Monatsarchiv: Dezember 2016

Kalenderspruch der Woche (52/2016)

A winter’s carol, first song of the robin
The sun is reborn from the starry heavens
A winter’s carol echoes, sound of wonder
And I can hear it
Tori Amos, Winter’s Carol

Noch spürt man es nicht wirklich, aber das Licht wurde mit der Wintersonnwende wiedergeboren. Willkommen!

Das Geschenk – Ein Weihnachtsdialog

Helmut schenkt seinem besten Freund Klaus zu Weihnachten ein Paar Schlittschuhe. Gespannt beobachtet Helmut, wie Klaus sein Geschenk öffnet. Für die Leser des folgenden Dialogs ist es wichtig zu wissen, dass sowohl Helmut als auch Klaus im Rollstuhl sitzen.

Helmut: Na, was sagst du?

Klaus: Was ich sage?

H: Ja, was sagst du zu meinem Geschenk?

K: Spinnst du!?! – Das sag ich.

H: Was? Wieso?

K: Wieso? Du schenkst mir Schlittschuhe zu Weihnachten!

H: Na, bis zu deinem Geburtstag wollte ich nicht warten…

K: Bist du jetzt auch noch blind? Ich sitze im Rollstuhl, genau wie du! Was soll ich mit Schlittschuhen?

H: Klaus, du verstehst nicht…

K: Oh, doch, ich verstehe sehr gut. Das ist einer deiner dämlichen Scherze, du Idiot!

H: Nein, nein, Klaus, so ist das nicht…

K: Ach, nein? Wie ist es denn dann?

H: Schau doch mal genauer hin!

K: Ganz schön abgenutzt sind die Dinger. Klar, für einen Lahmen tut’s auch Second Hand!

H: Klaus, schau genau hin.

K: Da hat auch noch jemand was drauf geschmiert…

H: Ja, genau.

K: Da steht was geschrieben…

H: Ja, genau! Lies, was da steht!

K: Da steht: N… Na… Nadel… Sch… Schwamm. Nadelschwamm. Und darunter: I.. Ig… Igor. Noch was. Eine Zahl… 1982. Nadelschwamm Igor 1982. Na und?

H: Ach, Klaus, ich glaube, du bist der Blinde! Da steht: Norbert Schramm, Lyon, 1982.

K: Und?

H: Du kapierst auch gar nichts! In den Schuhen hat Norbert Schramm 1982 in Lyon die Europameisterschaft im Eiskunstlauf gewonnen! Und dann hat er die Schuhe signiert.

K: Echt? Das wäre ja ein Ding!

H: Das ist ein Ding! Die sind echt!

K: Und wie kommst du da ran?

H: Ha! Pass auf! Mein Schwager macht doch diese Wohnungsauflösungen. Letzte Woche war er bei einer alten Dame. Demenz. Keine Familie. Muss ins Heim. Auf deren Dachboden lagen die Schuhe, sorgfältig verpackt in einem festen Karton. Mein Schwager hat die Unterschrift nicht gesehen. Er wollte die Schuhe seinem Sohn geben, aber dem sind sie zu klein. Ich hab die Signatur sofort erkannt und hab die Schuhe meinem Schwager abgeschwatzt. Der Gute hat sich zwar gewundert, aber nicht weiter nachgefragt.

K: Und du bist sicher, die sind echt?

H: Todsicher. Ich hab recherchiert. Die alte Dame war damals die Haushälterin von dem Schramm. Er wird ihr die Schuhe wohl geschenkt haben. Klaus, wenn wir die Schuhe bei E-Bay verticken, sind wir gemachte Leute!

K: Meinst du, das Geld reicht für…

H: Na, zumindest für die Miete im ersten Jahr!

K: Dann können wir endlich das Yoga-Studio auf Gomera eröffnen!

H: Genauso ist es, Klaus. Na, was sagst du jetzt zu meinem Geschenk?

K: Mensch, Helmut! – Ich hol den Sekt!

Kalenderspruch der Woche (51/2016)

Alle Jahre wieder
Kommt das Christuskind
Auf die Erde nieder,
Wo wir Menschen sind.
Wilhelm Hey (1789 – 1854)

Wenn das Christuskind inzwischen keine Lust mehr hätte, auf die Erde zu kommen… Wer könnte es ihm verdenken?
Andererseits: Vielleicht sollte es gerade jetzt kommen, sich mit seinen Kollegen der anderen Religionen treffen und mit ihnen beraten, wie sie es anstellen können, dass sich die Menschen ihretwegen nicht mehr gegenseitig umbringen. Das wäre was!

Kalenderspruch der Woche (50/2016)

EMMA beugt sich weder dem Mainstream noch der Political Correctness.
Alice Schwarzer, in: EMMA, Ausgabe 1/17 (Nr. 330), 40 Jahre EMMA

Wer glaubt, Emma sei männerfeindlich und humorlos, sollte sie lesen.
Wer glaubt, Emma sei rassistisch, sollte sie lesen.
Und wer glaubt, ihre Themen seien überholt und Emma heutzutage doch gar nicht mehr nötig, sollte sie ganz dringend lesen.

www.emma.de

Gedanken zum 3. Advent: Erinnerung an eine Schulfreundin

Mit zwölf, dreizehn Jahren war ich gut mit einem Mädchen aus meiner Schulklasse befreundet. Sie hieß Jennifer. Es war leicht, Jennifer zu mögen. Sie lachte viel, war freundlich und ehrlich. Alle fanden sie süß, wahrscheinlich auch, weil sie die Kleinste in der Klasse war.

Ich mochte Jennifer sehr und insgeheim beneidete ich sie ein wenig. Ihre Eltern besaßen eine mittelständische Firma und waren dadurch recht wohlhabend. Die Familie wohnte in einem großen Haus mit riesigem Garten samt Teich, einem Partykeller und eigener Sauna. Jennifer hatte tolle Klamotten und die neuesten Schallplatten. Ihre Eltern erlaubten viel und waren immer zuvorkommend. Sie stellten ihren Wohlstand nicht zur Schau, sie genossen ihn und ließen andere teilhaben.

Manchmal hätte ich gerne mit Jennifer getauscht.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Lange dachte ich nicht an Jennifer. Dann, gegen Ende des Studiums, die Nachricht: Jennifer ist tot.

Ich erfuhr, dass sie schon mehrere Jahre an Krebs erkrankt gewesen war. Teure Therapien in Europa und den USA hatten ihr nicht helfen können.

Zu ihrer Beerdigung kamen sehr viele Menschen. Es passten gar nicht alle in die Kirche. Als sie Jennifers Sarg an mir vorbei zum Grab trugen, weinte ich. Ich weinte aus Trauer um Jennifer. Ich weinte aber auch, weil mich die Erkenntnis packte, dass genauso gut ich in diesem Sarg liegen könnte.

Seitdem bin ich kaum mehr neidisch und tauschen möchte ich mit niemandem.

Kalenderspruch der Woche (49/2016)

Heute mit einer Kürzestgeschichte von Lydia Davis.

Special
We know we are very special. Yet we keep trying to find out in what way: not this way, not that way, then what way?
Lydia Davis (in: The Collected Stories of Lydia Davis, Penguin Books, 2013)

Kalenderspruch der Woche (48/2016)

Große Zeit ist es immer nur, wenn’s beinah schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ›Jetzt ist alles vorbei.‹
Theodor Fontane (aus: Der Stechlin)

Leben wir in großer Zeit?
Und was, wenn’s nicht nur beinah, sondern wirklich schief geht?