Carolas Traum oder: Jetzt oder nie

Carolas Suche, Teil 12
Was zuvor geschah

„Das neue Büro ist in North Bay, Ontario, Kanada. Und du gehst mit mir dorthin, Carola. Ans Ende der Welt!“ Nick lachte laut. „Als Vice President arbeite ich von früh bis spät und du hockst zu Hause. Am Ende der Welt! Hahaha!“ Nicks Gelächter überschlug sich und er wischte sich Lachtränen aus dem Gesicht.

Carola blickte auf die Visitenkarte in ihrer Hand. Die Karte hatte Feuer gefangen und würde gleich Carolas Finger verbrennen. Carola ließ die Karte fallen und stieß beim Aufstehen ihren Stuhl um. Sie blickte um sich. Die anderen Gäste im Chez René aßen, tranken und unterhielten sich, als wäre alles in bester Ordnung.

Carola begann zu laufen, doch sie kam nicht recht voran. Da bemerkte sie, dass sie ein bodenlanges Brautkleid trug, bestickt mit weißen Rosen. Endlich erreichte Carola eine Tür und drückte sie auf. Es war die Tür zur Küche. Dort stand der schnurrbärtige Chefkoch, ein blitzendes Fleischermesser in der Hand.

Mit irrem Blick sagte er: „In Kanada essen sie Delfin. Das gilt als Delikatesse!“ Auf dem Tisch vor dem Chefkoch lag eine blutverschmierte Rückenflosse.
Daneben standen fünf Kellner in geschniegelter Uniform, aufgereiht wie Orgelpfeifen. Der größte von ihnen erklärte: „Krokodil importieren sie aus Florida.“ Der Mittlere: „Und Hund aus China.“ Der Kleinste säuselte: „Braunbären muss man aber selber jagen.“ Im Chor ergänzten der Zweite und der Vierte: „Ahornsirup wird stets in beliebiger Menge dazu serviert.“

Entsetzen packte Carola, sie machte kehrt und begann wieder zu laufen. Das Brautkleid behinderte sie noch immer. Plötzlich war sie auf der Straße. Dort fuhr kein Auto und kein Mensch war zu sehen. Es regnete stark. Ein kalter Regen. Darin löste sich das Brautkleid auf. Erst zerflossen die Rosen, als wären sie aus Zuckerguss. Dann verlor der weit schwingende Rock an Länge und das Kleid wurde immer dünner. Und je kürzer und dünner es wurde, umso besser kam Carola voran. Der Regen wurde wärmer. Carola lief immer schneller, es kostete kaum Kraft.

Carola bog um eine Straßenecke und dort schien die Sonne. Am Straßenrand stand Nick in einem Smoking und Zylinder. Sein Kopf war der eines Krokodils. Sein Lächeln zeigte spitze Zähne. Seine Hände waren die Pranken eines Braunbären, darin hielt er einen Strauß von rotgelben Ahornblättern. Neben Nick standen die fünf Kellner in apricotfarbenen Brautjungfernkleidern und sangen God Save the Queen.

Da tat sich vor Carola ein Abgrund auf, ein tiefer Riss in der Straße. Carola rannte direkt darauf zu. Der Abgrund war pechschwarz, aber auf der anderen Seite war es grün. Carola wurde noch schneller, dann sprang sie ab.

Carola wachte auf, als sie noch in der Luft war. Nassgeschwitzt lag sie im Bett, draußen war es Nacht. Sie zog die Decke hoch bis zum Kinn. Und da war alles klar. „Ich werde studieren“, sagte Carola halblaut ins Dunkel. „Ich werde studieren! Jetzt oder nie.“

So geht es weiter…

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