Der Weg

Ich bin an einem dunklen Ort. Vorsichtig strecke ich meine Arme aus. Rechts, links und über mir fühlen meine Hände kalten, feuchten Stein. Ich fröstele. Vor mir scheint ein schmaler Gang zu liegen und langsam und achtsam beginne ich zu gehen. Die Decke ist niedrig, ich gehe gebückt, die Enge lässt mein Herz schnell schlagen.

Kein Geräusch ist zu hören, noch nicht einmal mein eigener Schritt auf dem steinigen Grund. Die Luft ist kühl und frisch, mein Atem wird tiefer. Der Gang ist kurvig und führt nach unten, weiter in die Tiefe. Ich wähle meine Schritte mit Bedacht, meine Hände tasten nach dem Weg und geben mir gleichzeitig Halt beim Gehen.

Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich glaube nun den Verlauf des Ganges – wenn auch nicht wirklich zu sehen – zumindest sehend zu erahnen. Die Decke ist jetzt ein Stück höher, ich kann aufrecht gehen. Immer tiefer führt der Weg, immer weiter nach unten. Mein Schritt wird sicherer, mein Herzschlag ruhig. Der Gang nimmt eine letzte Kurve, dann öffnet sich eine große Halle vor mir.

Staunend betrete ich sie. Wundersam gewachsene Steine hängen von der Decke, viel zu hoch als dass ich sie berühren könnte. Ich gehe weiter in die Halle hinein, sehe mich um, drehe mich, von irgendwoher dringt ein schwaches Licht. Ich höre ein Tropfen, ein sachtes, stetiges Tropfen. Ich gehe dahin, woher das Tropfen kommt. Ein See. Ein sehr kleiner See liegt an einem Ende der riesigen Halle. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt, obwohl an mehreren Stellen dicke Tropfen von oben darauf fallen.

Ich hocke mich hin und beuge mich über die Wasseroberfläche. Tiefschwarz. Mit einer Hand berühre ich das Wasser. Eiskalt ist es. Als ich die Hand zurückziehe, sehe ich mein eigenes Spiegelbild im Wasser. Als Kind sehe ich mich, als junge Frau, so, wie ich jetzt bin und dann ein faltiges Gesicht umrahmt von weißem Haar. Auch das bin ich. Mein altes Ich lächelt mich an.

Schön, dass du gekommen bist, höre ich meine Stimme. Habe ich gesprochen? Die Worte hallen nach, dann wird es wieder still, das Wasser schwarz. Mir ist nun angenehm warm, trotz der kühlen Luft. Ich fühle mich sicher, geborgen. Dennoch weiß ich: Ich muss weiter.

Da glaube ich, ein Vogelzwitschern zu hören. Sehr, sehr leise und entfernt, aber doch, es ist da. Ich stehe auf, drehe mich um. Sehe weit hinten einen Lichtpunkt. Ich gehe darauf zu, der helle Punkt wird größer, das Zwitschern deutlicher.

Das Licht wird immer heller und nach wenigen Schritten stehe ich im Sonnenschein. Ich schließe die Augen, blinzele, bis meine Augen mit der Helligkeit zurechtkommen. Um mich herum ein lichter, grün leuchtender Wald, Vögel singen, Blätter rauschen sanft. Ich wende meinen Blick zurück, nehme mir Zeit, um mir die Stelle gut einzuprägen. Ich sage: Auf Wiedersehen, und gehe auf dem Weg weiter, der vor mir liegt.

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