Aufmunterung der Woche (39/2024)

Das Meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit getan, in der wir meinten, zu wenig zu tun.
Marie von Ebner-Eschenbach

Aufmunterung der Woche (38/2024)

Wer andern einen Kuchen backt, bleibt selber schlank.
Seelenflügel

Der Sonnenhut

Wenn ich mich im Laden umsehe, kann ich ohne Übertreibung feststellen, dass ich zu den schönsten Stücken zähle. Und mit meiner eleganten Form aus geschmeidigem Seegras und den farbigen Streifen in orange, lila, mint und lavendel gehöre ich bei den Hüten und Kappen sicher zu den Top Drei. Die einfarbigen Strohhüte verblassen buchstäblich im Vergleich zu mir und von den grässlichen Schirmmützen will ich gar nicht erst sprechen – denen fehlt es einfach an Format. Meist werden sie von Männern mit dicken Bäuchen und sonnenverbrannter Haut gekauft. Mit mir mithalten können eigentlich nur zwei andere Hüte. Der seegrüne mit dem dunkelvioletten Satinband und der neue, der erst letzte Woche gekommen ist: weizengelb und die weit geschwungene Krempe mit bunten Blumenranken bedruckt. Er strahlt Extravaganz aus, das muss ich neidlos anerkennen.

Ich bin bereits seit Beginn der Saison hier. Schon häufig wurde ich von meinem Ständer genommen und aufgesetzt. Meist von jüngeren Frauen, teilweise sogar ganz hübsch. Nach kurzem Posieren vor dem Spiegel hingen sie mich jedoch immer wieder zurück an den Haken. Die meisten verließen den Laden, ohne etwas zu kaufen, manche entschieden sich für ein einfacheres und deutlich günstigeres Modell. Mich muss man sich eben leisten können.

Heute ist ein sonniger Tag, da werden viele Leute in den Laden kommen. Wer weiß, vielleicht ist es heute soweit. Vielleicht kommt heute meine Prinzessin und holt mich in ihr Schloss. Ja, verzeihen Sie, das ist bestimmt übertrieben und selbstverständlich weiß ich, dass es nicht mehr sehr viele Prinzessinnen gibt. Aber ein Sonnenhut wird ja wohl noch träumen dürfen! Oh, da ist schon jemand. Zwei junge Frauen, Mädchen eher, kichernd, mit großen Sonnenbrillen und engen kurzen Hosen. Die eine gefällt mir, ihren dunklen langen Locken würde ich gut stehen… Aber schade, sie gehen am Hutständer vorbei… Sie kaufen Sonnencreme. Nun, das ist ja auch vernünftig. Und Prinzessinnen waren die beiden sicher nicht. Geduld, Geduld.

Ah, hier kommt wieder jemand. Ein Mann und eine Frau. Sie steuern direkt auf mich zu. Oh, sie ist bezaubernd! Kurzes blondes Haar, ein edles Gesicht, hohe Wangenknochen und leuchtend blaue Augen. Ja, das würde passen! Er, na ja, nicht mehr der Jüngste, aber ganz passabel. Überhaupt gar keine Haare allerdings… Ja! Sie probiert mich an. Betrachtet uns lachend im Spiegel. Wir sehen gut aus! Oh, das wäre wunderbar. Nein, nicht wieder abnehmen! Nicht zur Seite legen! Nein, jetzt probiert sie den neuen mit der geblümten Krempe. Wie sie sich mit dem in Pose wirft! Und ihren Begleiter anstrahlt… Nimm doch wieder mich! Mich!

