Archiv der Kategorie: Geschichten

Abendstimmung (Achtung: Reime!)

Es gibt Menschen, die reimen richtig gut, ohne Kitsch oder Quatsch. Ich gehöre nicht dazu, selbst mit Reimlexikon nicht. In der Schreibwerkstatt zum Reimen aufgefordert, gab ich mein Bestes. Hier kommt es: Zwei Strophen, zweihebiger Jambus, Reimschema abab, cdcd. Formal angeregt von Joachim Ringelnatz‘ „Liedchen“.

Abendstimmung
Die Sonne sinkt
Die Hündin bellt
Die Amsel singt
Der Hunger quält

Die Luft wird frisch
Der Wald steht still
Schatz, komm zu Tisch
`S gibt Fisch mit Dill

Lucys Café

Die Kirchturmuhr schlägt sieben Mal, als in Lucys Café die ersten Spiegeleier des Tages in der Pfanne brutzeln. Routiniert wendet Lucy die vier Eier, eins nach dem anderen. Markus nimmt seine Eier immer von beiden Seiten gebraten. Markus strahlt Lucy an, als sie den Teller vor ihn auf den Tisch stellt.

„Danke, Lucy, du bist die Beste!“

„Lass es dir schmecken, Markus.“

„Ja. Ach, Lucy…“ Markus fährt sich mit beiden Händen durch die ohnehin schon zerzausten blonden Locken.

„Ja?“

„Der Trank. Er ist fast alle…“

„Glaubst du wirklich, du brauchst ihn noch?“

„Ach, Lucy… Petras Liebe macht mich so toll, ich kann nicht riskieren, dass das aufhört!“

„Ich glaube, inzwischen verzauberst du Petra ganz allein.“

Vor dem großen Fenster zur Straße hin taucht ein dunkler Schatten auf. Lucy sieht Pfarrer Maier, auf den Weg in seine Kirche, wie immer in seiner übergroßen Soutane. Jeden Tag bleibt er vor ihrem Fenster stehen und schaut herein. Dabei verzieht er das Gesicht zu einer Grimasse, wie ein Spürhund, der Witterung aufnimmt. Wie üblich nickt Lucy ihm freundlich zu. Der Pfarrer sieht dann schnell weg und geht weiter. Seit fast drei Jahren hat Lucy das Café direkt neben der katholischen Kirche, aber noch nie hat Pfarrer Maier es betreten, noch nie ein Wort mit Lucy gewechselt.

„Jetzt iss erst einmal deine Eier, Markus, dann sehen wir weiter.“

Schwungvoll öffnet sich die Cafétür und Belinda tritt ein. „Lucy! Oh, Lucy! Dringend! Ganz dringend brauche ich deine Hilfe! Es ist eine Katastrophe!“

Sanft legt Lucy einen Arm um Belinda. „Beruhige dich. Willst du einen Espresso?“

„Dafür ist keine Zeit!“

Belinda drückt Lucy einen Stoffbeutel in die Hände. „Meine Tanzschuhe sind gerade kaputt gegangen. Der Absatz. Knickknack, ab war er! Du weißt schon, das waren die… Besonderen.“ Das letzte Wort flüstert Belinda Lucy ins Ohr. „Das hier in dem Beutel sind alte. Die sind an sich nicht schlecht, aber eben nicht… besonders. Heute Mittag habe ich ein Vortanzen. Bis dahin brauche ich wieder… besondere Schuhe. Du verstehst?“

Lucy sieht Belinda an. „Meine Schöne. Ich denke, du tanzt in allen Schuhen wunderbar. Denn das Besondere, das bist du.“

„Lucy, nein! Da wiehern ja die Gockel! Stürzen und hinfliegen werde ich ohne die besonderen Schuhe. Ich brauche sie!“

„Ich mache dir jetzt erst einmal einen Espresso, dann sehen wir weiter.“

Lucy brüht einen Espresso für Belinda auf, nimmt den blitzblank gegessenen Teller von Markus‘ Tisch und geht in die Küche.

Die Kirchturmuhr schlägt acht Mal, als Lucy zurück in den Gastraum kommt. In einer Hand hält sie ein fest verkorktes Fläschchen aus braunem Glas, das sie auf Markus‘ Tisch stellt. In der anderen Hand hat sie den Stoffbeutel, den sie Belinda überreicht. Markus küsst Lucy zum Dank sanft auf die Wange, Belinda hüpft vor Freude und umarmt Lucy stürmisch.

Die Kirchturmuhr schlägt neun Mal. Es sind keine Gäste im Café und Lucy poliert die Weingläser. Da erscheint der vertraute Schatten vor dem Fenster. Pfarrer Maier schaut herein. Lucy nickt ihm zu. Diesmal sieht er nicht weg. Er nickt zurück und versucht sich sogar an einem Lächeln. Damit nicht genug. Er öffnet die Tür und betritt das Café. Langsam zwar, zögerlich, aber er kommt herein.

„Grüß Gott“, sagt er und setzt sich an den Tisch, der der Tür am nächsten ist. „Einen Kamillentee, bitte.“

„Kommt sofort“, sagt Lucy lächelnd.

Deutschunterricht

Manchmal geht ein Samenkorn erst Jahre später auf, nachdem es still unter der Erde ausgeharrt hat. Und wenn die Pflanze ihre Blüten entfaltet, erinnerst du dich lächelnd an den Moment des Säens.

