Wird er fragen oder nicht?

Carolas Suche, Teil 11
Was zuvor geschah

Unschlüssig stand Carola vor dem Kleiderschrank. Was sollte sie nur anziehen? Nick hatte sie ins „Chez René“ eingeladen, das teuerste Restaurant der Stadt. Als Carola erstaunt nach dem Anlass gefragt hatte, war Nicks kurze Antwort gewesen: Eine Überraschung! Dazu sein leuchtendes Lächeln.

Das war vor drei Tagen gewesen und seitdem war Carolas Kopf nicht mehr zur Ruhe gekommen. Konnte es sein? Würde er fragen? War es nicht viel zu früh? Was würde Carola antworten, sollte Nick tatsächlich fragen?

Carola gab sich ehrlich Mühe, an etwas anderes zu denken, aber die ganze Welt schien sich nur um diese eine Sache zu drehen. In dem Ladenlokal in Carolas Straße, das so lange leer gestanden hatte, wurde seit vorgestern die Neueröffnung eines Brautmodengeschäfts angekündigt. Im Schaufenster des Reisebüros im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem Carola arbeitete, hing ein riesiges Plakat. Darauf ein glückliches Paar vor Palmen, Strand und Sonnenuntergang im Meer. Bildunterschrift: Honeymoon im Paradies. Und in der aktuellen Ausgabe der Frauenzeitschrift lautete das Titelthema: ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet: Ist Ihr Partner der perfekte Ehemann?‘

Während Carola sich im fünften Kleid kritisch von allen Seiten im Spiegel betrachtete, kam ihr in den Sinn, was sie vorhin in der Frauenzeitschrift gelesen hatte:

‚Bevor Sie sich auf das Abenteuer Ehe einlassen, sollten Sie alle Ecken Ihrer Beziehung ausleuchten; nichts darf im Verborgenen bleiben. Werden Sie zur Höhlenforscherin! Setzen Sie die Stirnlampe auf, schalten Sie das Licht auf die hellste Stufe und steigen Sie hinab. Nutzen Sie Ihre Augen und die freien Hände. Drehen Sie jeden Stein um und sehen Sie darunter. Sie müssen sicher sein, dass das Gestein stabil ist und nicht einsturzgefährdet.‘

Carola hatte sich für Kleid Nummer acht entschieden: ein elegant-schlichtes Etuikleid in Marineblau. Sie ging ins Bad für den letzten Schliff an ihrem Make-up. Der Artikel ging ihr weiter durch den Kopf:

‚Deshalb: Prüfen Sie genau! Und denken Sie immer daran: Die Ehe kann wie ein kunstvoller Brieföffner sein. Ästhetisch und nützlich zugleich, doch in den falschen Händen eine gefährliche Waffe.‘

Gerade hatte Carola das edle Parfum aufgelegt, das Nick ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, da klingelte es. Eilig schlüpfte Carola in ihre dunkelblauen Pumps, griff nach ihrer Handtasche und verließ die Wohnung. Beinahe wäre sie auf dem Weg nach unten auf der Treppe gestolpert.

Nick lehnte lässig an seinem Auto und begrüßte Carola mit einem zärtlichen Kuss. Famos sah er aus in seinem hellgrauen Sommeranzug. Nick öffnete die Beifahrertür und Carola stieg mit wild klopfendem Herzen ein. Auf dem Sitz lag ein feuerrotes Spielzeugauto von Ben, Nicks kleinem Sohn. Carola nahm es in die Hand und war froh, sich an etwas festhalten zu können. Auf dem Weg zum Restaurant sprachen sie kein Wort. Einige Male schielte Carola vorsichtig zu Nick hinüber. Einmal kratzte er sich am Kopf, einmal richtete er seinen Krawattenknoten und einmal griff er suchend an die Brusttasche seines Jacketts. Carola knetete das kleine Auto aus Metall.

Der Champagner-Aperitif wurde schnell serviert, Nick und Carola stießen an und Carola trank in einem Zug das Glas halb aus. Sie hielt es nicht länger aus und fragte: „Nick, was ist die Überraschung?“

Nick atmete tief durch. „Ich hatte eigentlich bis zum Dessert warten wollen, aber ich kann es dir auch gleich sagen. Ich hoffe, du freust dich ebenso sehr wie ich.“

Nick griff in die Brusttasche seines Jacketts. Er fand nicht gleich, wonach er suchte oder er bekam es nicht gleich zu fassen. Carola schwindelte es. Endlich! Nicks Hand kam wieder zum Vorschein. Darin: ein kleines Kärtchen.

Nick reichte Carola die Visitenkarte. Carola nahm die Karte, las sie aber nicht. Sie sah Nick an. Er sagte: „Meine Firma expandiert. Wir eröffnen ein neues Büro. Ich werde Vice President. Darauf arbeite ich seit Jahren hin. Nächsten Monat geht’s los. Meine neue Karte hältst du in der Hand.“

Carola nickte, ohne wirklich zu begreifen. Nick fuhr fort: „Carola, das neue Büro ist in North Bay, 350 km nördlich von Toronto. In Ontario, Kanada. Ich möchte, dass du mit mir dorthin gehst.“

Carola hielt die Visitenkarte weiter in der Hand. Mit der anderen griff sie nach dem Champagnerglas und trank es leer, ohne etwas zu schmecken.

So geht es weiter…

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