Auf der Terrasse

Kleine Perlen aus Schweiß erschienen auf Herberts Stirn und nacktem Oberkörper. Bald würden sie sich zu größeren Tropfen zusammenfinden. Schließlich würden von der Schwerkraft angetriebene kleine Flüsse entstehen. Spätestens dann würde es Herbert zu heiß werden und er würde aufstehen müssen, um die Markise auszufahren. Doch kein Grund zur Panik, bis dahin war noch Zeit. Noch musste Herbert seinen Liegestuhl nicht verlassen. Entspannt blinzelte er der Sonne entgegen. Diese Ruhe, diese Stille. Herrlich! Es gab doch nichts Schöneres als einen Urlaubstag auf der eigenen Terrasse. Herbert fühlte sich wohl inmitten der fein gepflegten Blumentöpfe und dem selbst gezogenen Gemüse. Für Pflanzen hatte Gerlinde wirklich ein Händchen. Es hieß ja immer, man solle mit seinen Pflanzen sprechen, dann würden sie besonders gut gedeihen.

Da hörte Herbert die Haustür ins Schloss fallen. Eine Sekunde später: „Herbert, ich bin zu Hause!“ Herbert schloss die Augen. „Heerbeert! Wo bist du denn?“ Herbert sank ein Stückchen tiefer in die Polsterauflage. Die Terrassentür knarzte leise, als sie geöffnet wurde. „Ach, hier bist du!“ Gerlinde hatte ihn gefunden. „Ich bin jetzt wieder zu Hause.“ Sie setzte sich auf den Gartenstuhl neben Herberts Liege.

„Ich sag’s dir, Herbert, das ist ja so eine Hitze, und das noch im September. Ich bin auf dem Platz eben beinahe verglüht. Tanja hat mich ganz schön herum gescheucht. Ich sag dir, die hat heimlich Trainingsstunden genommen. Sonst weiß ich nicht, wie sie innerhalb von vier Wochen ihren Aufschlag so präzise gemacht hat. Ich bin ganz schön außer Puste gekommen. Ja, ja, Sport ist Mord, sagst du immer. Aber ich sag dir, ein bisschen Bewegung würde dir auch nicht schaden, mein Guter. Du Herbert, stell dir vor, die Tanja hat schon wieder eine neue Putzfrau. Die alte war einfach nicht gründlich genug, meint die Tanja. Da hätte sie es auch gleich selbst machen können. Die Tanja ist immer nochmal drüber, wenn die dagewesen ist. War eine Russin. Jetzt hat sie eine Thailänderin, die sollen ja so reinlich sein. Na ja, da muss man jetzt erst einmal sehen, wie das läuft. Ich sag dir, Herbert, wir sollten auch nochmal drüber nachdenken, ob wir nicht doch eine Putzhilfe einstellen wollen. Ich hab ja so viel Arbeit mit dem Haus. Was meinst du, Herbert? Herbert? Hörst du mir überhaupt zu?“

Herbert öffnete langsam die Augen und sah Gerlinde an. „Und Herbert, was denkst du?“ Herbert dachte: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Aber er sagte nichts.

„Das Mädchen könnte ja auch in der Küche zur Hand gehen, zum Beispiel, wenn wir Gäste haben. Ich wäre viel entspannter, wenn nicht alle Last auf meinen Schultern wäre. Ich sag dir, Herbert, das ist immer so ein Stress für mich.“

Herberts Blick schweifte über die blühenden Geranien, die Knospen der Astern und blieb an den ersten reifen Kirschtomaten hängen. Sie waren in Herberts Reichweite.

„Weißt du noch, als deine Geschäftspartner aus Österreich vor ein paar Monaten hier waren? Ich stand schon Tage zuvor in der Küche und an dem Abend hatte ich keine ruhige Sekunde. Du bist bei so etwas ja auch gar keine Hilfe. Genauso war es dama…“

Eine appetitlich rote Kirschtomate hatte den Redestrom gestoppt.

„Wozu Tomaten doch gut sein können“, dachte Herbert und schloss wieder die Augen.

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