Verknappung der Woche (44/2025): Freiheit in der Welt 2024

Nach Daten von Freedom House waren im Jahr 2024 von 208 Staaten 86 politisch und zivilrechtlich frei, 67 teilweise frei und 55 nicht frei. Erschreckend: For the 19th year in a row, the state of freedom declined globally. (Visual Capitalist)

Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wo sie existiert, kann sie schmerzhaft schnell abgeschafft werden. Wer voller Hass nach Freiheit schreit, sucht in Wahrheit keinen Freiraum, sondern einen Sündenbock. Dort, wo echte Freiheit herrscht, gibt es keine einfachen Antworten. Freiheit heißt, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für andere.

Verknappung der Woche (43/2025): Christian Morgensterns Weihnachtsbäumlein

Kinder, wie die Zeit vergeht! In zwei Monaten ist Weihnachten so gut wie vorbei. Passend dazu ein Gedicht von Christian Morgenstern.

Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm –
Hei! Tat`s da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Christian Morgenstern

Verknappung der Woche (42/2025): Im Atemhaus von Rose Ausländer

Im Atemhaus

Unsichtbare Brücken spannen
von dir zu Menschen und Dingen
von der Luft zu deinem Atem

Mit Blumen sprechen
wie mit Menschen
die du liebst

Im Atemhaus wohnen
eine Menschblumenzeit

Rose Ausländer

Verknappung der Woche (41/2025): Edith Stein

Auf den Tag genau vor 134 Jahren wurde Edith Stein geboren. Die deutsche Philosophin, Frauenrechtlerin und Ordensfrau jüdischer Herkunft gilt als Brückenbauerin zwischen Christen und Juden. Trotz einer ausgezeichneten Promotion durfte sie nicht habilitieren – weil sie eine Frau war. Stein konvertierte 1922 zum Katholizismus, trat in den Karmeliterorden ein und wurde später als Heilige und Märtyrerin verehrt. Sie starb 1942 im Konzentrationslager Auschwitz.
Für folgendes Zitat habe ich keine verlässliche Quelle gefunden, weiß also nicht sicher, ob es wirklich von ihr stammt. Ich schreibe es ihr dennoch gerne zu – als treffende Verknappung eines der wichtigsten Dinge im Leben.

Ich weiß, daß ich jemanden in meiner Nähe habe, dem ich rückhaltlos vertrauen kann, und das ist etwas, was Ruhe und Kraft gibt.
Edith Stein (1891–1942)

Verknappung der Woche (40/2025): Jane Goodalls nächstes Abenteuer

Am Mittwoch ist die Verhaltensforscherin Jane Goodall im Alter von 91 Jahren gestorben. Ihre Beobachtungen von freilebenden Schimpansen in Tansania in den 1960er Jahren revolutionierten den Blick auf Primaten. Goodall wies beispielsweise nach, dass Schimpansen Werkzeuge benutzen und auch Fleisch fressen. Vor einem Jahr war sie Gast im Podcast „Wiser Than Me“ mit Julia Louis-Dreyfus. Gegen Ende erzählt Goodall, was sie drei Jahre zuvor geantwortet hat, als sie bei einem Vortrag mit 10.000 Zuhörern von einer Frau aus dem Publikum gefragt wurde, was ihr nächstes Abenteuer sein wird. Hier die Passage des Transkripts (leicht angepasst):

There was a Q&A and she said: What will your next adventure be? I’d never been asked that before, so I thought. And I said: Well, if it was ten years ago and I was, you know, much physically fitter, I would have said, I want to go to Papua New Guinea, where there are mountains and undiscovered species, and I’d love but I couldn’t do that now.
So I said: Well, I think my next great adventure will be dying. There was a hush and then a few nervous giggles, and I said: Well, when you die, there’s either nothing, in which case, okay, nothing. Or there’s something. And I happen to think there is something because of experiences I’ve had. And if that’s true, what greater adventure can there be than discovering what that something is? And people have come up to me and said, I used to be afraid of dying, but now I’m not afraid anymore.

Verknappung der Woche (39/2025): Louise Glück’s Telescope

Im Jahr 2020 erhielt die amerikanische Lyrikerin Louise Glück den Literaturnobelpreis. Als ich zuerst einige ihrer Gedichte las, war meine Reaktion nicht gerade euphorisch. Ja, Okay, ganz nett. Mehr nicht. Nun sind mir die Gedichte wieder in die Hände gefallen und ich lese sie anders. Sie sprechen zu mir. Wie schön!

Mein Poetenfest 2025

Zum Liegen auf der Wiese war es diesmal ein wenig zu kühl, fürs Lauschen auf den Bänken und Stühlen war’s ideal: das Wetter beim 45. Erlanger Poet*innenfest. Hier mein persönlicher Bericht.

Ulrike Draesner: penelopes sch( )iff
Draesner belebt den Mythos Odyssee neu aus Sicht der Frauen, allen voran Penelope, die mit 100 Frauen in See sticht, nachdem ihr durch den Krieg brutalisierter Gatte als Herrscher nicht mehr tragbar ist. Das Gespräch mit Draesner nach der Lesung hat mich begeistert: die Motivation, die Idee, das Anliegen des Werks. Die Umsetzung als „Postepos“ – ein „Text- und Klanggewebe“ laut Programmheft – spricht jedoch nicht zu mir, lässt mich außen vor, so dass ich nicht mit an Bord kommen werde. Ich wünsche Penelopes Schiff jedoch alles Gute.

Natascha Gangl: DA STA
Jedes Jahr bin ich gespannt auf den/die Bachmann-GewinnerIn. Oft entwickeln diese Texte eine Sogkraft, die mich als Zuhörerin bannen. Das bleibt diesmal weitgehend aus. Keine Verzauberung, es bleibt beim anerkennenden Interesse.

