Monatsarchiv: Oktober 2010

Frau im Bild… ?

Carolas Suche, Teil 1

Beinahe hätte Carola sich die Finger verbrannt. Gerade noch rechtzeitig hatte sie das Streichholz in den Metalleimer fallen lassen, der auf dem Boden ihres kleinen Balkons stand. Interessiert beobachtete sie, wie die Briefe, Fotos, Eintrittskarten und der kleine Stoffhase Feuer fingen. Nun schnell noch die Mischung aus getrocknetem Salbei und Zitronengras darüber gestreut, damit das Reinigungsritual seine volle Wirkung entfalten konnte. So hatte es in Carolas Frauenzeitschrift gestanden, unter der Rubrik „Liebeskummer ade!“

Von einem am Rand schon angekokelten Foto lächelte ihr David entgegen. „Tschüss, Hühnergott… du Arsch“, murmelte Carola. Wenn sich jemand schon „Hühnergott“ nannte, nur weil er als einziger Kerl in der Marketingabteilung arbeitete…

‚Wenn es in Ihrer Beziehung kriselt, dann ist das wie Wetterleuchten. Elektrische Spannung liegt in der Luft und verhindert Harmonie. Sorgen Sie in einer solchen Situation für ein reinigendes Gewitter. Sprechen Sie offen Ihre Bedürfnisse und Wünsche aus. ‘

So hatte es in der Frauenzeitschrift gestanden. Also hatte Carola alles auf den Tisch gebracht, das sie in ihrer Beziehung störte. Dass sie fand, David verbringe am Wochenende zu viel Zeit mit seinen Kumpels. Dass sie mit David sonntags gern mal zum Brunch oder ins Museum gehen würde. Und dass sie gern einen Tanzkurs mit ihm belegen möchte. „Ach, Häschen, es ist doch alles super, wie es ist!“ hatte David geantwortet. Dann hatte er weiter Formel 1 geschaut.

‚Sie dürfen die Probleme in Ihrer Partnerschaft nicht schönreden. Wenn der erste Freudentaumel vorbei ist, wird eine Beziehung zu harter Arbeit. Halten Sie die Leidenschaft am Pulsieren. Überraschen Sie Ihren Partner. Kaufen Sie reizvolle Unterwäsche. Haben Sie keine Scham. ‘

Auch das hatte leider nicht die gewünschte Wirkung gezeigt… David hatte zuerst gedacht, Carola sei krank, als sie ihn am frühen Abend ins Schlafzimmer rief. Als er sie dann in der tiefroten knappen Wäsche sah, war er schon schnell aus seinen Klamotten draußen, aber danach auch genauso schnell wieder drin. „Sorry, Häschen, ich bin doch um Acht mit den Jungs verabredet.“ Carola hatte den Abend dann mit einer großen Salami-Pizza und einem Liter Cola Light vor dem Fernseher verbracht.

‚Hören Sie auf Ihren inneren Klabautermann. Ein Klabautermann ist ein guter Kobold, der auf Segelschiffen durch Klopfen vor Schäden warnt. Wenn Ihr innerer Klabautermann klopft, dann prüfen Sie, ob die Schäden an Ihrer Beziehung noch zu reparieren sind. Wenn nicht, dann ziehen Sie einen klaren Schlussstrich. Das Reinigungsritual auf Seite 43 hilft Ihnen dabei. Leckere und gesunde Rezepte bei Liebeskummer finden Sie ab Seite 61. ‘

Mit der kleinen Schaufel, mit der sie auch die Balkonpflanzen ein- und umtopfte, stocherte Carola in den glimmenden Resten im Eimer. Der Stoffhase war nun ein unförmiger Kohleklumpen, der Rest nur noch Asche. Carola fühlte sich traurig, leer, enttäuscht. Aber irgendwie auch erleichtert. Sie ging hinein ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an. Gleich kam ihre Lieblingsärzteserie. In der Küche holte sie schnell den selbstgemachten Magerquark mit Früchten aus dem Kühlschrank. Aus dem Gewürzregal nahm sie den Vanillezucker.

‚Streuen Sie ein klein wenig Vanillezucker über den Quark, kurz bevor sie ihn genießen. Das macht eine Extraportion gute Laune! ‘

So stand es jedenfalls in der Frauenzeitschrift.

