Mittendrin (Schau mal, Schatz – Episode 3)

„Jetzt schmeiß‘ ich den Krempel gleich aus dem Fenster!“, rufe ich und knalle den halbleeren Aktenordner auf den Boden. Der Aufprall wird durch die vielen Blätter gedämpft, die sich zuvor gelöst haben.

Christian kommt aus dem Wohnzimmer angelaufen, wo er gerade seine Flohmarktschätze für den Umzug verpackt. Ein Blick genügt und er weiß, was los ist. Lächelnd bahnt er sich seinen Weg durch das Chaos offen stehender Kartons, schief gestapelter Bücher und diverser Haufen aus Kleinkram.

„Mein Schatz, was zürnst du?“ Sanft küsst er mich auf die Wange. „Warum zerfledderst du deine Unterlagen?“

Dankbar schmiege ich mich an ihn. „Ich mag nicht mehr. Der Umzug ist abgesagt!“

Christian lacht: „Meine Oma hatte früher eine Ofenbank. Tannengrün, mit bestickten Kissen. Da hat sie alles hineingeworfen, was ihr im Weg herumlag. So was kaufen wir dir für die neue Wohnung auch.“

Sein Grinsen ist unverschämt und ich ergebe mich. „Ach, du! … So viele Sachen, so viel Arbeit. Dann noch die Renovierung und der Papierkram. Und die versteckten Fallgruben, von denen wir nicht einmal ahnen…“

„Wir machen das wie in der griechischen Sage. Am Bindfaden entlang finden wir aus dem Labyrinth.“

Ich lächele ihn an.

„Ich mach dann mal weiter“, sagt Christian und geht wieder zu seinen Kostbarkeiten. Ich klaube die verstreuten Dokumente zusammen, geduldig eins nach dem anderen.

Dann: Ein dumpfer Schlag aus dem Wohnzimmer, gefolgt von Rumpeln und lautem Fluchen. Ich laufe hinüber. Ein Umzugskarton ist beim Hochheben unten aufgeplatzt. Auf dem Parkett liegen die kupferne Bettflasche, der bronzene Amor und andere Schmuckstücke. Glücklicherweise unbeschädigt, weil sorgsam in Folie verpackt. Christians Donnerworte hängen noch in der Luft.

„Jetzt hab ich auch keine Lust mehr!“, sagt er.

„Wir brauchen eine Stärkung“, entscheide ich und gehe in die Küche, die noch weitgehend einsatzbereit ist. Mit zwei Schälchen Joghurt, in den ich herrlich reife Brombeeren vermantscht habe, komme ich zurück. Erschöpft hockt Christian auf dem Boden, eine kleine Replik der Nike von Samothrake in Händen.

Ich setze mich neben ihn. „Hier, iss das mal.“

„Mmh, lecker.“ Christians Lächeln kehrt zurück. „Die schmecken fast so gut wie die Maulbeeren letztes Jahr im Urlaub, weißt du noch?“

Entspannt nicke ich. „Vielleicht gibt es ja Maulbeerbäumchen im Topf für den Balkon. Das wär doch was.“ Ich lege meinen Kopf an Christians Schulter.

„Ja, das wär was“, träumt Christian.

Wenn Christian und ich zusammenlegen, ist unsere Geduld fast engelsgleich.

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