Postkarte der Woche (24/2020)

Teil 3 der persönlichen Souvenir-Superlative: In Mexiko, auf der Halbinsel Yucatán, habe ich 2005 mein ungewöhnlichstes Weihnachten verbracht. Baden in der Karibik bei knapp 30 Grad Sonnenschein, aufblasbare Schneemänner auf dem Weg vom weißen Sandstrand zum Hotel, Krippenspiel samt Santa Claus mit Rentierschlitten nebst prächtigem Weihnachtsbaum in der luftigen Hotel-Lobby. Mir hat’s gefallen und ich habe nichts vermisst.

In diesem Urlaub habe ich „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez zum ersten Mal gelesen, das ich jetzt erneut zur Hand genommen habe, nachdem es im Literarischen Quartett besprochen wurde. Anekdotisch wird der Aufstieg und Verfall des kolumbianischen Dorfes Macondo und damit eng verwoben die Geschichte der Familie Buendía erzählt. Nicht umsonst gilt der Roman als eines der wichtigsten Werke des Magischen Realismus: es wimmelt von Gespenstern und fabelhaften Mysterien. Die Menschen sind getrieben von maßloser Leidenschaft und ihrer Einsamkeit. Auf diese Welt muss man sich einlassen und viel am Stück lesen, dann entfaltet der Zauber seine Wirkung.

Postkarte der Woche (23/2020)

In Ägypten habe ich den stillsten Ort gefunden, in Kopenhagen habe ich den bisher nassesten Urlaubstag erlebt. Das war im August 2008 und es hat den ganzen Tag ohne Unterlass geregnet. Stark geregnet. Ein Schirm hat nichts geholfen, der Regen klatschte von unten an den Beinen bis fast zu den Knien hoch. Meine Sneakers waren noch tagelang untragbar durchnässt…

Eine der Zufluchten vor dem Regen war Thorvaldsens Museum, zentral gelegen, dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770–1844) gewidmet.

Postkarte der Woche (22/2020)

Superlative können schnell unter den Verdacht der Effekthascherei geraten. Persönlich empfundene Superlative, die schöne Erinnerungen beherbergen, sind allerdings etwas anderes! Mit vier solchen Souvenir-Superlativen setzen wir unsere Postkartenreise fort. Hier ist Nummer eins.

Mein stillster Ort: der Berg Sinai. Kein Rauschen von Meer oder Straßenverkehr, kein emsiges Treiben von Mensch oder Tier, kein Windhauch. Nur Stille. Richtig bewusst wurde mir diese Stille, als einmal doch ein kleiner Vogel vorbeizwitscherte. Schnell war er verschwunden und es wurde wieder ganz still.

Postkarte der Woche (21/2020)

Wir nehmen heute Abschied von der National Gallery, und zwar mit „Die Gesandten“ („The Ambassadors“) von Hans Holbein dem Jüngeren (1497/8-1543), einem der bedeutendsten Portraitmaler der Renaissance. „Die Gesandten“ entstand 1533 in London. Das Gemälde ist ausdrucksstark, detailreich und detailtreu. Der Clou dieses Werks befindet sich auf dem Boden, zwischen den Füßen der beiden Männer. Man muss ganz nah an das Bild heran treten, an den rechten Rand, und es aus flachem Winkel betrachten, dann erkennt man die Anamorphose: einen Totenschädel.

Erinnerungsbelebung

Normalerweise arbeite ich in einem Büro. In einem Großraumbüro, mit Kolleginnen und Kollegen, die ich mag und schätze. Wir gehen oft gemeinsam Mittagessen oder plaudern kurz in der Kaffeeküche. Seit Mitte März arbeite ich zu Hause, glücklicherweise in einem ruhigen, schönen Zimmer und die Technik tut. Zudem bin ich in vielen online-Meetings mit den Kollegen, der Kontakt besteht also fort.

Mein bisher gewohntes soziales Arbeitsumfeld vermisse ich trotzdem. Allerdings habe ich – intuitiv, ohne konkreten Plan – einige Sachen in mein Home Office integriert, die mich an frühere Gegebenheiten und Lebensabschnitte erinnern.

