Die Haare kommen zu Wort

Lang, glatt, mittelbraun. So sind wir heute und so waren wir die meiste Zeit.
Als kleines Mädchen trug sie uns oft zu einem Pferdeschwanz gebunden. Seltener auch geflochten als Zopf. Von Läusen blieben wir zum Glück verschont. Vielleicht, weil sie schon als Kind gerne für sich war – anstatt andauernd die Köpfe mit Allen und Jedem zusammen zu stecken.

Später die Pubertät. Immer kürzer wurden wir. Sie wollte, dass wir zu Berge stehen. Gut, Stoppelfrisuren waren in Mode, aber wir glauben, sie brauchte uns als Spiegel für das Chaos, die Achterbahn, die Verwirrung in ihrem Kopf.

Dann kam die Wende. In Form einer Dauerwelle. Wir wurden wieder länger. Und wir wurden getönt. Dezent, immerhin. Mahagoni war der Favorit. Die viele Chemie ließen wir klaglos über uns ergehen. Denn wir waren sicher: Das kann nur eine Phase sein. Und so war es auch.

Während des Studiums besann sie sich und kehrte zum Ursprung zurück: Lang, glatt, mittelbraun. So sind wir bis heute. Sie pflegt uns gut und sie schätzt uns sehr, das spüren wir jeden Tag.

Seit einiger Zeit fragt sie sich, wann wir wohl anfangen, grau zu werden. Sie denkt darüber nach, was sie dann tun wird. Färben oder nicht, das wird sie sein, die Frage. Nun, wir wissen, wann es soweit sein wird. Aber wir werden es ihr nicht verraten.

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