Jakob Hein: Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste 
Das Highlight des Samstags für mich! DDR, 1980er Jahre. Um die Handelsbeziehungen zum sozialistischen Bruderland Afghanistan zu stärken, hat Jungaktivist Grischa eine geniale Idee: in Deutsch-Afghanischen Freundschaftsläden an den Grenzübergängen zur BRD verkauft die DDR Haschisch aus Afghanistan an Westler. Ein durchschlagender Erfolg! Humorvoll mit leichter Feder erzählt und trotz der Skurrilität glaubwürdig. Ist auf meiner Einkaufsmerkliste.  

Kristine Bilkau: Halbinsel
Auf dem Poetenfest 2018 hat mich „Eine Liebe in Gedanken“ begeistert. Mir scheint, „Halbinsel“ hat einen ebenso poetisch geradlinigen Ton. Die junge erwachsene Tochter zieht nach einem Zusammenbruch zur Mutter zurück auf die Halbinsel an der Nordsee. Eingespielte Rollen brechen dadurch auf und alte, bislang verborgene Missverständnisse treten zutage. Kandidat Nr. 2 für meine Einkaufsmerkliste.

Jehona Kicaj: ë
Der Buchstabe „ë“ kommt aus dem Albanischen, wird ausgesprochen in etwa wie das „e“ am Ende von „Gedanke“. Die Familie der Erzählerin flieht in den 1990ern aus dem Kosovo nach Deutschland und erlebt den Kosovokrieg 1998/99 aus der Ferne. Zum Trauma kommen Desinteresse und Ignoranz der Deutschen. Die Lesung und das anschließende Gespräch waren augenöffnend und berührend.

Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten
Es gibt Parallelen zu Kicajs „ë“: beide Romane sind autofiktional und schildern das Leben von Familien, die in den 1990ern nach Deutschland kamen, als die heutigen Erzähler noch Kinder waren. Und im Heimatland herrscht Krieg. Kapitelmans Familie stammt aus Kiew und betreibt seit Langem einen Laden mit russischen Spezialitäten in Leipzig. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zieht sich ein Graben durch die Familie: die Mutter steht treu zu Russland, ganz anders als der Sohn. Für den Roman reiste Kapitelman mitten im Krieg nach Kiew und berichtet davon nicht nur im Buch, sondern auch im Gespräch nach der Lesung – einfühlsam und humorvoll, trotz aller Schrecken.

Daniela Dröscher: Junge Frau mit Katze
Darauf war ich enorm gespannt. „Lügen über meine Mutter“ habe ich sehr gern gelesen. Im neuen Roman erzählt Dröscher die Geschichte weiter; jetzt steht die erwachsene Tochter als Ich-Erzählerin im Mittelpunkt. Wieder geht es um einen Frauenkörper – diesen plagen unzählige Krankheiten, die Ärzte sind oft ratlos. Was ist mit der Physis dieser jungen Frau – und was mit ihrer Psyche? Lesung und vor allem das Gespräch machen neugierig – ebenfalls ein Kandidat für die Einkaufsmerkliste.

Raoul Schrott: Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit
Ein wahrhaft krönender Abschluss am Sonntagabend im Markgrafentheater. Was für ein Buchprojekt! Auf 1280 Seiten (=4 kg) versammelt Schrott 17 Sternenhimmel von allen Kontinenten: von den Alten Ägyptern zu den Aborigines und den Inuit, aus China, Indien und Tahiti. Der Sternenhimmel ist weltweit kulturgeschichtlich von immenser Bedeutung: Urahnen, Helden, Götter und Schöpfungswesen finden sich dort; Sagen und Mythen spiegeln sich im Sternenglanz. Raoul Schrott hat aus seinem Buch nicht gelesen, er hat einfach erzählt. So fesselnd, dass ich ihm noch zwei weitere Stunden hätte zuhören wollen.

Beseelt von der abschließenden Veranstaltung und dem gesamten Wochenende geht es kurz vor 22.00 Uhr nach Hause. Entspannt auf dem Fahrrad, immer mal wieder mit einem Blick nach oben zu den Sternen.

Verknappung der Woche (38/2025): Rilkes Herbsttag

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Verknappung der Woche (37/2025): Buchstaben sind die besten Freunde

In Caroline Peters‘ Roman „Ein anderes Leben“, in dem sie humor- und liebevoll eine außergewöhnliche Familienkonstellation porträtiert, habe ich diese Zeilen gefunden (S.163):

Buchstaben sind die besten Freunde, die sicherste Familie. Sechsundzwanzig Bausteine, aus denen alles, wirklich alles erschaffen werden kann.

Verknappung der Woche (36/2025): Ein-Satz-Geschichten

Seit langer Zeit mal wieder eigene Texte: Flash Fiction aus der Schreibwerkstatt Ende 2024. Man sollte stets genau hinhören. 😉

1
Als Tanja in ihrem schlichten Trainingsanzug den Gymnastikraum betritt und vor sich lauter hängende Brüste, wabbelige Bäuche und baumelnde Pimmel sieht, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie bei der telefonischen Anmeldung zu diesem Kurs doch zuerst richtig gehört hat: es ist „Yoga für Nudisten“ und nicht „Yoga für Buddhisten“. 

2
Als Hilde zusammen mit Gerd nackt das Restaurant betritt und lauter schick angezogene Menschen an Einzeltischen erblickt, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie sich bei der telefonischen Reservierung verhört hat: es ist ein Restaurant für Gäste ohne Begleitung und nicht ohne Bekleidung.