Mein Erlanger Poetenfest 2015

Am letzten Wochenende im August kommen die Poeten in die Stadt – 2015 zum 35. Mal. Strahlender Sonnenschein und neugieriges Publikum begleiteten die Lesungen am Samstag- und Sonntagnachmittag im Schlossgarten.

Foto0803Im trockenen Gras ließ es sich gut sitzen und liegen – zweimal bin ich ein wenig eingenickt… Bei welchen Autoren, wird nicht verraten. Keinesfalls jedoch bei den folgenden, die ich besonders hörenswert fand.

Christiane Neudecker: „Sommernovelle“. Zwei 15-jährige Mädchen fahren 1989 in den Ferien an die Nordsee. Sie wollen die Welt retten, indem sie Vogeleier zählen – und lernen dabei viel über sich selbst.

Ursula März: „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben. Fünf Dates“. In Zeiten der unbegrenzten Freiheiten und Wahlmöglichkeiten kann die Suche nach der Liebe sehr anstrengend werden… Mit Witz und Ironie berichtet die Autorin von fünf Suchenden.

Dana Grigorcea: „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“. Bukarest ist Dreh- und Angelpunkt: früher, zu Zeiten des Kommunismus, kurz danach, heute. Die Gegebenheiten prägen die Stadt – und ihre Menschen. Skurril, tragikomisch und leichtfüßig erzählt.

Foto0808Gesa Olkusz: „Legenden“: Ein junger Mann, Filbert, fischt in Berlin schwarze Schnürstiefelchen von einem Laternenpfahl. Sie müssten gut zu seinem Tantchen passen, meint er, denn auf einem alten Schwarzweißfoto steht sie ohne Schuhe da. Filbert ist getrieben von der Suche nach der wahren Geschichte seiner Familie. Findet er diese in Kanada?

Henning Ahrens: „Glantz und Gloria. Ein Trip“. Rock Oldekop kehrt nach Jahren in seinen Heimatort Glantz zurück. Dort verbrachte er seine ersten sechs Jahre, bis seine Eltern bei einem Brand zu Tode kamen. Die Wirklichkeit mischt sich mit Märchen, Sagen und Geschichte. Ein surrealer Trip.

Nora Gomringer brachte ihren Text „Recherche“, für den sie in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Ein echtes Highlight! Inhaltlich, sprachlich und hinsichtlich der Performance. Ebenso sehenswert: das anschließende Gespräch auf dem Nebenpodium.

Nora Bossong: „36,9°“. Der sardische Philosoph und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Antonio Gramsci ist einer der Protagonisten. Der fiktive Gramsci-Experte Anton Stöver der andere. Dessen Welt gerät durch eine Frau im Poncho und ein verlorenes Notizbuch Gramscis aus den Fugen.

Foto0806Der unbestrittene Höhepunkt des diesjährigen Poetenfestes war jedoch das Porträt mit Alice Schwarzer am Freitagabend im ausverkauften Markgrafentheater.

Im Lauf ihrer journalistischen Karriere hat Alice Schwarzer Biographien über Simone de Beauvoir, Romy Schneider, Gräfin Dönhoff sowie Petra Kelly und Gert Bastian veröffentlicht. Wie hat sie sich diesen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten angenähert? Wie hat sie die Gratwanderung zwischen notwendiger Nähe und erforderlicher Distanz gemeistert? Inwieweit spiegelt sich die Biographin in ihren „Betrachtungsobjekten“ und welche Auswirkungen hat dies auf das Arbeitsergebnis?

Gut gelaunt und gewohnt scharfsichtig stand Alice Schwarzer Verena Auffermann Rede und Antwort. Am Ende ein Plädoyer: Frauen, baut auf dem Erreichten auf! Startet nicht wieder von Null. Macht euch zunutze, was bereits erkämpft wurde, anstatt euch einreden zu lassen, dass der „alte“ Feminismus nicht mehr relevant sei.

Ein sehr spannender und kurzweiliger Abend, der nach meinem Geschmack auch noch zwei weitere Stunden hätte dauern können.

4 Antworten zu “Mein Erlanger Poetenfest 2015

  1. Hallo Michaela, leider habe ich dieses Jahr nicht beim Poetenfest den Autoren lauschen koennen, umso mehr freut mich dein Text dazu! Und es freut mich, dass es dir wieder einmal sehr gefallen hat! 🙂 Viele Gruesse

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  2. Gerade diesen Text und damit deinen Blog entdeckt. Mein eigener Text vom letztjährigen Poetenfest hat ganz viele Parallelen. Verblüffend und ich freu mich! Vielleicht laufen wir uns dieses Jahr unbekannterweise wieder über den Weg …

    https://officewerkstatt.wordpress.com/2015/09/03/poetenfest-2015-nachlese/

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    • Liebe Margrit, herzlichen Dank für deinen Kommentar! Habe auch in deinem/eurem Blog gestöbert, gefällt mir gut!
      Mein Poetenfest 2016 beginnt am Freitagabend mit der Langen Nacht der Ersten Erde. Bin schon sehr gespannt. Am Sa und So natürlich die Lesenachmittage. Ich freu mich so!
      Und ja, wir sehen uns bestimmt unbekannterweise. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. 😉

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