Huch, was ist das? Jetzt setzt er mich auf. Ich fasse es nicht! Ich bin doch kein Hut für einen Mann! Ein komisches Gefühl, keine Haare, direkt auf der Haut… Er lächelt sich im Spiegel an, dann seine Begleiterin. Sie lacht. Sie hat immer noch die Blumenkrempe auf. Nun stehen sie beide vor dem Spiegel. Lachen, posieren. Gut, wenn ich mir das so ansehe… Wir Vier sehen tatsächlich fabelhaft aus miteinander! Und jetzt, wo ich mich etwas gewöhnt habe, muss ich sagen, dass sich die Kopfhaut recht gut anfühlt. Ein fester Sitz, zugleich weich und zart. Ist er etwa meine Prinzessin?

Ja, sie gehen zur Kasse! Sie nehmen mich und die Blumenkrempe. Uns beide! Wer weiß, vielleicht wohne ich bald in einem Schloss.

Gereimte Tragödie in vier Worten

Spatz
Katz
Satz
Schmatz

Aufmunterung der Woche (37/2024)

Mein Seelenflügel-Blog wird heute 18 Jahre alt! Als ich am 11.09.2006 die ersten Texte hier veröffentlichte, habe ich nicht so weit in die Zukunft geblickt. Damals stellte ich mir gar nicht vor, wie es sein würde, 50 Jahre alt zu sein… Tja.

Die Themen und meine Art zu Posten haben sich in den letzten 18 Jahren verändert, ganz klar. Mein Leben ist heute ein anderes als vor 18 Jahren. Es bereitet mir derzeit enorme Freude, auf meinen immer umfangreicher werdenden Erfahrungsschatz zu blicken. Ob das so bleiben wird?

In 18 Jahren bin ich 68. Hoffentlich bin ich dann noch! Am besten gesund und munter. Vielleicht in Rente. Wo werde ich wohnen? Was wird mir wichtig sein, was wird mir Freude bereiten? Falls ich dann immer noch diesen Blog pflege, werde ich es teilen.

Mein Poetenfest 2024

Das Poet*innenfest ist einer der Gründe, warum ich Erlangen so liebe. Ausgabe Nr. 44 lockte mit vielen Veranstaltungen, doch ich habe mich auch diesmal wieder auf die beiden Lesenachmittage im Schlossgarten „beschränkt“. „Beschränkt“ zu Recht in Anführungszeichen, denn die Lesungen boten – wie gewohnt – eine beeindruckende Bandbreite an Themen und Perspektiven. Bei 30 Grad und blauem Spätsommerhimmel ließ es sich auf einer Decke auf dem Rasen mit einem gelegentlichen Eis bestens lauschen. Hier meine Favoriten.

Stefanie de Velasco: Das Gras auf unserer Seite
Drei Frauen in Berlin hinterfragen ihre Lebensentwürfe: Ist das Gras auf der anderen Seite nicht vielleicht doch grüner? Es geht ums eigene Älterwerden und das der Eltern, um Beziehung und Freundschaft, in humorvoller und unverblümter Sprache.

Tijan Sila: Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde
Der diesjährige Gewinner des Ingeborg-Bachmann- Preises. 1981 in Sarajevo geboren, kam Tijan Sila mit 13 als Kriegsflüchtling mit seinen Eltern nach Deutschland. Seine Eltern können den Krieg nicht abschütteln. Während der Vater manischer Sammler von Elektroschrott wird, fällt die Mutter in einen tiefen Wahn.

Nora Bossong: Reichskanzlerplatz
Der Student und spätere Diplomat Hans Kesselbach ist die Erzählstimme dieses Romans, der das Leben von Magda Behrend porträtiert. Jene Frau, die durch die Heirat mit dem Unternehmer Günther Quandt 1921 in die Oberschicht aufsteigt und später als Magda Goebbels die „First Lady“ des Nazi-Regimes wird. Es geht um Mitttäterschaft und wie aus dem kleinen Bösen das große Böse erwächst.

Valerie Fritsch: Zitronen
August wächst in einem Dorf in den Bergen auf. Von den Eltern erfährt er Gewalt: der Vater schlägt, die Mutter macht ihn krank, um dadurch Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten (Münchhausen-Stellvertretersyndrom). Was wird aus einem Kind, das unter solchen Umständen aufwächst? Valerie Fritsch hat für ihren Roman zahlreiche Interviews mit Opfern und Tätern von Gewalt geführt.

