Der Kaktus

Der Kaktus stand auf dem Fensterbrett. „Ich hab es satt, hier rumzustehen und mit Wasser begossen zu werden!“ sagte er eines Tages. Er marschierte ins Badezimmer, rasierte sich und verließ das Haus.

Sehr weit kam er nicht. Im Garten traf er auf den Hund, der ihn neugierig beschnüffelte und dabei aufgeregt mit dem Schwanz wedelte. Das war dem Kaktus nicht geheuer, aber er hielt still. Als der Hund sich jedoch umdrehte und ein Bein anhob, schwante dem Kaktus Schlimmes. Da wurde der Hund von der Hausfrau gerufen. Das verschaffte dem Kaktus einen Augenblick, um zur Seite zu hüpfen. Bevor der Hund zum Frauchen lief, erledigte er zwar noch sein ursprüngliches Vorhaben, aber glücklicherweise wurde der Kaktus nicht getroffen.

Nach diesem Schreck wollte der Kaktus so schnell wie möglich fort, doch weit kam er nicht. Kurz vor dem Gartentor traf er auf die Katze. Die betrachtete ihn eingehend und stupste ihn ein paarmal mit weichen Pfoten an. Als die Katze gerade ihre Krallen ausfahren wollte, kam der Hund fröhlich bellend auf sie zu gerannt. Die Katze ließ vom Kaktus ab und fauchte den Hund böse an. Der Kaktus nutzte die Gelegenheit und rettete sich ins Gemüsebeet.

Er wollte nur kurz durchatmen und dann seine Reise fortsetzen, aber da kam die Hausfrau. Sie trug einen leeren Korb, den sie mit einem Salatkopf und Petersilie aus dem Gemüsebeet füllte. Als sie den Kaktus erblickte, sagte sie: „Was für eine wunderliche Gurke!“ Sie nahm den Kaktus und legte ihn in ihren Korb.

Auf dem Weg zurück ins Haus wollte der Kaktus aus dem Korb springen, doch das Geflecht war zu hoch. In der Küche angekommen, stellte die Hausfrau den Korb ab, nahm den Kaktus heraus und hielt ihn unter fließendes eiskaltes Wasser. Welch ein Graus! Beinahe wäre der Kaktus ertrunken, aber da wurde er auf ein Holzbrett gelegt. Über sich sah er eine Klinge aufblitzen und er dachte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen.

Da sprang die Katze auf den Küchentisch und wollte von der Wurst stibitzen, die dort lag. Die Hausfrau schimpfte die Katze und fuchtelte dabei mit dem Messer in der Luft herum. Dieser Moment genügte dem Kaktus, um von Schneidebrett zu rollen. Er verkroch sich in eine dunkle Ecke der Küche, hinter die leeren Flaschen und Konservendosen.

Dort hockte er und wartete darauf, dass seine Stacheln nachwachsen würden. Sobald dies geschehen wäre, wollte er aus der Ecke herauskommen und sich der Hausfrau zeigen, in der Hoffnung, dass sie ihn wieder eintopfen würde. Denn der Kaktus konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als auf dem Fensterbrett zu stehen und von Zeit zu Zeit mit Wasser begossen zu werden.

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