Tagesarchiv: 25. September 2010

Da lag er nun

Da lag er nun also vor ihr auf dem Tisch. Nur mit Mühe hatte sie ihn vom Finger bekommen. Dabei hatte sie ihn gar nicht lange getragen, gerade einmal sechs Monate.

Sie betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum allerersten Mal. Ein schmales Band aus Platin, ein nicht eben kleiner, aber auch nicht zu protziger Diamant, kunstvoll gefasst.

Überglücklich war sie, als Robert ihr den Ring vor einem halben Jahr angesteckt hatte, Momente nachdem sie auf die Frage aller Fragen mit „Ja“ geantwortet hatte. Ihre Freundinnen bewunderten den Verlobungsring und ihr war klar, dass einige neidisch waren; ihr die gute Partie missgönnten.

„Eine angesehene Familie ist das, in die du da einheiratest, mein Kind, eine sehr angesehene Familie“, hatte ihr Onkel Egon stolz verkündet, als sie ihm den Ring zeigte.

Ja, eine angesehene Familie. Mit Stil, mit Tradition, mit Regeln. Die Bemerkungen von Roberts Mutter hatte sie zuerst nicht allzu ernst genommen. Doch dann, vor gut zwei Wochen, hatte sie am Sonntagnachmittag beim Tee erwähnt, dass sie sich nun mit ihrem Doktorvater auf das genaue Thema ihrer Dissertation geeinigt hatte.

Sie sah den Blick, den Roberts Mutter ihm zuwarf. „Aber meine Liebe , wozu das noch? Bald werden deine anderen Pflichten dich vollkommen ausfüllen. Sicher haben Robert und du das bereits abschließend besprochen.“

Sie war sprachlos gewesen. Robert hatte seine Mutter mit unverfänglicher Zustimmung beruhigt. Mehrmals hatte sie danach versucht, mit Robert über das Thema zu sprechen. Immer hatte er abgeblockt, sie vertröstet. Das werde sich schon alles finden, wenn sie erst einmal Mann und Frau seien.

Lange hatte sie mit sich gerungen. Ihr Vertrauen zu Robert hatte den Kampf verloren. Beherzt nahm sie den Ring, ging hinüber zum Fenster und öffnete es. Straßenlärm drang in den sechsten Stock herauf. Sie spürte den Ring in ihrer geschlossenen Hand. Dann holte sie aus. Als sie ihn aus dem Fenster geworfen hatte, ging es ihr besser.

Doch das war erst der Anfang. Sie musste mit Robert sprechen. Sie ging zum Telefon.

Ihre Hand war ruhig, als sie nach dem Hörer griff.