Monatsarchiv: September 2010

Da lag er nun

Da lag er nun also vor ihr auf dem Tisch. Nur mit Mühe hatte sie ihn vom Finger bekommen. Dabei hatte sie ihn gar nicht lange getragen, gerade einmal sechs Monate.

Sie betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum allerersten Mal. Ein schmales Band aus Platin, ein nicht eben kleiner, aber auch nicht zu protziger Diamant, kunstvoll gefasst.

Überglücklich war sie, als Robert ihr den Ring vor einem halben Jahr angesteckt hatte, Momente nachdem sie auf die Frage aller Fragen mit „Ja“ geantwortet hatte. Ihre Freundinnen bewunderten den Verlobungsring und ihr war klar, dass einige neidisch waren; ihr die gute Partie missgönnten.

„Eine angesehene Familie ist das, in die du da einheiratest, mein Kind, eine sehr angesehene Familie“, hatte ihr Onkel Egon stolz verkündet, als sie ihm den Ring zeigte.

Ja, eine angesehene Familie. Mit Stil, mit Tradition, mit Regeln. Die Bemerkungen von Roberts Mutter hatte sie zuerst nicht allzu ernst genommen. Doch dann, vor gut zwei Wochen, hatte sie am Sonntagnachmittag beim Tee erwähnt, dass sie sich nun mit ihrem Doktorvater auf das genaue Thema ihrer Dissertation geeinigt hatte.

Sie sah den Blick, den Roberts Mutter ihm zuwarf. „Aber meine Liebe , wozu das noch? Bald werden deine anderen Pflichten dich vollkommen ausfüllen. Sicher haben Robert und du das bereits abschließend besprochen.“

Sie war sprachlos gewesen. Robert hatte seine Mutter mit unverfänglicher Zustimmung beruhigt. Mehrmals hatte sie danach versucht, mit Robert über das Thema zu sprechen. Immer hatte er abgeblockt, sie vertröstet. Das werde sich schon alles finden, wenn sie erst einmal Mann und Frau seien.

Lange hatte sie mit sich gerungen. Ihr Vertrauen zu Robert hatte den Kampf verloren. Beherzt nahm sie den Ring, ging hinüber zum Fenster und öffnete es. Straßenlärm drang in den sechsten Stock herauf. Sie spürte den Ring in ihrer geschlossenen Hand. Dann holte sie aus. Als sie ihn aus dem Fenster geworfen hatte, ging es ihr besser.

Doch das war erst der Anfang. Sie musste mit Robert sprechen. Sie ging zum Telefon.

Ihre Hand war ruhig, als sie nach dem Hörer griff.

Orient für Anfänger: Eindrücke aus Istanbul

Blick zum Galataviertel

Kurzurlaub Anfang September…

Es ist laut und lärmig, betriebsam, geschäftig, gedrängelt. Eine wundersame Ordnung hält jedoch alles im Fluss.

Düfte und Gerüche überall, bei jedem Schritt ein anderer: Menschen mit und ohne Parfüm, Gewürze, Gebratenes und Gegrilltes, Obst, Tee, Kaffee, Autoabgase, Dreck, der Bosporus.

Große Einkaufsstraßen und steile alte Gassen, prächtige Fassaden neben abbruchreifen Bauten. Leckeres Essen, auch authentisches, es gilt das Sprichwort mit den Römern in Rom. Der türkische Kaffee ein würdiger Abschluss eines jeden Mahls.

Vorsicht, nicht im Wirrwarr des Basars verloren gehen und nicht lauter Dinge kaufen, die du nicht brauchst, obwohl sie schön aussehen oder gut riechen.

Unvertraute und deshalb märchenhafte Geschichte, Paläste aus Tausendundeiner Nacht, bunt, üppig, anders, faszinierend, wunderschön.

vor der MoscheeMein erster Schritt in eine Moschee hinein, mit nackten Füßen, das gefällt mir. Ich spüre eine ehrfürchtige Ruhe in mir, wie auch in großen christlichen Kirchen. Vieles ist hier anders als im Christentum, aber ich sehe auch Ähnlichkeiten – gute wie schlechte.

Was noch? Geschäftstüchtige Schirmverkäufer und Bootsbesitzer; Mengen an gepflegt und gesund wirkenden Straßenkatzen; die freundliche Frau im Bäckerladen, die einmal mehr beweist, dass Sympathie keine Worte braucht.

Gerne komme ich einmal wieder.