Monatsarchiv: September 2015

Wünsch dir was

„Wünsch dir was“, sagst du mit deinem strahlenden Lächeln.
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.
„Wünsch dir was, mein Liebling. Ich führ’ dich heute Abend aus. Wohin möchtest du?“
Ich kneife die Augen zusammen. Dein Lächeln blendet mich.
„Vielleicht Carpaccio bei Luigi? Oder Fischsuppe bei Claire?“
„Carpaccio darf ich doch nicht.“
Du stutzt. „Ach, stimmt. Aber die Pasta ist auch gut bei Luigi.“
Ich zögere. Mein Rücken schmerzt und meine Füße pochen.
Du setzt deinen Hundeblick auf und legst den Kopf leicht schief. Früher fand ich das unwiderstehlich. Ob es ihr genauso geht?
Du trägst das fliederfarbene Hemd, das ich dir geschenkt habe. Es steht dir. Vor drei Monaten habe ich daran zum ersten Mal das fremde Parfum gerochen. Habe mir nichts dabei gedacht, eine freundschaftliche Umarmung und schon ist das passiert.
Aber dann war das Parfum an allen deinen Hemden. Plötzlich hattest du wichtige Termine bis spätabends, einmal, zweimal, dreimal die Woche. Für die vielen Blumen, die du mir an den Tagen darauf mitbrachtest, hätte ich beinahe neue Vasen kaufen müssen. Wie in einem schlechten Film.
„Na, muss ich meinen kleinen Wal nach draußen schleppen?“
Du kneifst mir in die Wange. Das tut nicht weh, aber mir schießen Tränen in die Augen.
Verfault. Unsere Liebe ist verfault, wie Blumen, die zu lange im Wasser stehen. Erst verblühen sie, dann beginnen sie zu faulen.
„Weinst du, mein Liebling?“ Du klingst ehrlich besorgt.
Ich schließe die Augen. Tränen rinnen meine Wangen hinab, sammeln sich am Kinn. Ich öffne die Augen wieder und sehe dir ins Gesicht. Da ist kein Lächeln mehr.
Ich hole tief Luft. Meine Stimme ist fest und klar: „Hör auf, mich zu blenden. Das wünsch ich mir.“

Mein Erlanger Poetenfest 2015

Am letzten Wochenende im August kommen die Poeten in die Stadt – 2015 zum 35. Mal. Strahlender Sonnenschein und neugieriges Publikum begleiteten die Lesungen am Samstag- und Sonntagnachmittag im Schlossgarten.

Foto0803Im trockenen Gras ließ es sich gut sitzen und liegen – zweimal bin ich ein wenig eingenickt… Bei welchen Autoren, wird nicht verraten. Keinesfalls jedoch bei den folgenden, die ich besonders hörenswert fand.

Christiane Neudecker: „Sommernovelle“. Zwei 15-jährige Mädchen fahren 1989 in den Ferien an die Nordsee. Sie wollen die Welt retten, indem sie Vogeleier zählen – und lernen dabei viel über sich selbst.

Ursula März: „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben. Fünf Dates“. In Zeiten der unbegrenzten Freiheiten und Wahlmöglichkeiten kann die Suche nach der Liebe sehr anstrengend werden… Mit Witz und Ironie berichtet die Autorin von fünf Suchenden.

Dana Grigorcea: „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“. Bukarest ist Dreh- und Angelpunkt: früher, zu Zeiten des Kommunismus, kurz danach, heute. Die Gegebenheiten prägen die Stadt – und ihre Menschen. Skurril, tragikomisch und leichtfüßig erzählt.

Foto0808Gesa Olkusz: „Legenden“: Ein junger Mann, Filbert, fischt in Berlin schwarze Schnürstiefelchen von einem Laternenpfahl. Sie müssten gut zu seinem Tantchen passen, meint er, denn auf einem alten Schwarzweißfoto steht sie ohne Schuhe da. Filbert ist getrieben von der Suche nach der wahren Geschichte seiner Familie. Findet er diese in Kanada?

Henning Ahrens: „Glantz und Gloria. Ein Trip“. Rock Oldekop kehrt nach Jahren in seinen Heimatort Glantz zurück. Dort verbrachte er seine ersten sechs Jahre, bis seine Eltern bei einem Brand zu Tode kamen. Die Wirklichkeit mischt sich mit Märchen, Sagen und Geschichte. Ein surrealer Trip.

Nora Gomringer brachte ihren Text „Recherche“, für den sie in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Ein echtes Highlight! Inhaltlich, sprachlich und hinsichtlich der Performance. Ebenso sehenswert: das anschließende Gespräch auf dem Nebenpodium.

Nora Bossong: „36,9°“. Der sardische Philosoph und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Antonio Gramsci ist einer der Protagonisten. Der fiktive Gramsci-Experte Anton Stöver der andere. Dessen Welt gerät durch eine Frau im Poncho und ein verlorenes Notizbuch Gramscis aus den Fugen.

Foto0806Der unbestrittene Höhepunkt des diesjährigen Poetenfestes war jedoch das Porträt mit Alice Schwarzer am Freitagabend im ausverkauften Markgrafentheater.

Im Lauf ihrer journalistischen Karriere hat Alice Schwarzer Biographien über Simone de Beauvoir, Romy Schneider, Gräfin Dönhoff sowie Petra Kelly und Gert Bastian veröffentlicht. Wie hat sie sich diesen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten angenähert? Wie hat sie die Gratwanderung zwischen notwendiger Nähe und erforderlicher Distanz gemeistert? Inwieweit spiegelt sich die Biographin in ihren „Betrachtungsobjekten“ und welche Auswirkungen hat dies auf das Arbeitsergebnis?

Gut gelaunt und gewohnt scharfsichtig stand Alice Schwarzer Verena Auffermann Rede und Antwort. Am Ende ein Plädoyer: Frauen, baut auf dem Erreichten auf! Startet nicht wieder von Null. Macht euch zunutze, was bereits erkämpft wurde, anstatt euch einreden zu lassen, dass der „alte“ Feminismus nicht mehr relevant sei.

Ein sehr spannender und kurzweiliger Abend, der nach meinem Geschmack auch noch zwei weitere Stunden hätte dauern können.