Der Schokoladenkuchen

An seiner Sündermiene erkannte sie sofort: Er war wieder bei ihr gewesen. Gleich würde er sich überschwänglich entschuldigen für sein spätes Heimkommen, der liebestolle Hengst! Wieder so viel Arbeit. Die wichtige Präsentation hatte noch vorbereitet werden müssen. Oder die Auswertung der Quartalszahlen. Oder der Management Report. Oder, oder, oder.

Er hängte seinen Mantel an die Garderobe, kam zu ihr in die Küche und küsste sie flüchtig auf die Wange. „Schätzchen, es tut mir so leid, dass ich so spät nach Hause komme. Du weißt ja, Quartalsende. Der Chef brauchte unbedingt noch die Zahlen für die Telko mit den Koreanern morgen früh.“

Sie nickte nur und strich den Zuckerguss auf dem Schokoladenkuchen glatt. Schokoladenkuchen mochte er am liebsten.

„Du hast ja gebacken, mein Schätzchen! Ach, du bist die Beste!“ Er umarmte sie, zog sie an sich und küsste sie auf den Mund. Sie ließ es geschehen. Sie schaffte es sogar, ihn anzulächeln, als er sie wieder losließ, obwohl die Haare seines Schnauzbartes, den er seit ein paar Wochen trug, sie unangenehm stachen.

Sie fand, er sah albern aus mit dem Bart. Ob er der anderen gefiel? Vielleicht mochte die andere das Piksen. Sie stellte sich die beiden vor, wie sie sich im Bett wälzten, wie die andere sich an ihrem Mann rieb, erregt von seinem dornigen Schnauzer. Sie wischte das Bild weg.

„Möchtest du ein Stück?“ fragte sie.

Seine Augen leuchteten.

Sie schnitt ein dickes Stück Kuchen ab und reichte es ihm auf einem Teller.

Er strahlte.

Während er den noch warmen Kuchen verschlang, ging sie in Gedanken die Zutaten durch, um sicher zu gehen, dass sie nichts vergessen hatte: Mehl, Zucker, Butter, Ei, Kakao. Dann: Ein Schluck Regenwasser, zwei Tropfen Menschenblut und drei Haare einer schwarzen Katze. Und selbstverständlich die Kräutermischung, die die Alte ihr gegeben hatte. „Wahrsagen und Zauberei“ hatte über dem Eingang ihres Zeltes gestanden, das ganz hinten auf dem Jahrmarkt aufgebaut gewesen war.

„Kann ich noch eins?“ fragte er mit Hundeblick.

„Natürlich“, sagte sie und reichte ihm ein zweites Stück, das er ebenso schnell aß wie das erste.

Sie schaute auf die Uhr. Fünfzehn Minuten werde es dauern, bis der Verwandlungszauber wirke, hatte die Alte gesagt. Sie musste ihn jetzt bald nach draußen locken. Schließlich wollte sie nicht, dass ein schnauzbärtiger Hengst wild wiehernd durch die Wohnung wütete.

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