Lydia Davis, 1947 in Massachusetts geboren, ist eine Meisterin der kurzen Prosa. Ihre kürzesten Texte sind gerade mal eine Zeile lang; dann handelt es sich um Flash Fiction (oder Kürzestgeschichten im Deutschen).
Davis wirft schonungslose Blicke auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, zwischen Eltern und (erwachsenen) Kindern und von Frauen zu sich selbst. Diese Blicke enthalten oft eine stattliche Portion Neurotizismus und Depressivität, aber kaum ein Augenzwinkern. Wohl deswegen war es keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Davis‘ Texten und mir. Ihre Storys wären mit Ironie und Humor natürlich spaßiger und angenehmer für die Lesenden. Aber ganz offensichtlich sollen sie das nicht sein. Davis analysiert und formuliert messerscharf. Man sollte gut gelaunt sein, wenn man Lydia Davis liest – dann sind ihre Texte ein bissiges Vergnügen.
Hinter uns liegen 61 Postkarten, mit denen wir durch Raum und Zeit gereist sind. 2021 tauchen wir in die Welt der Wörter ein, und auch diese werden uns durch Raum und Zeit tragen. Jede Woche treffen wir eine Autorin, deren Werk oder Persönlichkeit mich berühren, bewegen, beeindrucken. Ein Schlaglicht wird geworfen, mal auf ein einzelnes, für mich wichtiges Buch, mal auf außergewöhnliche Eigenschaften oder Lebensumstände der Schreibenden.
Wir beginnen mit Marion Zimmer Bradley (1930-1999), der Autorin von „The Mists of Avalon“. Die Artus-Saga, aus Sicht der Frauenfiguren erzählt, erschien 1982. Ich habe es 2001 gelesen und ich bin ganz und gar eingetaucht in diese Welt voller Magie und Zauberei; eine Welt der Zwänge und Gefahren, denen es zu trotzen gilt; eine Welt im Wandel, in der die alten Götter, die keltischen, an Einfluss verlieren und die neue Religion, das Christentum, immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Das Buch hat zwei Grundthemen: die Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung und in Zusammenhang damit die kritische Auseinandersetzung mit Religion. 2001 waren diese Themen für mich sehr bedeutsam. Im März 2001 startete ich ins Berufsleben, wurde Teil eines Teams, brachte meine Leistung ein und hatte zum ersten Mal mehr Geld als ich brauchte. All das verschaffte mir ein wunderbares Gefühl von Eigenständigkeit (das übrigens bis heute anhält). Zur gleichen Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass die katholische Religion bei zu vielen Themen meinen persönlichen Überzeugungen widerspricht, vor allem hinsichtlich Rollen und Rechten von Frauen sowie Sexualität. Ich bin aus der Kirche ausgetreten und wurde stattdessen UNICEF-Patin.
Die Nebel von Avalon kamen 2001 für mich genau zur richtigen Zeit. Danke, Marion Zimmer Bradley!