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Summer of ´91

Ich wache auf, räkle mich. Der Radiowecker auf meinem Nachtkästchen zeigt 11.18. Die Sonne heizt mein Dachzimmer nach einer milden Nacht schon wieder auf. Es ist Samstag und die Sommerferien haben letzte Woche begonnen. Im Herbst komme ich in die Kollegstufe, aber das ist noch weit, weit weg. Gemächlich stehe ich auf und lasse die Jalousien der beiden kleinen Fenster in meinem Zimmer weit herunter. Das leicht dämmrige Licht ist gleich viel angenehmer. Auf dem Plattenteller meiner Stereoanlage liegt Like a Prayer von Madonna. Sanft setze ich den Tonarm auf und Madonna singt: Life is a mystery, everyone must stand alone. Ich stimme mit ein.

Kurz lege ich mich zurück ins Bett. Was steht heute an? Eine Nachmittagsschicht in der Eisdiele. Bei dem schönen Wetter ist bestimmt viel los und ich kann drei Stunden arbeiten, das sind 30 Mark. Davon kann ich mir heute Abend locker eine Pizza leisten, wenn ich mich mit den Jungs in unserem Stammlokal treffe. Jens ist ja leider nicht da, der ist mit seinen Eltern in Österreich bei den Großeltern. Aber Tobi, Matthias und Stefan kommen auf jeden Fall.

Soll ich mir für heute Abend die Haare auf Papilloten drehen? Ich stehe auf und begutachte meine Haare vor der Spiegeltür meines Kleiderschranks. Ich verschiebe die Entscheidung auf später. Was ziehe ich heute Abend an? Jeans und … ja, das schwarze Shirt mit dem U-Boot-Ausschnitt. Neben meinem linken Nasenflügel entdecke ich einen Pickel. Oh nein! Ich trage eine dreifache Schicht Clearasil-Creme auf und hoffe, dass es wirkt.

Madonna singt inzwischen Second best is never enough, you’ll do much better, baby, on your own… Express yourself. Ich fange an zu tanzen, tue so, als würde ich auf einer großen Bühne vor einem begeisterten Publikum auftreten. Als das Lied zu Ende ist, ziehe ich mir eine kurze Hose über, mein Schlaf-T-Shirt lasse ich einfach an. Ich stelle die Musik ab und gehe summend hinunter ins Erdgeschoss, um zu sehen, was meine Eltern so machen und was es zum Mittagessen gibt.

Freundinnen-Wochenende

Reden, reden, reden: über Schule, Jungs und Michael Jackson
Nutella-Toast abends um elf
Reden, reden, reden: über die Bravo, Klamotten und die Scheidung ihrer Eltern
Mau-Mau und Yahtzee die halbe Nacht
Reden, reden, reden: über Pickel, die andren Mädchen und die ersten Küsse
Musik hören, bis es wieder hell wird
Reden, reden, reden: über Filme, Liebeskummer und wie es sein wird, wenn wir erwachsen sind

Erinnerungsbelebung

Normalerweise arbeite ich in einem Büro. In einem Großraumbüro, mit Kolleginnen und Kollegen, die ich mag und schätze. Wir gehen oft gemeinsam Mittagessen oder plaudern kurz in der Kaffeeküche. Seit Mitte März arbeite ich zu Hause, glücklicherweise in einem ruhigen, schönen Zimmer und die Technik tut. Zudem bin ich in vielen online-Meetings mit den Kollegen, der Kontakt besteht also fort.

Mein bisher gewohntes soziales Arbeitsumfeld vermisse ich trotzdem. Allerdings habe ich – intuitiv, ohne konkreten Plan – einige Sachen in mein Home Office integriert, die mich an frühere Gegebenheiten und Lebensabschnitte erinnern.

Notizen mache ich mit Bleistift und Markierungen mit Buntstift – das war zuletzt im Studium so. Nach langer Zeit im Schrank benutze ich wieder regelmäßig die Tasse des Forschungsprojekts, in dem ich vor 20 Jahren als HiWi gearbeitet habe. Der Untersetzer für die Tasse kommt aus Polen, das Geschenk einer polnischen Kollegin aus einem früheren Job – der Untersetzer harrte die letzten Jahre in der dunklen Schublade aus. Und weil ich während der Arbeit weder Jogginghose noch meine schicke Kleidung tragen will, kommen nun Klamotten wieder zum Zug, die eher hinten im Schrank lagen. So zum Beispiel eine braune Cordhose, die ich 2005 oder 2006 gekauft habe. Die sitzt um die Hüften zwar enger als früher, aber sie passt noch!

Mein Geist ist erfreut, mein Herz gewärmt! Das „neue Normal“ ist also nicht nur schlecht.