Der Kaffeeautomat

„Da wäre ich gerne Mäuschen.“ – Diese Redewendung haben Sie sicher schon gehört. Vielleicht auch schon gebraucht. Mäuschen sein. Unbemerkt mithören, beobachten, Geheimnisse erfahren. Ich versichere Ihnen, dazu muss man nicht unbedingt Mäuschen sein. Man kann zum Beispiel auch ein Kaffeeautomat in einem Bürogebäude sein, so wie ich. Da kaum jemand einem Kaffeeautomaten ein Eigenleben zugesteht, sind die Leute völlig ungehemmt in meiner Nähe. Was ich alles an einem einzigen Vormittag mitbekomme!

Heute früh, kurz nach sieben, mein erster Kunde. Ein Krawattenträger aus dem 5. Stock, von ganz oben. Telefoniert, während ich ihm einen doppelten Espresso bereite. „Müller muss weg. Sonst wird er uns zermalmen. Einer weniger im Wasserkopf, das wird auch dem Fußvolk gefallen. Über die Höhe der Abfindung müssen wir natürlich Stillschweigen bewahren. Ich gehe gleich zu Schneider und regle das…“

Zwanzig Minuten später die beiden Sekretärinnen aus dem 2. Stock. Gackernde Hühner! Die eine schielt und kneift deswegen immer ein Auge zu, wenn sie die Münzen einwirft. Die andere, ein wahrer Sauertopf, meckert andauernd. Übers Wetter, den Chef, den Stau, den Ehemann, den kneifenden Hosenbund. Ich möchte ihr raten, den Kaffee nicht weiter mit doppelt Zucker zu trinken, aber sprechen kann ich nicht.

Gegen halb zehn dann der Programmierer aus dem Souterrain. Wirkt ein bisschen zerlumpt. Schlabberige Jeans, ungebügeltes T-Shirt, strähniges Haar. Verzieht jedes Mal den Mund, wenn er an seinem Zitronentee nippt. Er kauft jeden Tag vier Becher.

Pünktlich auf die Minute um 10:51 kommt die stocksteife Leiterin der Marketingabteilung. Adrett-korrekt im Business-Look, strenger Zopf, das Make-up unauffällig perfekt. Mir ist sie sympathisch. Sie nimmt vorsichtig zwei kleine Schlucke ihrer heißen Schokolade und dann lächelt sie. Nur einen Moment lang, doch dieses Lächeln wärmt mir Mechanik und Elektronik.

Ja, als Kaffeeautomat bekommt man mehr mit als die meisten Mäuschen. Gaunereien und Gelächter, Beichten und Banalitäten, Sturmtiefs und Sonnenschein. Ich höre und sehe viel, weil die Menschen mich nicht sehen. Ich bin bloß ein Automat. Ein Gegenstand, den man benutzt, aber nicht wirklich wahrnimmt.

Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn abends gegen sechs Elena kommt. Sie sieht mich. Sie nimmt sich Zeit. Sie füllt Becher, Bohnen und Pulver nach. Sie wischt mich sorgsam, trocknet nach, prüft das Ergebnis. Und ich bin sicher, ihr zufriedener Blick und ihr fröhliches Lächeln, die gelten ganz alleine mir.

2 Antworten zu “Der Kaffeeautomat

  1. Juhu, auf diese Geschichte von Dir habe ich schon gewartet – geniale Idee und Ausführung!!!!!!

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