsüber manchmal ihre Füße. Ich mag diese bunten Wollsocken, die sie trägt.
Ja, die finde ich auch recht hübsch. Ich würde mich übrigens freuen, wenn häufiger jemand auf mir Platz nehmen würde. Da sind Stuhl Südost und ich uns einig. Stimmt’s, Stuhl Südost?
Ganz richtig, Stuhl Südwest. Wir beide werden ja gar nicht mehr gebraucht. Seit Monaten hat niemand mehr auf uns gesessen. Es kommt keiner mehr. Das finde ich sehr traurig.
Ob das wohl jetzt so bleibt? Dass die beiden immer hier sind, dass sie jeden Wochentag den ganzen Tag auf mir sitzt und sonst niemand mehr kommt? Stuhl Nordost, wo du so gerne zuhörst: Weißt du vielleicht etwas?
Schwer zu sagen. Ich glaube, sie wissen es selbst nicht.
Ach, mir würde es schon helfen, wenn sie für eine Zeit auf einem von euch sitzen würde. Mein Sitzbezug ist schon ganz rau… Und ihr Südstühle wärt ja anscheinend glücklich, wenn ihr mehr zum Einsatz kämt.
Das stimmt! Aber wir können es ihr nicht sagen. Sie kann uns ja nicht hören…
Tja, ihr Stühle, dann können wir nur hoffen, dass sie von selbst auf den Gedanken kommt. Huch, die Tür geht auf. Ist die Nacht schon vorbei? Seid alle still!
Die Frau wirft einen prüfenden Blick ins Esszimmer. Durchs bodentiefe Fenster fällt das Licht der Straßenbeleuchtung in den Raum. Die Frau murmelt:
Hm, alles ruhig. Komisch, ich dachte, ich hätte Stimmen gehört. Die Pandemie macht mich schon ganz irre…
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