Monatsarchiv: Juli 2013

Ein Haushaltsgerät erzählt

Geboren wurde ich unter Schweizer Flagge. Die Berge habe ich nie gesehen, denn gleich ging es auf die Reise. In einem großen, komfortabel gepolsterten Karton.

Mein Leben begann richtig, nachdem ich in meiner Küche angekommen war. In direkter Nachbarschaft die Spüle, gegenüber Herd und Backofen. Auch Toaster, Wasserkocher und Kühlschrank habe ich immer im Blick. Direkt unter mir die Spülmaschine. Ich mag ihr Klappern und Rauschen und Dampfen. Sie arbeitet fast jeden Tag.

Ich hingegen komme meist nur zweimal in der Woche zum Einsatz, die restliche Zeit habe ich frei. Ich werde geschätzt, das spüre ich mit jedem Handgriff. Oft werde ich gestreichelt, erst kühl und feucht, dann trocken. Ich werde befüllt und geleert wie ich es brauche. Im Gegenzug erledige ich zuverlässig alles, was ich kann: Ich mahle, ich brühe, ich schäume.

Geduld brauche ich nur, wenn ich sage: „Entkalken“ oder „Reinigen“. Das wird schon mal eine Weile ignoriert. Aber damit kann ich leben.

Der Holzweg

„Gegen den Uhrzeigersinn“, murmelte ich. Tina, meine Banknachbarin und beste Freundin streckte die Hand nach oben. Herr Schmitt rief sie auf. „Gegen den Uhrzeigersinn!“, antwortete Tina laut und deutlich. „Stimmt. Gut, Christina“, lobte Herr Schmitt und ergänzte: „Und Hochdruckgebiete im Uhrzeigersinn.“

Mit einem Augenzwinkern lächelte Tina mich an. Als Herr Schmitt sich zur Weltkarte umdrehte, griff erst sie, dann ich flink in die offene Tüte mit Kartoffelchips unter unserer Schulbank. Von Herrn Schmitt unbemerkt steckten wir eine kleine Portion Chips in den Mund und kauten sie beinahe geräusch- und bewegungslos. Heimliches Chips-Essen war in der siebten Klasse unser großer Sport im Erdkundeunterricht. Wahrscheinlich um diese Respektlosigkeit auszugleichen, verfolgte ich dennoch aufmerksam den Unterricht. Das war nicht leicht, denn Herr Schmitt war zwar ein gutmütiger Mensch, aber leider kein mitreißender Lehrer. Weiterlesen

Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift

Im Oktober 2012 wird einer Fünfzehnjährigen in den Kopf geschossen. Weil sie in die Schule geht. Als ich 15 war, bin ich gern zur Schule gegangen. Es war für mich selbstverständlich und manchmal etwas lästig. Außerhalb der Schule hatte ich Madonna, die Bravo, Lidschatten und die ersten Jungs im Kopf – keine Kugeln von Extremisten. Ich hatte keine Ahnung, wie privilegiert ich war.

Heute ist Malala Yousafzai 16 geworden und hat vor den Vereinten Nationen eine Rede gehalten. Von gleichen Rechten, vom Recht auf Bildung für alle hat sie gesprochen. Davon, dass Bildung die mächtigste Waffe ist gegen Terrorismus. Der Zugang zu Bildung für alle Mädchen und Jungen ist der Schlüssel. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern, sagt sie. Ich glaube ihr.

Inzwischen weiß ich, wie privilegiert ich damals war und heute bin. Und ich beginne zu verstehen, dass es eine Pflicht der Privilegierten ist, aufzustehen und mehr zu tun als Gott oder wem auch immer zu danken, dass man am richtigen Ort zur richtigen Zeit geboren wurde. Denn zu tun gibt es viel, auch im privilegierten Deutschland und Europa.

Malalas Rede vor der UN Jugendversammlung ist z.B. auf YouTube zu sehen:

Und ein Artikel auf sueddeutsche.de: Malalas Waffe heißt Bildung