Flugvorführung

Die rote Lederkappe auf
Die Fliegerbrille auch
Die Knie zittern
Das Herz pocht laut
Zuwinken, einsteigen
Verhaltener Applaus

Motor starten, langsam rollen
Schneller werden, rollen, rollen
Abheben
Höher steigen, Kreise ziehen

Looping eins, zwei, drei
Lachen, jubeln, jauchzen
Looping vier, fünf, sechs
Lachen, jubeln, jauchzen

Tiefer gehen, landen
So sanft es eben geht
Stehen bleiben, Motor aus

Austeigen, verbeugen
Donnernder Applaus
Die rote Lederkappe ab
Die Fliegerbrille auch
Die Knie zittern wieder
doch ihr Herz schlägt frei

Eines Morgens

Er war schon immer stark behaart gewesen. Mit 13 wuchs der erste zarte Flaum auf der Oberlippe, keine sechs Monate später sprossen schwarze Haare auf dem Kinn und den Wangen. Seine dunklen Locken wurden noch üppiger. Die Schulmädchen kicherten und flüsterten hinter vorgehaltener Hand, wenn er das Klassenzimmer betrat. Bald wuchs auch sein Schamhaar kräftig, sein Brusthaar wurde voll und weich, das auf Armen und Beinen etwas fester.

Manche Mädchen und später Frauen mochten das nicht, andere hingegen fanden ihn gerade deshalb attraktiv. Er rasierte sich täglich im Gesicht, kürzte einmal pro Woche die Haare in den Ohren und der Nase und lebte ein gutes Leben.

Doch eines Morgens, kurz nach seinem 33. Geburtstag, erschrak er beim Blick in den Badezimmerspiegel. Haare. Er sah nur Haare. Dicke braune Haare; und ein weit aufgerissenes Paar Augen, das ihn aus dem Spiegel heraus anstarrte. Weiterlesen

Romantik – Ein Dialog

Während der Vorspeise

Sie:        Jetzt ist es gleich soweit. Bärchen, schau, gleich ist es soweit.

Er:         Hm.

Sie:        Da, jetzt! Schau nur, jetzt berührt sie das Wasser. Ach. Diese Farben! So tolle Farben! Was für ein Glück wir haben, gleich am ersten Abend. Und wie schnell sie wandert, die Sonne…

Er:         Genau genommen bewegt sich ja die Erde und nicht die Sonne.

Sie:        Wie? Ach, das weiß ich doch, Bärchen. Schau nur, die Farben und das Wasser ganz glatt. Ist das nicht romantisch?

Er:         …

Sie:        Ist das nicht romantisch?

Er:         Ja.

Sie:        Bärchen, weißt du, was jetzt das Richtige wäre? Eine Flasche Champagner!

Er:         Also, mir würde auch ein Glas Wein reichen. Oder Bier.

Sie:        Es ist doch so romantisch! Bitte, Bärchen! So ein herrlicher Sonnenuntergang, der muss gefeiert werden. Der Sonnenuntergang und unser erster gemeinsamer Urlaub. Bitte bestell uns Champagner!

Er:         Na gut…

Sie:        Du bist der Beste! Mein Bärchen bist du, mein bestes Bärchen!

Nach dem Hauptgang

Sie:        Ich habe eine Überraschung, Bärchen. Ich habe uns morgen zum Partner-Yoga angemeldet. Gleich nach dem Frühstück geht’s los.

Er:         Was? Ich wollte eigentlich zum Kite-Surfing…

Sie:        Ach, Kite-Surfen kannst du doch immer noch. Das Partner-Yoga ist nur einmal die Woche, da ist morgen unsere einzige Chance! Bitte, komm mit mir zum Partner-Yoga!

Er:         Na gut…

Sie:        Du bist der Beste! Mein Bärchen bist du, mein bestes Bärchen!

 

Nach dem Dessert geht sie zur Toilette. Sie schreibt eine Textnachricht an ihre beste Freundin:

Spitzenhotel, klasse Strand, 1a Restaurant. Bernd verwöhnt mich mit Champagner. Alles so romantisch! Bin im siebten Himmel. Und morgen vielleicht schon verlobt? Küsschen, Silvia.

Er schreibt eine Textnachricht an seinen besten Kumpel:

Du hattest recht mit Silvia. Hätte nie in diesen Urlaub fahren dürfen. Muss sehen, wie ich hier rauskomme. Mehr, wenn ich zurück bin. Ciao, Bernd.

Einsteigermodell

In den großen, prächtigen Konzertsälen der Welt wird man mich wohl nie hören. Eher in Jugendzimmern, an Lagerfeuern oder vielleicht der Aula einer Schule. Ein solides Einsteigermodell bin ich, sagt der Verkäufer, wenn er mit suchenden Kunden vor der Wand steht, an der ich aufgehängt bin. Sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis, gefälliger Klang, leicht zu stimmen, unempfindlich, verzeiht auch mal, wenn die Griffe noch nicht perfekt sitzen.

Mein Körper ist wohlgeformt, aus weichem Holz, aber stabil; ich halte einiges aus. Meine sechs Saiten sind straff gespannt. Sie sind robust und gleichzeitig zart. Solche, die zu grob oder zu schüchtern sind, werden schnell ihr Interesse an mir verlieren. Doch diejenigen, die meine Saiten richtig zum Klingen bringen, werden lange große Freude an mir haben.