Tagesarchiv: 23. September 2018

Frau Schmitz im Glück

Frau Schmitz hat es sich gemütlich gemacht auf ihrer guten alten Couch. Lang ausgetreckt hat sie sich, der Kopf liegt weich auf dem bestickten Kissen. Ein genüssliches Gähnen, die Augen zu und die Gedanken nehmen ihren Lauf…

Ich kann’s immer noch nicht fassen. Später zähl ich’s nochmal. Aller guten Dinge sind drei, heißt’s doch. 100.000! Dollar! 100.000 Dollar. Und beinah hätt ich’s gar nicht gefunden. Ist aber auch `ne Zicke, die Frau Professor. Alle Bücher in der kleinen Bibliothek heute, Frau Schmitz. Alle einzeln abstauben und die Regale feucht auswischen, Frau Schmitz. Und gründlich, bitte, Frau Schmitz. Gründlich, Frau Schmitz! Denkt die, ich vergesse zwischendurch meinen eigenen Namen? Weil ich nicht studiert bin?

Zum Glück ist sie nicht reingeplatzt, als ich die Umschläge gefunden hab. Ganz hinten, im obersten Regalfach, hinter den ollen Schinken. Zehn Briefumschläge, vergilbt, verstaubt, nicht zugeklebt. Jeder mit einem dicken Packen Scheine drin. Zehn Mal 10.000 Dollar. Wenn ich richtig gezählt habe. Später zähl ich nochmal nach.

Die müssen da schon lange gelegen haben. Ihr Geld ist das sicher nicht, da hätte die Frau Professor mich niemals die Regale putzen lassen. Also seins. Der brave Herr Professor versteckt Geld zu Hause, hinter seinen Büchern. Poker? Pferderennen? Kann ich mir nicht vorstellen. Erpressung? Drogen? Prostitution? Nein, kann ich mir alles nicht vorstellen. Hoffentlich braucht er das Geld so bald nicht. Ich streite alles ab, falls es soweit kommt. Glaub ich aber nicht. Ich glaube, ich bin sicher. Entweder, er hat’s vergessen oder er wird nichts sagen. Hab ich so im Gefühl…

Dem Hubert werd ich auch nichts sagen. So mickrig wie der Unterhalt ist, den er mir bezahlt. Da kann er eh kaum was sparen. Am Ende will der noch was abhaben! Nix da! Vielleicht kann ich jetzt einen Putzjob weniger. Vielleicht kündige ich in der Pizzeria, dann muss ich nicht mehr so spät ran. Andererseits… die Italiener sind schon großzügig und das Essen richtig gut.

Aber mal in Urlaub fahren, das ist drin. Mal eine Woche raus aus der Putzschürze, rein in den Badeanzug. Sonne, Strand, Meer. Cocktails, knackige Animateure, all inklusiv am besten. Ja, das isses! Und gründlich, bitte, Frau Schmitz. Jawohl, Frau Professor, gründlich. Ich bin immer gründlich, Frau Professor. Hihi… So, jetzt zähl ich’s nochmal!