Verknappung der Woche (38/2025): Rilkes Herbsttag

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Verknappung der Woche (37/2025): Buchstaben sind die besten Freunde

In Caroline Peters‘ Roman „Ein anderes Leben“, in dem sie humor- und liebevoll eine außergewöhnliche Familienkonstellation porträtiert, habe ich diese Zeilen gefunden (S.163):

Buchstaben sind die besten Freunde, die sicherste Familie. Sechsundzwanzig Bausteine, aus denen alles, wirklich alles erschaffen werden kann.

Verknappung der Woche (36/2025): Ein-Satz-Geschichten

Seit langer Zeit mal wieder eigene Texte: Flash Fiction aus der Schreibwerkstatt Ende 2024. Man sollte stets genau hinhören. 😉

1
Als Tanja in ihrem schlichten Trainingsanzug den Gymnastikraum betritt und vor sich lauter hängende Brüste, wabbelige Bäuche und baumelnde Pimmel sieht, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie bei der telefonischen Anmeldung zu diesem Kurs doch zuerst richtig gehört hat: es ist „Yoga für Nudisten“ und nicht „Yoga für Buddhisten“. 

2
Als Hilde zusammen mit Gerd nackt das Restaurant betritt und lauter schick angezogene Menschen an Einzeltischen erblickt, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie sich bei der telefonischen Reservierung verhört hat: es ist ein Restaurant für Gäste ohne Begleitung und nicht ohne Bekleidung. 

Verknappung der Woche (35/2025): Eine fehlt

Poetenfest in Erlangen dieses Wochenende. Eine fehlt. Obwohl – Ich denke, sie schaut von oben zu.

Poet*innenfest Erlangen 30.08.2025

Verknappung der Woche (34/2025): Es gibt nichts Gutes

Es gibt nichts Gutes,
außer: Man tut es.
Erich Kästner

Eins meiner liebsten Zitate überhaupt. Und es stimmt: Nicht warten (oder erwarten), dass jemand anderes sich kümmert und tut – selber loslegen!

Verknappung der Woche (33/2025): Wir gleichzeitig Lebenden

In „Der Bademeister ohne Himmel“ erzählt Petra Pellini zärtlich und mit feinem Humor von der Kostbarkeit von Freundschaft und den Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden. Ein Zitat von Hugo von Hofmannsthal, das mich sehr berührt, kehrt im Roman immer wieder.

Wir gleichzeitig Lebenden sind füreinander von geheimnisvoller Bedeutung.
Hugo von Hofmannsthal

Verknappung der Woche (32/2025): Mitte des Sommers

Mitte des Sommers

Der Augenblick,
wenn ich leise erschrecke
über die Handvoll
Ewigkeit:
Das Land fließt über
von Sommerfülle.
Mit leichter Hand
mischt die Luft überm See
die Farben von Lilien und Rosen
und der Wind,
der mich zärtlich streift,
streift auch das schattige Blattwerk
und die Früchte
voll feuchter Süße,
die dichter hängen denn je.
Diese Stunde:
nichts anderes zählt.

Elke Oertgen (1936-20212)

Verknappung der Woche (31/2025): Sorgen loswerden in einer Minute ;-)

Verknappung der Woche (30/2025): größte globale Risiken laut UN

Laut dem UN Global Risk Report 2024 sind die größten globalen Risiken: Untätigkeit gegenüber dem Klimawandel, großflächige Umweltverschmutzung, Fehlinformationen, Naturkatastrophen und zunehmende Ungleichheiten. Diese Risiken sind stark miteinander verknüpft und könnten bestehende Systeme überfordern.

Erstaunlich, dass es der Veggie Day nicht unter die 28 größten globalen Risiken geschafft hat… Verzeihung, das musste sein. Selbstverständlich weiß ich, dass Sarkasmus nicht helfen wird angesichts der Herausforderungen. Was auch nicht helfen wird: apotropäische Handlungen. Ebenso nicht: militärische Aufrüstung und Kriege.

Was also tun? Wer (so wie ich) nicht bereit ist, in die Politik zu gehen, um aktiv mitzuwirken, kann im Kleinen handeln. Bewusst leben. Den Kopf einschalten, Dinge hinterfragen. Und wann immer möglich: Freundlichkeit und Liebe in die Welt senden.

Verknappung der Woche (29/2025): Apotropäische Handlungen

Im Südtirol-Urlaub habe ich ein neues Wort gelernt: apotropäisch – altgriechisch: abwendend, abwehrend. Der Völser Morgenbote, das tägliche Infoblättchen des örtlichen Tourismusvereins, erklärte unter der Rubrik „Wussten Sie, dass …“: Wetterläuten oder Sturmläuten war eine  apotropäische Handlung, die dazu diente, Unwetter von Ortschaften wegzutreiben. Der Aberglaube ergab sich aus der Ansicht, dass die Glocken eine Kirche geweiht seien und daher das Unwetter durch Läuten vertrieben werden konnte.

Das fand ich sehr interessant; hatte ich doch bis dahin angenommen, dass das Glockengeläut Bauern auf dem Feld vor einem heranziehenden Unwetter warnen sollte, damit sie Unterschlupf finden konnten. Ich dachte: Wie konnten die Leute nur so einem quatschigen Aberglauben anhängen?

Dann fiel mir ein: Wenn in Unterhaltungen die Sprache auf bisher gute Gesundheit kommt (z.B.: „Ich bin nur sehr selten krank.“) oder es darum geht, dass man von Unglück verschont geblieben ist („Ich hatte noch nie einen Verkehrsunfall.“), dann sage ich schnell „Klopf auf Holz“ und klopfe mir dabei dreimal leicht auf den Kopf. Ich mache das immer. Immer. Ich habe das sogar gerade eben beim Schreiben dieser Worte gemacht! Wenn das mal keine apotropäische Handlung ist…

Die verknappte Lektion für mich: Fälle nicht vorschnell ein Urteil über die Handlungen anderer.