Mehr als eine Liebesgeschichte: „Feuer im Herbst“ von Irène Némirovsky

Offensichtlich ist der Roman „Feuer im Herbst“ eine Liebesgeschichte. Schauplatz ist Frankreich in den Jahren 1912 bis 1941. Thérèse und Bernard kennen sich seit Kinderjahren, aber erst nach Ende des ersten Weltkriegs finden sie sich – und verlieren sich umso schneller wieder, vielleicht für immer.

Es steckt auch ein enorm starkes Gesellschaftsportrait in „Feuer im Herbst“. Das französische Kleinbürgertum der Jahrhundertwende wird ebenso greifbar wie die gebrochene Generation des Großen Krieges. Korrumpiert von dessen Schrecken lebt sie ohne Rücksichtnahme nur fürs eigene Vergnügen und das schnelle Geld.

An vielen Stellen hatte ich das Gefühl, über unsere eigene Generation zu lesen, zum Beispiel:

Neunundneunzig Prozent der im letzten Vierteljahrhundert gemachten Pariser Karrieren ähnelten der seinen [Bernards]. Es waren keine Geschäfte mehr, sondern Papiere, Symbole, Zeichen, Abstraktionen … im Grunde eine Art Spiel …

Er hatte niemanden betrogen. Er hatte weder verraten noch gestohlen. Der Börsenkrach selbst war strafrechtlich gesehen nicht zu beanstanden.

Er wäre verrückt gewesen, es nicht wie alle anderen zu machen. Warum hätte er darauf verzichten sollen? Warum? Und in wessen Namen? Alle fischten im trüben, alle logen, alle intrigierten.

(S. 209 ff; btb 2010)

Man könnte meinen, Irène Némirovsky habe den Roman vor kurzem geschrieben und wolle uns einen Spiegel vorhalten. Hat sie aber nicht. Irène Némirovsky wurde 1942 von den Nazis in Frankreich verhaftet und starb wenig später in Auschwitz.

Fazit: Ein bewegendes Buch einer beeindruckenden Schriftstellerin.

Mehr über Irène Némirovsky auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Irene_Nemirovsky

 

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