Luca Mael Milsch: Sieben Sekunden Luft
Die Ich-Erzählerin Selah sehnt sich nach Ruhe. Sie meldet sich krank und fährt an die See. Ihre Kindheit, geprägt von einer komplizierten Beziehung zur überforderten und ehrgeizigen Mutter, wird in der Abgeschiedenheit gegenwärtig. Gekonnt wechselt Luca Mael Milsch in die Tonlage des Kindes. Der Roman erzählt von einer allmählichen Befreiung, an deren Ende der Atem fließen kann.

Zora del Buono: Seinetwegen
Die Autorin spürt ihrem Vater nach, der 1963 kurz nach ihrer Geburt bei einem Autounfall ums Leben kam – weil im VW Käfer, in dem er unterwegs war, eine Kopfstütze fehlte. Bei ihrer Recherche stößt Zora del Buono auf ungeahnte Zusammenhänge und schließlich auch auf E.T. – den Verursacher des Unfalls.

Anna Katharina Hahn: Der Chor
Der Mikrokosmos eines Stuttgarter Frauenchors scheint auf den ersten Blick harmonisch. Doch es knirscht im Mittelschichtsidyll. Im Autorinnengespräch nach der Lesung wurde eine fulminante zweite Hälfte mit Wendungen und Katastrophen angekündigt. Ich bin gespannt!

Virtuos umrahmt wurden die Lesenachmittage von der Klangkünstlerin Dorit Chrysler, die mit ihren Stücken auf dem Theremin (ein berührungslos zu spielendes elektronisches Musikinstrument) eine ganz besondere Atmosphäre zauberte.
Danke einmal mehr für ein großartiges Wochenende, liebes Poet*innenfest!

Aufmunterung der Woche (36/2024)

Im November werden es 30 Jahre, die ich in Erlangen lebe. Damals zum Studienbeginn hergekommen und mit meinem damaligen Freund in die erste gemeinsame Wohnung gezogen. Eine wunderbare und wichtige Zeit! Zum Einzug haben wir (unter anderem) einen Hibiskus im Topf geschenkt bekommen.

Das Studium ist seit langem abgeschlossen, in der Wohnung leben inzwischen ganz andere Menschen und mein damaliger Liebster und ich gehen längst getrennte Wege (die sich gelegentlich freundschaftlich treffen). Aber der Hibiskus im Topf, der ist noch da. Und gelegentlich blüht er sogar. So wie letzte Woche. Ich freue mich jedes Mal.

Aufmunterung der Woche (35/2024)

Heute wird die Büchergilde Gutenberg 100 Jahre alt. Bei seiner Tagung in Leipzig beschloss der Bildungsverband der deutschen Buchdrucker am 29. August1924 die Gründung einer gewerkschaftlichen Buchgemeinschaft. Durch günstige und dabei handwerklich hochwertige Bücher sollte der Arbeiterschaft der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Und noch heute verfolgt die Büchergilde das Ziel, Literatur in hochwertiger Ausstattung für alle zugänglich zu machen.

Seit 2013 bin ich Mitglied und freue mich jedes Quartal auf ein neues Buch. Mir gefällt die Bandbreite des Programms: Klassiker, Wiederentdeckungen, Neuerscheinungen in Belletristik und Sachbuch, haptisch und visuell ausgezeichnet. Vergnügliche Aufmunterung für alle, die Bücher nicht nur lesen, sondern lieben.

Aufmunterung der Woche (34/2024)

Sommerpausen sind bei Sport- und Kulturreihen etwas recht Übliches, ebenso bei Fernsehsendungen. Bei manchen Vergnüglichkeiten fällt mir die Sommerpause gar nicht auf (z.B. Fußballbundesliga), bei anderen hingegen sehe ich ihrem Ende mit großer Freude entgegen. So bei meiner allerliebsten Lieblingssendung: Karambolage. Die erste Folge nach der Sommerpause heute um 18.25 Uhr im TV oder auch jetzt schon auf arte.tv.

