Beim Abteilungsleiter

Als Katja an seine schwere Bürotür klopfte, war sie noch ganz ruhig. Angespannt, ja, aber nicht aufgebracht. Sachlich wollte sie bleiben. Die Worte hatte sie sich vorbereitet. Sie musste nur ruhig und sachlich bleiben, dann würde alles gut gehen. Nach seinem „Herein“ betrat sie das Büro des Abteilungsleiters.

„Ah, Frau Schneider. Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Sie wollten mich sprechen?“

Katja nickte, setzte sich, rückte den Stuhl zurecht, richtete sich auf. Sie schaute in sein Mondgesicht, Stirn und Kinn blass glänzend, die Nase gerötet. Creme für Mischhaut und weniger Bier, schoss ihr durch den Kopf.

„Frau Schneider, wie kann ich helfen?“, fragte er.

Katja holte noch einmal tief Luft. „Die Beförderung zum Teamleiter. Ich dachte, die würde an mich gehen. So hatte ich Sie bei unserem letzten Personalgespräch verstanden. Und nun haben Sie Herrn Fischer den Posten gegeben.“

Der Abteilungsleiter schwieg und starrte auf einen leeren Notizzettel vor sich, den er zwischen den Fingern drehte.

Mit fester Stimme fragte sie: „Warum bin ich übergangen worden?“

„Frau Schneider, Sie sind doch nicht übergangen worden. Fischer wartet schon viel länger als Sie.“

„Er ist aber erst ein Jahr nach mir in die Abteilung gekommen! Und er hat deutlich weniger Erfahrung als ich!“ Katjas Herz schlug jetzt schnell, ihre Stimme zitterte.

„Die Entscheidung wurde faktenbasiert und in Abstimmung mit der Geschäftsleitung getroffen. Fischer ist ein sehr guter Mann.“

„Ein sehr guter Mann? Seinen neugierigen Rüssel steckt er überall hinein, schmeichelt sich ein, hört die Kollegen aus und nützt alles zu seinem persönlichen Vorteil!“

Sie hatte geschrien, war aufgesprungen und hatte dabei beinahe ihren Stuhl umgeworfen. Ihre Schläfen pochten. Oh nein, dachte sie, jetzt wird es wieder passieren. Kraftlos sank sie in den Stuhl zurück.

Noch bevor der Abteilungsleiter antworten konnte, hüpfte ein dicker Zwerg unter dem Schreibtisch hervor. Das filzige Haar strohgelb, Hemd und Hose ebenso. In der Hand hielt er einen Holzknüppel, fast so groß wie er selbst. Ungläubig musterte der Abteilungsleiter den gelben Zwerg, der breitbeinig vor ihm auf seinem Schreibtisch stand. Katja schloss die Augen. Sie hörte einen dumpfen Schlag, ein Stöhnen, noch einen Schlag, einen dritten und vierten, das Knacken von Knochen. Dann wurde es still. Katja hielt die Augen geschlossen. Sie hörte den Zwerg sagen: Vergiss nicht, das Fenster zu öffnen, damit die Krähen den Schlamassel aufräumen können.

„Ich weiß“, sagte Katja leise, fast flüsternd. Sie wartete noch einen Moment, bis sie sicher sein konnte, dass der Zwerg verschwunden war. Sie öffnete die Augen, vermied den Blick zum Schreibtisch, ging seitlich daran vorbei zum Fenster und öffnete es weit. Katja hörte schon das raue Rufen der Krähen. Viele waren sie, mindestens ein Dutzend.

Den Blick weiter vom Schreibtisch abgewandt, ging sie zur Bürotür, öffnete sie gerade so weit, dass sie hinausschlüpfen konnte und schloss die Tür fest hinter sich zu.

Als sie an der Sekretärin vorbei ging, war Katjas Blick leer geradeaus gerichtet. Mit tonloser Stimme sagte sie: „Der Chef möchte nicht gestört werden.“

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