Malerei der Woche (16/2022)

Der 23. April ist der Tag des heiligen Georg. Die Darstellung seines Sieges über den Drachen symbolisiert in der Kunst die Bekehrung eines heidnischen Landes zum Christentum. Der Ort der Bekehrung wird häufig von einer jungen Frau verkörpert. Der hl. Georg ist der Schutzpatron vieler europäischer Städte und seit 1222 auch von England.

Raffael: Der hl. Georg kämpft mit dem Drachen

P.S. und völlig ohne Bezug zur Renaissance: Am St. George’s Day vor 15 Jahren war ich in London und geriet zufällig in die Feierlichkeiten auf dem Trafalgar Square. Seitdem bin ich Teil eines Weltrekords, nämlich des weltgrößten Kokosnuss-Orchesters. Wir gaben Monty Pythons “Always Look on the Bright Side of Life” zum Besten.

Malerei der Woche (15/2022)

1593 malt Santi di Tito „Die Vision des heiligen Thomas von Aquin“. Während Thomas ein Jahr vor seinem Tod 1274 vor dem Kruzifix der Ordenskirche von Neapel im Gebet versunken war, neigte sich der gekreuzigte Jesus ihm zu und versicherte: Du hast gut über mich geschrieben. Santo di Titos Gemälde zeigt diese Verschmelzung von Realität und Vision. Hier betet Thomas vor einem Altarbild, dessen Goldrand deutlich zu erkennen ist. Das Kreuz ist noch Teil des Altarbildes, doch Jesus und vor allem die Trauernden unter dem Kreuz – Maria, Johannes, Magdalena und Katharina – treten aus dem Bild in die Wirklichkeit des Thomas von Aquin.

Santo di Tito thematisiert damit auch eine zentrale Streitfrage der religiösen Bilderdiskussion. Vorwurf der Reformatoren war, dass von Menschen gefertigte Kunstwerke von den Katholiken wie heidnische Götzenbilder angebetet würden. Die Gegenreformation argumentierte, dass die Verehrung nicht den Werken an sich gelte, sondern den dargestellten Personen, so dass sich die Betrachter durch die Werke biblische Ereignisse und Glaubenswahrheiten vergegenwärtigen können.

Malerei der Woche (14/2022)

Franz I. (1494-1547) gilt als der erste französische König der Renaissance und Freund der italienischen Kultur. Seine großen Loire-Schlösser, Blois und Chambord, entstanden im Stil der Renaissance, und mit der Ausstattung seines nahe Paris gelegenen Schlosses Fontainebleau beauftragte Franz eine Reihe italienischer Künstler. Zuvor hatte er bereits den betagten Leonardo da Vinci an seinen Hof geholt.

Das Porträt des Königs von Jean Clouet ist ganz auf repräsentative Machtentfaltung ausgelegt. Im Hintergrund ein Wandteppich mit den königlichen Insignien. Der König trägt die neueste italienische Mode, prächtig in Gold- und edlen Erdtönen. Um den Hals eine goldene Kette des Ordens des heiligen Michael, die linke Hand an einem verzierten Schwertknauf, die rechte auf einem feinen Handschuh. Der im Verhältnis zum Kopf übergroße Oberkörper lässt ihn wirken wie ein Monument. Sein leicht spöttisches Lächeln (vielleicht inspiriert von der Mona Lisa, die sich in Franz‘ Gemäldesammlung befand?) und der direkte Blick vollenden das Bildnis eines souveränen Renaissancefürsten.

Malerei der Woche (13/2022)

Tizian hat gemalt, wie Adonis sich den Armen der Liebesgöttin entwindet, Sebastiano del Piombo zeigt den „Tod des Adonis“, nachdem er bei der Jagd von einem Eber verwundet wurde. Der geflügelte Amor weist seine Mutter Venus auf den sterbenden Geliebten hin. Drei Nymphen und Pan teilen die Bestürzung.

Neben der Darstellung der mythologischen Sage hat das Bild eine weitere Bedeutungsebene. In der Renaissance galt der Tod des Adonis als Sinnbild für das Absterben der Natur im Winter. Dazu passend sehen wir herbstgelbe Blätter und einen teils bedeckten Himmel in Abendstimmung als Zeichen für Vergehen und kommende Dunkelheit.