Zwei Wochen am Iseosee: das Schönste für jeden Sinn (Teil 9 von 9)

Am Ende des Urlaubs fragen wir uns, was uns besten gefallen hat, was die eine schönste Sache war. Die Antwort ist schnell klar: die eine schönste Sache gab es nicht. Es gab viele schönste Sachen! Mindestens eine schönste Sache für jeden Sinn.

Fürs Auge: die Aussicht auf den See
Der unverstellte Blick aufs Wasser von unserer Wohnung beruhigt und entspannt. So betrachte ich oft die Spiegelung der grünen Hügel und das strahlende Blau bei Sonnenschein, beobachte die sanften Wellen und die leichte Strömung oder folge einem Boot für ein paar Augenblicke, bevor ich wieder in mein Buch versinke…

Fürs Ohr: das Glockenläuten von Santa Eufemia
In Sicht- und Hörweite unserer Wohnung befindet sich die Kirche von Vello. Der Glockenschlag zur vollen und halben Stunde gibt zeitliche Orientierung; nachts wird geruht. Jeden Abend um halb acht läuten die Glocken eine Melodie. Oft ist es das Finale aus Beethovens 9. Sinfonie, die Ode an die Freude, die Europahymne. Manchmal singe ich leise mit: Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum…

Für die Nase: der betörende Duft des Sternjasmin
Zum ersten Mal fällt mir der Geruch in Marone auf. Er kommt von einem üppigen Kletterbusch, der eine Steinmauer bedeckt. Ich stecke meine Nase in die kleinen sternförmigen weißen Blüten. Der warme, süße Duft lässt mich lächeln. Ich mache ein Foto, um später herauszufinden, was das für eine Pflanze ist. Wir finden Sternjasmin an vielen Stellen, vor allem in Ortschaften. Sternjasmin wird als leicht giftig eingestuft und kann Kopfschmerzen verursachen. Das passiert bei mir nicht, mich macht der Duft einfach nur glücklich.

Für den Gaumen: Eisessen im Strandcafé Barbar in Marone
Eiscreme gehört einfach zu einem Urlaub in Italien. Gleich zu Beginn entdecken wir die Barbar direkt am Seeufer am Ortsende von Marone. Wir bestellen Eis und Cappuccino. Beides schmeckt exzellent und so wird die Barbar für zwei Wochen unser Stammcafé.

Für die Hände: Kaffeezubereitung mit dem Espressokocher
Urlaub tut auch deshalb gut, weil man andere Handgriffe erledigt als üblich, auch für gewohnte Tätigkeiten wie z.B. das Zubereiten von Kaffee. In unserer Ferienwohnung gibt es einen typisch italienischen Espressokocher für den Herd. Zu Hause haben wir so etwas nicht. Und auch keinen Gasherd. Die Kaffeezubereitung wird so zu etwas Besonderem, einem Urlaubssouvenir.

Am 04. Juni fahren wir nach Hause. Glücklich, entspannt, aufgetankt. Und darauf vorbereitet, dass wir möglicherweise nicht reibungslos nach Hause kommen. Der Starkregen Ende Mai hat in Süddeutschland schwere Schäden angerichtet und die Bahnverbindungen weitgehend lahm gelegt. Wir haben aber Glück. Der Eurocity von Verona holt seine Verspätung fast wieder ein, bis wir in München einfahren. Der gebuchte ICE nach Nürnberg steht am Abfahrtsgleis bereit. Und steht und steht… aber wir sitzen bequem und sind geduldig. Schließlich fahren wir los und kommen nach langer Fahrt erschöpft und zufrieden zu Hause an.

Grazie per la meravigliosa vacanza, bellissima Italia!