In der Persönlichkeitspsychologie gibt es den Begriff des „ungelebten Lebens“. Damit ist grob gesagt all das gemeint, was man eben nicht erlebt, weil man etwas anderes erlebt. In jedem Augenblick wird massenweise ungelebtes Leben produziert, indem man eben genau eine Sache tut und die tausend anderen möglichen nicht. Wer kinderlos bleibt, verpasst die Elternschaft. Wer sich früh bindet und treu bleibt, wird kein wilder Vamp. Wer als Kinderärztin arbeitet, kann nicht das Leben einer Atomphysikerin führen. Eigentlich ganz einfach.
Es gibt Menschen, die sich sehr viele Gedanken über ihr ungelebtes Leben machen. Hätte ich doch nur… Wäre es nicht besser gewesen… Sollte ich nicht vielleicht doch… Diese Menschen zaudern und quälen sich damit, dass sie sich etwas verbaut haben. Dass sie alles falsch gemacht haben. Dass sie etwas verpassen. Sie haben enorme Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und sich festzulegen.
Nun, es macht sicher Sinn, ab und an zu überdenken, welchen Weg man im Leben gerade geht und zu prüfen, ob man sich auf diesem wohl fühlt und er noch der richtige ist. Tragisch wird es, wenn die Gedanken an das ungelebte Leben das tatsächliche Leben überdecken. Wenn man sich gar nicht mehr mit dem auseinandersetzt, was man gerade tut, sondern nur noch Energie für das Ungelebte hat. Dann hat man genau genommen gar kein Leben mehr. Wie schade!
Es macht keinen Sinn, ständig zu grübeln, was man denn so vieles andere hätte tun können. Macht euch lieber Gedanken über das, was ihr tatsächlich tut. Und versucht zu ändern, was euch nicht gefällt. Aber immer von dem Punkt aus, an dem ihr euch gerade befindet. Weint nicht vergangenen Chancen hinterher, ihr erkennt durch den Tränendunst nicht mehr die Möglichkeiten, die sich jetzt bieten!
Habt keine Angst vor ungelebtem Leben, ihr produziert es immer, egal was ihr tut. Freut euch lieber an dem Leben, das ihr wirklich lebt. Und nutzt es gut.
Wie wahr, wie wahr… Ich denke auch ab und zu über sowas nach, sollte man wirklich nicht zu oft tun. Den Blick nach vorn richten ist da schon besser, abgesehen von schönen Erinnerungen. 🙂
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Ich finde es so schön, dass mich Deine Aufmunterung der Woche (25/2024) zu diesem Eintrag geführt hat. Dieser trifft für mich auch genau die Stimmung des Gedichts „The road not taken“. Biographisch ist es eine unerwartete Verknüpfung in Deine Vergangenheit, als wir uns noch gar nicht kannten, und sprachlich finde ich es sehr gelungen, dass Du den Titel im letzten Absatz aufgreifst. Eine eindringliche, ermutigende Beschwörung. Liebe Grüße Hanna
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Oh, liebe Hanna, vielen lieben Dank für deinen wunderbaren Kommentar!
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