Lyrik der Woche (51/2019)

Im Advent bereiten sich die Christen auf die Ankunft des Herrn Jesu vor. Kaum jemand erwartet, dass er tatsächlich persönlich bei ihnen zu Hause erscheint. Doch zu Otto Jägersberg kommt er.

Herr Jesu

Am Heiligen Abend
laden wir einen Nachbarn
den das Jahr über
unauffällig lebenden
Herrn Jesu
zum Festmahl

Ein bescheidener Esser
trinkt grad
drei Schlückchen Wein
redet dafür aber
flaschenweis

Begebenheiten
aus einem langen
Streunerleben
mit naiven Schlussfolgerungen
für die Kinder
ganz lehrreich

Bevor er
richtig loslegt
wider Besitz und Handel
übers Familienleben herzieht
und die Anarchie verherrlicht
drehn wir den Kindern
die Weihnachtssendung
im Fernsehen an

Wir gönnen
dem einsamen Mann
seine Reden
einmal im Jahr

Weil er kein Ende findet
machen wir noch mal den Baum an
er singt zwar nicht mit
wir denken
es rührt ihn
doch

Lyrik der Woche (50/2019)

In der Vorweihnachtszeit wird viel von Liebe geredet. In der Unterhaltungsmusik ist Liebe jahreszeitenunabhängig der Renner. Was diese Liebe nun genau ist und wie sie sich äußert, unterliegt der individuellen Auffassung; zudem gibt es natürlich verschiedene Arten von Liebe.

Mein eigenes Verständnis von Liebe wurde von Stings „If You Love Somebody Set Them Free“ geprägt: Liebe hat nichts mit klammerndem Festhalten und Verschließen zu tun, sondern mit Freiheit der Wahl und Eigenständigkeit im Zusammensein. Es hat jedoch Jahre gedauert, bis ich zu dieser meiner persönlichen Einsicht gelangt bin…

If you need somebody, call my name
If you want someone, you can do the same
If you want to keep something precious
You got to lock it up and throw away the key
If you want to hold onto your possession
Don’t even think about me

If you love somebody
If you love someone
If you love somebody
If you love someone set them free
(Free, free, set them free)
Set them free
(Free, free, set them free)
Set them free
(Free, free, set them free)
Set them free
(Free, free, set them free)

In der Bretagne im Mai – Teil 5

Ortswechsel. Wir springen an die Nordküste der Bretagne, den Abschnitt, der rosa Granitküste genannt wird. Woher der Name rührt, wird schnell klar.

Die Felsen entlang des Sentier des Douaniers (Zöllnerpfad) sind fantastisch geformt und man könnte glauben, vorzeitige Riesen hätten Türmchenbauen mit ihnen gespielt.

Hübsche Buchten mit und ohne Boote gibt es selbstverständlich auch.

Lyrik der Woche (49/2019)

Die Lyrik der Woche kommt ohne Großbuchstaben und mit nur einem Vokal aus: „ottos mops“ von Ernst Jandl.

Dieses Gedicht spielt eine Rolle im ersten Roman meiner hochgeschätzten Freundin Andie Arndt „Im Schatten der Welle“. Eine spannende Geschichte über die Suche nach Antworten und innerem Frieden.

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

In der Bretagne im Mai – Teil 4

Der südlichste Zipfel der Halbinsel Crozon heißt Cap de la Chèvre, das Ziegenkap. Der Name kommt laut Wanderführer von „c’hawr“, einem bretonischen Riesen. Bei unserer Wanderung haben wir weder Ziegen noch Riesen gesehen, dafür eine Möwe und eine Hummel.

Natürlich auch wieder Küste, …

… und schöne Flora.

Lyrik der Woche (48/2019)

Das neue Nürnberger Christkind Benigna Munsi hat gestern Abend strahlend den Christkindlesmarkt eröffnet, und zwar mit diesen Worten.

Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart, Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt, ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt: Hört alle zu, was Euch das Christkind sagt!

In jedem Jahr, vier Wochen vor der Zeit, da man den Christbaum schmückt und sich aufs Feiern freut, ersteht auf diesem Platz, der Ahn hat’s schon gekannt, was Ihr hier seht, Christkindlesmarkt genannt.

Dies Städtlein in der Stadt, aus Holz und Tuch gemacht, so flüchtig, wie es scheint, in seiner kurzen Pracht, ist doch von Ewigkeit. Mein Markt bleibt immer jung, solang’ es Nürnberg gibt und die Erinnerung.

Denn alt und jung zugleich ist Nürnbergs Angesicht, das viele Züge trägt. Ihr zählt sie alle nicht! Da ist der edle Platz. Doch ihm sind zugesellt Hochhäuser dieses Tags, Fabriken dieser Welt.

Die neue Stadt im Grün. Und doch bleibt’s alle Zeit, Ihr Herrn und Frau’n: das Nürnberg, das Ihr seid. Am Saum des Jahres steht nun bald der Tag, an dem man selbst sich wünschen und andern schenken mag.

Doch leuchtet der Markt im Licht weit und breit, Schmuck, Kugeln und selige Weihnachtszeit, dann vergesst nicht, Ihr Herrn und Frau’n, und bedenkt, wer alles schon hat, der braucht nichts geschenkt.

Die Kinder der Welt und die armen Leut’, die wissen am besten, was Schenken bedeut’. Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart, seid es heut’ wieder, freut Euch in ihrer Art. Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein.

Ein strahlendes Nürnberger Christkind

Lyrik der Woche (47/2019)

Christian Morgenstern kennt nicht nur Spatzen, sondern auch andere spezielle Tiere…

Das æsthetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wisst ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tat’s um des Reimes willen.