So geht es weiter…

Auf der Terrasse

Kleine Perlen aus Schweiß erschienen auf Herberts Stirn und nacktem Oberkörper. Bald würden sie sich zu größeren Tropfen zusammenfinden. Schließlich würden von der Schwerkraft angetriebene kleine Flüsse entstehen. Spätestens dann würde es Herbert zu heiß werden und er würde aufstehen müssen, um die Markise auszufahren. Doch kein Grund zur Panik, bis dahin war noch Zeit. Noch musste Herbert seinen Liegestuhl nicht verlassen. Entspannt blinzelte er der Sonne entgegen. Diese Ruhe, diese Stille. Herrlich! Es gab doch nichts Schöneres als einen Urlaubstag auf der eigenen Terrasse. Herbert fühlte sich wohl inmitten der fein gepflegten Blumentöpfe und dem selbst gezogenen Gemüse. Für Pflanzen hatte Gerlinde wirklich ein Händchen. Es hieß ja immer, man solle mit seinen Pflanzen sprechen, dann würden sie besonders gut gedeihen.

Da hörte Herbert die Haustür ins Schloss fallen. Eine Sekunde später: „Herbert, ich bin zu Hause!“ Herbert schloss die Augen. „Heerbeert! Wo bist du denn?“ Herbert sank ein Stückchen tiefer in die Polsterauflage. Die Terrassentür knarzte leise, als sie geöffnet wurde. „Ach, hier bist du!“ Gerlinde hatte ihn gefunden. „Ich bin jetzt wieder zu Hause.“ Sie setzte sich auf den Gartenstuhl neben Herberts Liege.

„Ich sag’s dir, Herbert, das ist ja so eine Hitze, und das noch im September. Ich bin auf dem Platz eben beinahe verglüht. Tanja hat mich ganz schön herum gescheucht. Ich sag dir, die hat heimlich Trainingsstunden genommen. Sonst weiß ich nicht, wie sie innerhalb von vier Wochen ihren Aufschlag so präzise gemacht hat. Ich bin ganz schön außer Puste gekommen. Ja, ja, Sport ist Mord, sagst du immer. Aber ich sag dir, ein bisschen Bewegung würde dir auch nicht schaden, mein Guter. Du Herbert, stell dir vor, die Tanja hat schon wieder eine neue Putzfrau. Die alte war einfach nicht gründlich genug, meint die Tanja. Da hätte sie es auch gleich selbst machen können. Die Tanja ist immer nochmal drüber, wenn die dagewesen ist. War eine Russin. Jetzt hat sie eine Thailänderin, die sollen ja so reinlich sein. Na ja, da muss man jetzt erst einmal sehen, wie das läuft. Ich sag dir, Herbert, wir sollten auch nochmal drüber nachdenken, ob wir nicht doch eine Putzhilfe einstellen wollen. Ich hab ja so viel Arbeit mit dem Haus. Was meinst du, Herbert? Herbert? Hörst du mir überhaupt zu?“

Herbert öffnete langsam die Augen und sah Gerlinde an. „Und Herbert, was denkst du?“ Herbert dachte: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Aber er sagte nichts.

„Das Mädchen könnte ja auch in der Küche zur Hand gehen, zum Beispiel, wenn wir Gäste haben. Ich wäre viel entspannter, wenn nicht alle Last auf meinen Schultern wäre. Ich sag dir, Herbert, das ist immer so ein Stress für mich.“

Herberts Blick schweifte über die blühenden Geranien, die Knospen der Astern und blieb an den ersten reifen Kirschtomaten hängen. Sie waren in Herberts Reichweite.

„Weißt du noch, als deine Geschäftspartner aus Österreich vor ein paar Monaten hier waren? Ich stand schon Tage zuvor in der Küche und an dem Abend hatte ich keine ruhige Sekunde. Du bist bei so etwas ja auch gar keine Hilfe. Genauso war es dama…“

Eine appetitlich rote Kirschtomate hatte den Redestrom gestoppt.

„Wozu Tomaten doch gut sein können“, dachte Herbert und schloss wieder die Augen.