Notizen mache ich mit Bleistift und Markierungen mit Buntstift – das war zuletzt im Studium so. Nach langer Zeit im Schrank benutze ich wieder regelmäßig die Tasse des Forschungsprojekts, in dem ich vor 20 Jahren als HiWi gearbeitet habe. Der Untersetzer für die Tasse kommt aus Polen, das Geschenk einer polnischen Kollegin aus einem früheren Job – der Untersetzer harrte die letzten Jahre in der dunklen Schublade aus. Und weil ich während der Arbeit weder Jogginghose noch meine schicke Kleidung tragen will, kommen nun Klamotten wieder zum Zug, die eher hinten im Schrank lagen. So zum Beispiel eine braune Cordhose, die ich 2005 oder 2006 gekauft habe. Die sitzt um die Hüften zwar enger als früher, aber sie passt noch!

Mein Geist ist erfreut, mein Herz gewärmt! Das „neue Normal“ ist also nicht nur schlecht.

Ein Sonntag mit Lupinen

In unserem Wald gibt es viele Lupinen und die starten gerade voll durch. Wir haben sogar einen Lupinenweg, aber ich kann euch verraten: die Lupinen sind rebellisch und wachsen nicht nur dort!

Postkarte der Woche (20/2020)

Nach der Madonna in der Felsengrotte treffen wir heute Venus, Göttin der Liebe. Auch sie ist in der Renaissance entstanden, den Pinsel führte Sandro Botticelli um 1485. Das Bild heißt „Venus und Mars“ und zeigt die beiden nach dem Liebesakt, Kriegsgott Mars erschöpft schlummernd. Das Gemälde kann gedeutet werden als die Überwindung von Gewalt und Krieg durch die geistige Macht der Liebe.

Die Website der National Gallery bietet auch zu diesem Werk weitere Informationen.

Postkarte der Woche (19/2020)

Man darf jetzt wieder Menschen außerhalb des eigenen Haushalts treffen. Das nutzen wir sogleich und treffen diese und nächste Woche jeweils eine berühmte Dame in der National Gallery. Maske müssen wir dabei nicht tragen und auch die Abstandsregeln können wir getrost ignorieren. Dame der heutigen Woche ist die Muttergottes höchstselbst, gemalt von Leonardo da Vinci. Das Bild trägt den Titel „The Virgin of the Rocks“. Eine frühere Fassung des Gemäldes ist im Louvre in Paris zu sehen und die Geschichte dazu ist bei Wikipedia zu lesen.

Kleine Freuden

Sehr vieles geht gerade nicht und das ist oft schmerzhaft. Manches geht jedoch nach wie vor, zum Beispiel einfach mal raus in die Natur. Heute war ein schöner Tag zum Wandern und es hat wirklich gut getan.

Postkarte der Woche (18/2020)

Spaziert man von der Tate Britain nordwärts an der Themse entlang, kommt man an den Houses of Parliament und Big Ben vorbei. Ein Stück später zweigt links die Downing Street ab, wir aber gehen weiter geradeaus, vorbei an prächtigen historischen Gebäuden, bis wir schließlich Trafalgar Square erreichen. Beim Überqueren des Platzes werfen wir einen Blick hinauf zu Admiral Nelson auf der hohen Säule, vielleicht lässt das Sonnenlicht uns blinzeln. Nun sind es nur noch ganz wenige Schritte. Selbstverständlich halten wir einen Moment inne und bewundern das Gebäude mit seinen imposanten Säulen im Eingangsbereich, bevor wir die Stufen hinaufsteigen und hineingehen: die National Gallery beherbergt eine der größten Gemäldesammlungen der Welt.

Eines ihrer Gemälde trägt den Titel „Saint Michael triumphant over the Devil with the Donor Antonio Juan“, gemalt 1468 von Bartolomé Bermejo. Der Erzengel trägt eine prächtige goldene Rüstung und wird dem Dämon gleich den Garaus machen. Vielleicht könnte er sich danach um Corona kümmern…

Wer das Bild in besserer Qualität sehen möchte und an weiteren Informationen interessiert ist, dem sei die Website der National Gallery empfohlen.