Archiv der Kategorie: Geschichten

Wandersaisoneröffnung, Beitrag 2 von 2: Partizip-Gedicht

Wanderung

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Wandersaisoneröffnung, Beitrag 1 von 2: Mützenleben

Ich bin eine Schirmmütze, haselnussbrauner Baumwollmix. Auf meiner Vorderseite sind weiße und goldfarbene Glitzersteinchen aufgeklebt. Damit mache ich bei Sonnenschein eine besonders gute Figur.

Meine Trägerin setzt mich oft zu Spaziergängen und Wanderungen auf. So bekomme ich viel zu sehen: Bäume, Blumen, Berge, Meer, blauen Himmel, weiße Wolken. Führt der Weg durch schattigen Wald oder ist der Himmel bedeckt, zeigt mein Schirm meist nach hinten. Wie anders die Welt dann aussieht, das ist schon erstaunlich! Bei stechender Sonne oder leichtem Regen spende ich meiner Trägerin Schutz, auch bei frischem Wind leiste ich zuverlässig Dienst.

Manchmal werde ich unterwegs abgenommen und liege während einer Rast auf Rasen, Steinen, Erde oder Sand. Wenn dann Käfer oder kleine Spinnen über mich klettern, bin ich nicht begeistert; die gehören nicht zu mir! Vergessen wurde ich zum Glück noch nie. Nach der Pause werde ich geschüttelt, wieder aufgesetzt, weiter geht’s.

Ab und zu werde ich gewaschen, von Hand, im Waschbecken. Ein klein wenig bin ich dann in Sorge um meine Glitzersteinchen… Meine Trägerin ist glücklicherweise sorgsam, tupft mich nach dem Seifenbad vorsichtig ab und lässt mich an luftiger Stelle trocknen. Ich fühle mich dann sauber und entspannt und schlummere dahin, bis ich wieder aufgesetzt werde und eine neue Tour beginnt.

Ein Moment in Cilaos

Zwölf Jahre ist es her. Verloren fühlte ich mich; einsam, allein, nicht unglücklich, aber ruhelos und ohne Ziel. Auf der Suche nach mir selbst flog ich weit in den Süden, auf eine kleine Insel im Indischen Ozean, La Réunion, zu Frankreich gehörend.

Mit dem Mietwagen bereiste ich die Insel auf einer vorgeplanten Route, jeden Tag eine andere Station. Die dritte oder vierte Etappe brachte mich nach Cilaos, einen Ort im Inselinneren, in einem sattgrünen Talkessel gelegen. Mir schien es, als verginge die Zeit dort langsamer als anderswo. Die Luft war feucht und warm, aber weniger drückend als an der Küste. Von den Berggipfeln senkten sich Wolken hinab und ich glaubte fast, sie berühren zu können. Sehr viel gab es im Ort nicht zu sehen. Eine modern gebaute Kirche, einige der typischen kreolischen Häuser, ein, zwei Restaurants, ein, zwei kleine Läden. In einen ging ich hinein; dort gab es Tee, Kräuter, Räucherstäbchen. Sicher duftete es nach Vanille, Bourbon-Vanille, früher ein wichtiges Exportgut.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ihn sofort nach dem Betreten des Ladens gesehen habe oder erst, nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte. Aber als sich unsere Blicke trafen, wurde mir heiß, mein Herz schlug schnell, ganz schnell, und die Zeit stand für einen winzigen Moment lang still. Und auch, wenn ich es nicht wirklich wissen kann, so bin ich mir ganz sicher, dass es ihm genauso ging. Er stand hinter der Ladentheke aus Holz und fragte freundlich, ob er helfen könne. Ich verneinte ebenso freundlich und bemühte mich sehr, mich auf die Waren in den Regalen zu konzentrieren. Dabei hätte ich lieber nur ihn angeschaut. Ich denke, er war ein paar Jahre jünger als ich damals, etwa Ende Zwanzig. Sein hellbraunes Haar ein wenig zerzaust, wie sein Bart. An seine Augenfarbe erinnere ich mich nicht, aber sein Blick war offen und sanft.

Natürlich kaufte ich etwas, bestimmt etwas mit Vanille; ich weiß nicht mehr, was. Beim Bezahlen fragte er mich, woher ich käme und ob es mir hier gefalle. Wahrscheinlich antwortete ich auf Englisch, denn mein Französisch war auch damals schon ziemlich eingerostet. Dann erzählte er, dass er mit guten Freunden außerhalb des Ortes auf einer Art Farm lebe und dass an diesem Abend weitere Freunde zu einem kleinen Fest kämen. Wenn ich wolle, sei ich herzlich willkommen. Er beschrieb mir den Weg und ich glaube, er notierte die Adresse auf einem Blatt Papier. Ich bedankte mich und sagte, ich würde es mir überlegen.

