Abschied nehmen

Sie sieht kleiner aus. Die Gesichtszüge starr, fast fremd, aber sie ist es. Natürlich ist sie es. Ich schaue sie an. Das dünn gewordene Haar, das erstaunlich wenig faltige Gesicht, die fahlen Hände, der zerbrechlich wirkende Körper.

Erleichtert bin ich, froh, dass ich sie noch einmal sehen und Abschied nehmen kann.

Ich höre das Echo ihrer Stimme, wie sie aus der Küche ruft, dass das Essen gleich fertig ist. Ich meine, der Geruch aus ihrem Schlafzimmer liegt in der Luft, diese eigentümliche Mischung aus Parfum, Lippenstift und Mottenkugeln. Ich erinnere mich an mein aufgeschlagenes Knie und die Versicherung meiner Großmutter: Bis du heiratest, ist das wieder gut.

Ich muss lächeln und da ist sie ganz nah bei mir. Nun kann ich sie gehen lassen.

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Meine Großmutter, meine liebe Oma Luise, wäre nächste Woche 98 Jahre alt geworden. Sie starb im Juni 2002.

2 Antworten zu “Abschied nehmen

  1. Danke für diese wundervolle Erinnerung. ♥ gerade fallen mir auch wieder so kleine Herzlichkeiten ein.

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  2. Danke für den Kommentar. 🙂 In meinen Erinnerungen wird meine Oma immer bei mir sein, das ist ein wunderbares Gefühl.

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