Die Sage geht noch weiter: Venus erwirkt von den Göttern der Unterwelt, dass Adonis jedes Jahr für sechs Monate auf die Erde zurückkommen darf. Diese Rückkehr und die Wiedervereinigung mit Venus symbolisieren entsprechend das erneute Erwachen und Wachstum der Natur im Frühling.

Malerei der Woche (12/2022)

Darstellungen aus der griechisch-römischen Mythologie sind in der Renaissance sehr beliebt. In einem Spätwerk malt Tizian um 1560 „Venus und Adonis“. Die Liebesgöttin will Adonis davon abhalten, aus ihren Armen zur Jagd aufzubrechen, denn sie weiß, dass er dabei sein Leben verlieren wird. Der jugendliche Adonis jedoch ist von seiner Unverletzlichkeit überzeugt und weist seine Geliebte zurück. Nächste Woche sehen wir, wie die Geschichte endet.

Malerei der Woche (11/2022)

Circe, Göttin der Zauberei, lebt laut griechischer Mythologie auf einer waldbewachsenen Insel. Besucher verwandelt sie gerne einmal in Tiere, die ihr dann Gesellschaft leisten. Um 1525 stellt Dosso Dossi, Hofmaler Lucrezia Borgias in Ferrara, „Circe mit ihren Geliebten in einer Landschaft“ dar. Ein Gemälde voller Anmut, das Ruhe und Frieden ausstrahlt.

Kurz mal raus

Wer im Großraum Erlangen-Fürth-Nürnberg lebt, hat die Fränkische Schweiz als Naherholungsgebiet direkt vor der Haustüre. Diese Woche waren wir für ein paar Tage in Ebermannstadt, haben wandernd die umliegenden Anhöhen und Wälder erkundet. Montags noch im Regen, Dienstag und Mittwoch dann mit zaghaften Sonnenstrahlen hinter dem Saharasand. Winterende, noch nicht ganz Frühlingsbeginn. Gut hat es getan, Körper und Kopf. Manchmal muss man einfach mal kurz raus.

Malerei der Woche (10/2022)

Um 1508 schuf der Venezianer Giorgione ein bemerkenswertes Gemälde. „Das Gewitter“ ist eines der ersten Bilder, in dem die Landschaft um ihrer selbst willen dargestellt wird, der Mensch ist Teil des Naturganzen. Giorgione verzichtet auf eine strenge Zentralperspektive und harte Konturlinien, die Gebäude und Figuren werden durch den Wechsel von Licht und Schatten vor dem gewitterschweren Himmel fein modelliert.

Es bleibt rätselhaft, wer die Personen auf dem Bild sind. Adam und Eva, aber auch Venus und Mars wurden vermutet. Infrarotaufnahmen haben gezeigt, dass vor dem Hirten ursprünglich noch eine zweite, sitzende Frau zu sehen war, die sich im Fluss wusch. Solche nachträglichen Übermalungen sind typisch für Giorgiones Werke. Wie so oft liegt der Reiz hier gerade in der Uneindeutigkeit, die der Phantasie viel Raum lässt.

Malerei der Woche (09/2022)

Seit dem 24. Februar pendelt meine Gefühlslage zwischen Schockstarre, Angst, Wut und Verdrängung. Meine Großeltern kommen mir in den Sinn, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder oder junge Erwachsene erlebt haben. Ich denke daran, dass meine Großmutter väterlicherseits in schweren Zeiten Trost und Beistand bei der Heiligen Maria gefunden hat, dass Maria meiner Großmutter Hoffnung und Kraft gegeben hat.

Wahrscheinlich empfinden sehr viele Menschen wie meine Großmutter und darin liegt wohl der Grund, dass die Madonna eines der häufigsten Bildmotive ist – nicht nur, aber auch in der Renaissance.

Giovanni Bellini – Madonna auf der Wiese

Malerei der Woche (08/2022)

Unweit der Sixtinischen Kapelle, in einem Saal des Vatikans, befindet sich Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“. Durch die Zentralperspektive öffnet sich auf dem über sieben Meter breiten Gemälde ein weiter Raum. Dieser ist bevölkert von bedeutenden antiken Denkern wie Platon, Aristoteles, Sokrates, Diogenes, Euklid und Pythagoras. Auch sich selbst hat Raffael abgebildet; rechts unten wirft er dem Betrachter einen fast scheuen Blick zu. Das Werk feiert, ganz im Sinne der Renaissance, das antike Denken als Ursprung der europäischen Philosophie und Wissenschaft.