Nichts wünschte ich mir in diesem Augenblick sehnlicher, als den Abend und vielleicht auch die Nacht mit diesem Mann zu verbringen. Ich stellte mir gar vor, wie wir gemeinsam in der Farm-Kommune leben, Süßkartoffeln anbauen und auf ewig glücklich sind – und doch wusste ich, dass ich an diesem Abend in meinem Hotel bleiben, früh zu Bett gehen und am Morgen darauf zu meiner nächsten Etappe aufbrechen würde.

Und so war es auch. Kurz danach dachte ich sehr oft an diese Begegnung, im Lauf der Zeit dann immer seltener. Ab und zu erinnere ich mich heute noch an diesen Moment, diesen magischen Moment, in dem ich in den sanften, bärtigen jungen Mann im Teeladen in Cilaos verliebt gewesen bin.

Sandkastenliebe

Schon als sie Kinder waren, hatte Gabriele entschieden, dass er sie später einmal heiraten würde. Auf dem Karussell auf dem Spielplatz hatte sie sich an ihn geschmiegt, während er das Rad in der Mitte immer noch schneller drehte, so lange, bis ihnen beiden schwindelig war. In der Schule saßen sie nicht nebeneinander, sondern Gabriele neben ihrer besten Freundin, er neben seinem besten Freund; Mädchen und Jungen saßen einfach nicht nebeneinander. Aber da sie in direkter Nachbarschaft wohnten, machten sie oft zusammen ihre Hausaufgaben. Gabriele ließ ihn in Mathe, später auch Physik und Chemie abschreiben, er half ihr ein bisschen in Englisch.

Als er beim Tanzkurs wie zufällig ihre Haarspange berührte, die ihre blonde Mähne bändigte, wurde Gabriele heiß und kalt zugleich. Wie gerne hätte sie Tango mit ihm getanzt, aber auf dem Stundenplan der Provinz-Tanzschule standen nur Walzer und Foxtrott. Gegen Ende des Abschlussballs, sie hatten beide Sekt und süßen Wein getrunken, wagte Gabriele das Verwegene: Als er von der Toilette zurückkam, passte sie ihn ab, zog ihn in einen unbeleuchteten Seitengang und küsste ihn. Er erwiderte den Kuss, vielleicht etwas weniger leidenschaftlich als sie es sich vorgestellt hatte, aber ab diesem Zeitpunkt „gingen sie miteinander“.

Als das Abitur vor der Tür stand, waren sie noch immer ein Paar. Gabrieles Noten waren gut, für ihn war es eine Zitterpartie und ohne ihre Hilfe hätte er bestimmt Schiffbruch erlitten. Wegen starker Kurzsichtigkeit musste er nicht zur Bundeswehr und sie konnten zusammen ein BWL-Studium in der nächstgelegenen Universitätsstadt beginnen. Gabrieles Eltern besaßen dort mehrere kleine Eigentumswohnungen und in eine zogen sie gemeinsam ein.

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Frau Schmitz im Glück

Frau Schmitz hat es sich gemütlich gemacht auf ihrer guten alten Couch. Lang ausgetreckt hat sie sich, der Kopf liegt weich auf dem bestickten Kissen. Ein genüssliches Gähnen, die Augen zu und die Gedanken nehmen ihren Lauf…

Ich kann’s immer noch nicht fassen. Später zähl ich’s nochmal. Aller guten Dinge sind drei, heißt’s doch. 100.000! Dollar! 100.000 Dollar. Und beinah hätt ich’s gar nicht gefunden. Ist aber auch `ne Zicke, die Frau Professor. Alle Bücher in der kleinen Bibliothek heute, Frau Schmitz. Alle einzeln abstauben und die Regale feucht auswischen, Frau Schmitz. Und gründlich, bitte, Frau Schmitz. Gründlich, Frau Schmitz! Denkt die, ich vergesse zwischendurch meinen eigenen Namen? Weil ich nicht studiert bin?

Zum Glück ist sie nicht reingeplatzt, als ich die Umschläge gefunden hab. Ganz hinten, im obersten Regalfach, hinter den ollen Schinken. Zehn Briefumschläge, vergilbt, verstaubt, nicht zugeklebt. Jeder mit einem dicken Packen Scheine drin. Zehn Mal 10.000 Dollar. Wenn ich richtig gezählt habe. Später zähl ich nochmal nach.

