Alt und ein bisschen weise?

Landläufig herrscht die Meinung, man würde mit zunehmendem Alter und Erfahrung immer besser wissen, wie’s im Leben läuft und wohin man so will. Und ja, für einige Lebensbereiche kann ich das bestätigen, z.B. beruflich. Ich habe das Gefühl, mich weiterzuentwickeln. Ich kann mehr, weiß mehr, schaffe mehr, bekomme mehr als vor ein paar Jahren. 

Auf dem Gebiet meiner Liebesbeziehungen kann ich eine solche Entwicklungstendenz allerdings nicht feststellen. Im Gegenteil – je älter ich werde umso weniger weiß ich, was ich will, woran ich bin und was das alles überhaupt soll. Während ich vor 10 Jahren Jeden mit ehrlichem Blick in die Augen angestrahlt habe, dass ich längst meinen Mann fürs Leben gefunden habe, kann ich heute noch nicht einmal mehr sagen, ob ich einen Mann fürs Leben haben will. 

Gerade ruft eine Stimme in mir: Natürlich willst du das und der Richtige wird auch kommen, du musst nur dran glauben und dich auch endlich mal entsprechend aufführen! Ja, diese Stimme ist beizeiten kräftig und laut. Doch spätestens wenn ich mich in einer Bar oder Diskothek aufhalte oder wenn sich ein schon fast in Vergessenheit geratener Flirt unerwartet meldet, hat diese Stimme Sendepause. Nichts Besseres als Single zu sein, tun zu können was man will, keine Rücksicht nehmen zu müssen. Mein Jagdinstinkt killt alle Geborgenheitsbedürfnisse. So lange sich noch die gut aussehenden Typen Mitte 20 für mich interessieren, warum sollte ich mich jetzt schon festlegen? 

Ich habe diesen Zwischendrin-Status in den letzten Jahren beinahe zur Kunstform erhoben: laufe denen hinterher, die fliehen werden. Renn vor denen weg, die bleiben würden. Funktioniert immer wieder. Und an 98 von 100 Tagen geht es mir damit auch gut. An den anderen beiden kommt Panik in mir auf. Oberflächlich gesehen ist es die Panik, keinen mehr abzubekommen, die letzte Single-Frau auf Erden zu sein. Eine Ebene tiefer ist es die Angst der verpassten Gefühle. Wenn man sich nie auf eine Beziehung einlässt, sondern immer bereit zum Absprung bleibt, müssen die Emotionen unter Kontrolle bleiben. Ich kann mich deshalb so schwer auf eine Beziehung einlassen, weil ich Angst davor habe, verletzt und zurückgewiesen zu werden, wenn ich echte Gefühle investiere. 

So dachte ich bisher. Vielleicht stimmt das aber gar nicht. Vielleicht ist es genau umgekehrt. Vielleicht habe ich viel mehr Angst davor, dass in einer Beziehung auch nicht mehr Gefühl aufkommen würde als in den fakultativen Veranstaltungen. Vielleicht kann ich bei den vielen Wechseln sogar mehr fühlen als in einer stetigen Beziehung. 

Die wahre Angst ist die, in einer Beziehung still zu stehen. Meine Offenheit, meine Energie und meine Kreativität im harmonischen Beisammensein zu verlieren. Deshalb fühle ich mich auch hauptsächlich von Männern angezogen, die nicht die Aura des Bausparers haben. Und das sind eben genau die, die keine feste Beziehung wollen. Einige vielleicht auch genau aus diesem Grund. Die „Seriösen“ machen mir Angst. Da fühle ich mich schon versteinert, wenn ich nur in einen Umkreis von 5 Metern gerate. Ich fürchte um die Kraft meines „state of emergency“, so wie ich ihn in Jóga, einem meiner Lieblingslieder von Björk, verstehe. Ich glaube, das ist es in Wirklichkeit. 

Na, schau an, dann bin ich ja doch einen Schritt weiter gekommen. Ich suche also einen Mann, der mir alle Freiheiten lässt, der abenteuerlustig und outgoing ist und der auch mal sein eigenes Ding macht. Der mich aber gleichzeitig unaufhaltsam liebt, mein Wesen schätzt und mir zusätzliche Stärke gibt, dadurch dass ich mich fallen lassen kann und er mich auffängt. Der da ist, wenn ich ihn brauche, und der mir Raum gibt, wenn ich diesen brauche. Und der weiß, wann was der Fall ist. Und für den ich im Gegenzug genau das Gleiche sein und tun kann. 

Fantastisch. Jetzt wo ich weiß, was ich will, kann’s ja nicht mehr so schwer sein! Dumm wäre nur, wenn in der Liebe die gleichen Regeln wie beim Shoppen gelten. Dann werde ich in spätestens drei Monaten mit einem 45jährigen Beamten verheiratet sein, der mich sofort schwängern und hinter den Herd verweisen wird – und es wird mir auch noch gefallen. Prost Mahlzeit! J  

 

2 Antworten zu “Alt und ein bisschen weise?

  1. @letzten Absatz: ich liebe Deinen Humor! 🙂

    Die Frage, ob es DEN Traumpartner, der perfekt paßt und alles das ist was man sich vorstellt, wirklich gibt, würde ich als Pessimist wohl mit nein beantworten. Aber ich bin ja auch nicht unfehlbar und kann mich auch täuschen, laß mich da gern eines besseren belehren. 🙂 Nur wie lange muß man auf den Traumpartner warten bzw. ihn suchen? Gute Frage! Selbst da ist er nicht zu finden: http://www.traumpartner.de

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  2. Hallo meine liebe Michaela,
    ich denke nicht, dass du in einem losen und unverbindlichen Zusammensein glücklich bist. Denn: Wärst du das, würdest du garnicht groß darüber nachdenken sondern einfach leben und genießen. Ich finde eine gewissen Distanz in Liebesdingen kann durchaus erfrischend und belebend sein. Aber:Zu viel Distanz macht unglücklich!
    Nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Die haben schließlich auch Gefühle. (auch wenn sie die meist nicht zeigen können ;)).
    Sei lieb gegrüßt!!

    Eva

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