Die müssen da schon lange gelegen haben. Ihr Geld ist das sicher nicht, da hätte die Frau Professor mich niemals die Regale putzen lassen. Also seins. Der brave Herr Professor versteckt Geld zu Hause, hinter seinen Büchern. Poker? Pferderennen? Kann ich mir nicht vorstellen. Erpressung? Drogen? Prostitution? Nein, kann ich mir alles nicht vorstellen. Hoffentlich braucht er das Geld so bald nicht. Ich streite alles ab, falls es soweit kommt. Glaub ich aber nicht. Ich glaube, ich bin sicher. Entweder, er hat’s vergessen oder er wird nichts sagen. Hab ich so im Gefühl…

Dem Hubert werd ich auch nichts sagen. So mickrig wie der Unterhalt ist, den er mir bezahlt. Da kann er eh kaum was sparen. Am Ende will der noch was abhaben! Nix da! Vielleicht kann ich jetzt einen Putzjob weniger. Vielleicht kündige ich in der Pizzeria, dann muss ich nicht mehr so spät ran. Andererseits… die Italiener sind schon großzügig und das Essen richtig gut.

Aber mal in Urlaub fahren, das ist drin. Mal eine Woche raus aus der Putzschürze, rein in den Badeanzug. Sonne, Strand, Meer. Cocktails, knackige Animateure, all inklusiv am besten. Ja, das isses! Und gründlich, bitte, Frau Schmitz. Jawohl, Frau Professor, gründlich. Ich bin immer gründlich, Frau Professor. Hihi… So, jetzt zähl ich’s nochmal!

Abendstimmung (Achtung: Reime!)

Es gibt Menschen, die reimen richtig gut, ohne Kitsch oder Quatsch. Ich gehöre nicht dazu, selbst mit Reimlexikon nicht. In der Schreibwerkstatt zum Reimen aufgefordert, gab ich mein Bestes. Hier kommt es: Zwei Strophen, zweihebiger Jambus, Reimschema abab, cdcd. Formal angeregt von Joachim Ringelnatz‘ „Liedchen“.

Abendstimmung
Die Sonne sinkt
Die Hündin bellt
Die Amsel singt
Der Hunger quält

Die Luft wird frisch
Der Wald steht still
Schatz, komm zu Tisch
`S gibt Fisch mit Dill

Lucys Café

Die Kirchturmuhr schlägt sieben Mal, als in Lucys Café die ersten Spiegeleier des Tages in der Pfanne brutzeln. Routiniert wendet Lucy die vier Eier, eins nach dem anderen. Markus nimmt seine Eier immer von beiden Seiten gebraten. Markus strahlt Lucy an, als sie den Teller vor ihn auf den Tisch stellt.

„Danke, Lucy, du bist die Beste!“

„Lass es dir schmecken, Markus.“

„Ja. Ach, Lucy…“ Markus fährt sich mit beiden Händen durch die ohnehin schon zerzausten blonden Locken.

„Ja?“

„Der Trank. Er ist fast alle…“

„Glaubst du wirklich, du brauchst ihn noch?“

„Ach, Lucy… Petras Liebe macht mich so toll, ich kann nicht riskieren, dass das aufhört!“

„Ich glaube, inzwischen verzauberst du Petra ganz allein.“

Vor dem großen Fenster zur Straße hin taucht ein dunkler Schatten auf. Lucy sieht Pfarrer Maier, auf den Weg in seine Kirche, wie immer in seiner übergroßen Soutane. Jeden Tag bleibt er vor ihrem Fenster stehen und schaut herein. Dabei verzieht er das Gesicht zu einer Grimasse, wie ein Spürhund, der Witterung aufnimmt. Wie üblich nickt Lucy ihm freundlich zu. Der Pfarrer sieht dann schnell weg und geht weiter. Seit fast drei Jahren hat Lucy das Café direkt neben der katholischen Kirche, aber noch nie hat Pfarrer Maier es betreten, noch nie ein Wort mit Lucy gewechselt.

„Jetzt iss erst einmal deine Eier, Markus, dann sehen wir weiter.“

Schwungvoll öffnet sich die Cafétür und Belinda tritt ein. „Lucy! Oh, Lucy! Dringend! Ganz dringend brauche ich deine Hilfe! Es ist eine Katastrophe!“

Sanft legt Lucy einen Arm um Belinda. „Beruhige dich. Willst du einen Espresso?“

„Dafür ist keine Zeit!“

Belinda drückt Lucy einen Stoffbeutel in die Hände. „Meine Tanzschuhe sind gerade kaputt gegangen. Der Absatz. Knickknack, ab war er! Du weißt schon, das waren die… Besonderen.“ Das letzte Wort flüstert Belinda Lucy ins Ohr. „Das hier in dem Beutel sind alte. Die sind an sich nicht schlecht, aber eben nicht… besonders. Heute Mittag habe ich ein Vortanzen. Bis dahin brauche ich wieder… besondere Schuhe. Du verstehst?“

Lucy sieht Belinda an. „Meine Schöne. Ich denke, du tanzt in allen Schuhen wunderbar. Denn das Besondere, das bist du.“

„Lucy, nein! Da wiehern ja die Gockel! Stürzen und hinfliegen werde ich ohne die besonderen Schuhe. Ich brauche sie!“

„Ich mache dir jetzt erst einmal einen Espresso, dann sehen wir weiter.“

Lucy brüht einen Espresso für Belinda auf, nimmt den blitzblank gegessenen Teller von Markus‘ Tisch und geht in die Küche.

Die Kirchturmuhr schlägt acht Mal, als Lucy zurück in den Gastraum kommt. In einer Hand hält sie ein fest verkorktes Fläschchen aus braunem Glas, das sie auf Markus‘ Tisch stellt. In der anderen Hand hat sie den Stoffbeutel, den sie Belinda überreicht. Markus küsst Lucy zum Dank sanft auf die Wange, Belinda hüpft vor Freude und umarmt Lucy stürmisch.

Die Kirchturmuhr schlägt neun Mal. Es sind keine Gäste im Café und Lucy poliert die Weingläser. Da erscheint der vertraute Schatten vor dem Fenster. Pfarrer Maier schaut herein. Lucy nickt ihm zu. Diesmal sieht er nicht weg. Er nickt zurück und versucht sich sogar an einem Lächeln. Damit nicht genug. Er öffnet die Tür und betritt das Café. Langsam zwar, zögerlich, aber er kommt herein.

„Grüß Gott“, sagt er und setzt sich an den Tisch, der der Tür am nächsten ist. „Einen Kamillentee, bitte.“

„Kommt sofort“, sagt Lucy lächelnd.

Deutschunterricht

Manchmal geht ein Samenkorn erst Jahre später auf, nachdem es still unter der Erde ausgeharrt hat. Und wenn die Pflanze ihre Blüten entfaltet, erinnerst du dich lächelnd an den Moment des Säens.

Flugvorführung

Die rote Lederkappe auf
Die Fliegerbrille auch
Die Knie zittern
Das Herz pocht laut
Zuwinken, einsteigen
Verhaltener Applaus

Motor starten, langsam rollen
Schneller werden, rollen, rollen
Abheben
Höher steigen, Kreise ziehen

Looping eins, zwei, drei
Lachen, jubeln, jauchzen
Looping vier, fünf, sechs
Lachen, jubeln, jauchzen

Tiefer gehen, landen
So sanft es eben geht
Stehen bleiben, Motor aus

Austeigen, verbeugen
Donnernder Applaus
Die rote Lederkappe ab
Die Fliegerbrille auch
Die Knie zittern wieder
doch ihr Herz schlägt frei

Eines Morgens

Er war schon immer stark behaart gewesen. Mit 13 wuchs der erste zarte Flaum auf der Oberlippe, keine sechs Monate später sprossen schwarze Haare auf dem Kinn und den Wangen. Seine dunklen Locken wurden noch üppiger. Die Schulmädchen kicherten und flüsterten hinter vorgehaltener Hand, wenn er das Klassenzimmer betrat. Bald wuchs auch sein Schamhaar kräftig, sein Brusthaar wurde voll und weich, das auf Armen und Beinen etwas fester.

Manche Mädchen und später Frauen mochten das nicht, andere hingegen fanden ihn gerade deshalb attraktiv. Er rasierte sich täglich im Gesicht, kürzte einmal pro Woche die Haare in den Ohren und der Nase und lebte ein gutes Leben.

Doch eines Morgens, kurz nach seinem 33. Geburtstag, erschrak er beim Blick in den Badezimmerspiegel. Haare. Er sah nur Haare. Dicke braune Haare; und ein weit aufgerissenes Paar Augen, das ihn aus dem Spiegel heraus anstarrte. Weiterlesen