Monatsarchiv: August 2018

Brockhaus der Woche (35/2018)

Zur passenden Zeit und in der richtigen Dosis würzt sie das Leben auf treffliche Art und Weise.

Ironie [grch.] die, Redeweise, bei der eine Äußerung das Gegenteil von dem meint, was sie ausspricht. – Gegen angemaßtes Wissen bildete Sokrates die I. mit großer Kunst als Mittel der dialekt. Erziehung aus (sokratische I.). In der Selbst-I. drückt sich eine krit., spielerisch-überlegene Haltung sich selbst gegenüber aus. Die romantische I. ist das immer wache Bewusstsein, dass zw. dem Unendlichen und dem Endlichen sowie zw. Freiheit und Form kein endgültiger, sondern nur ein spielender Ausgleich möglich ist. Die tragische I. ergibt sich für den Betrachter, wenn jemand, ohne zu ahnen, dass entscheidende Ereignisse seine Lage verändert haben, seiner Zuversicht Ausdruck gibt, während der Außenstehende um diese Ereignisse und ihre Folgen schon weiß. Als I. des Schicksals wird eine paradoxe Konstellation angesprochen, die wie ein frivoles Spiel höherer Mächte wirkt. I. als rhetor. Mittel kann sich von iron. Anspielung, spieler. Spott und Polemik bis zum Sarkasmus steigern; literarisch konstituiert sie damit die Gattungen Parodie, Satire, Travestie.

Brockhaus der Woche (34/2018)

Morgen gehen sie zu Ende. Mir wäre es recht, wenn damit auch die große Hitze vorbei wäre. Und unser wunderbarer Wald vor der Haustür würde sich sehr über Regen freuen…

Hundstage, die Tage zw. dem 23.7. und dem 23.8., während deren die Sonne in der Nähe des Hundssterns (Sirius) steht; in Mitteleuropa oft die heißesten Tage des Jahres.

Die altägyptische Hochkultur verdankt ihre Existenz dem Nil. Seinen Überschwemmungen ist die große Fruchtbarkeit der Flusslandschaft zuzuschreiben. Weil die Landwirtschaft davon abhing, galt diesem Naturereignis große Aufmerksamkeit. So bemerkten die Ägypter schon früh, dass das Wasser alle Jahre etwa zur gleichen Zeit zu steigen begann und mit diesem Anstieg immer auch ein heller Stern am Morgenhimmel auftauchte, kurz vor Sonnenaufgang. Diesen Stern nannten die Ägypter „sopt“, was Hund bedeutet, und sein Erscheinen markierte in ihrem Kalender den Beginn des neuen Jahres.
Bei den Griechen hieß dieser Stern dann „sothis“; dem Sternbild aber, in dem er so hell erstrahlt, gaben sie den Namen Großer Hund; gewohnt, ihre Mythologie auf den Sternenhimmel zu projizieren, erkannten sie darin den Jagdbegleiter des Orion. Die Römer nannten den Stern später „canicula“, also Kleiner Hund, und heute heißt er schließlich Sirius.
In neuerer Zeit begann man jene Tage als Hundstage zu bezeichnen, an denen dieser Stern in der Morgendämmerung erscheint. Weil diese Periode im Juli bei uns häufig mit einer Hitzewelle einhergeht, kam es schließlich zu dem Bedeutungswandel, der sich im heutigen Sprachgebrauch festgesetzt hat.

Brockhaus der Woche (33/2018)

Was für einen Unterschied ein einzelner Buchstabe machen kann!

Gnome [grch.] die, kurzer Sinnspruch, der eine Erfahrung, Regel oder einen Grundsatz enthält; die Grenzen zur Sentenz sind fließend.

Gnomen [Herkunft ungeklärt], dämon. Gestalten, die in Volksglaube und Volksmärchen Wald, Berg und Wasser bevölkern; insbesondere die zwerghaften Erdgeister.

Gnomon [grch.] der, 1) Astronomie: (Schattenstab) Messgerät des Altertums (z.B. ein Obelisk), durch dessen Schattenlänge auf einer waagrechten Ebene die Höhe der Sonne bestimmt wird. Aus dem G. entwickelten sich die Sonnenuhren, die auch G. genannt werden.
2) Mathematik: a) in der grch. Mathematik die ebene Figur, die als Differenzfläche zweier Quadrate oder Rechtecke entsteht, b) die entsprechende Restfläche eines Parallelogramms.

Lucys Café

Die Kirchturmuhr schlägt sieben Mal, als in Lucys Café die ersten Spiegeleier des Tages in der Pfanne brutzeln. Routiniert wendet Lucy die vier Eier, eins nach dem anderen. Markus nimmt seine Eier immer von beiden Seiten gebraten. Markus strahlt Lucy an, als sie den Teller vor ihn auf den Tisch stellt.

„Danke, Lucy, du bist die Beste!“

„Lass es dir schmecken, Markus.“

„Ja. Ach, Lucy…“ Markus fährt sich mit beiden Händen durch die ohnehin schon zerzausten blonden Locken.

„Ja?“

„Der Trank. Er ist fast alle…“

„Glaubst du wirklich, du brauchst ihn noch?“

„Ach, Lucy… Petras Liebe macht mich so toll, ich kann nicht riskieren, dass das aufhört!“

„Ich glaube, inzwischen verzauberst du Petra ganz allein.“

Vor dem großen Fenster zur Straße hin taucht ein dunkler Schatten auf. Lucy sieht Pfarrer Maier, auf den Weg in seine Kirche, wie immer in seiner übergroßen Soutane. Jeden Tag bleibt er vor ihrem Fenster stehen und schaut herein. Dabei verzieht er das Gesicht zu einer Grimasse, wie ein Spürhund, der Witterung aufnimmt. Wie üblich nickt Lucy ihm freundlich zu. Der Pfarrer sieht dann schnell weg und geht weiter. Seit fast drei Jahren hat Lucy das Café direkt neben der katholischen Kirche, aber noch nie hat Pfarrer Maier es betreten, noch nie ein Wort mit Lucy gewechselt.

„Jetzt iss erst einmal deine Eier, Markus, dann sehen wir weiter.“

Schwungvoll öffnet sich die Cafétür und Belinda tritt ein. „Lucy! Oh, Lucy! Dringend! Ganz dringend brauche ich deine Hilfe! Es ist eine Katastrophe!“

Sanft legt Lucy einen Arm um Belinda. „Beruhige dich. Willst du einen Espresso?“

„Dafür ist keine Zeit!“

Belinda drückt Lucy einen Stoffbeutel in die Hände. „Meine Tanzschuhe sind gerade kaputt gegangen. Der Absatz. Knickknack, ab war er! Du weißt schon, das waren die… Besonderen.“ Das letzte Wort flüstert Belinda Lucy ins Ohr. „Das hier in dem Beutel sind alte. Die sind an sich nicht schlecht, aber eben nicht… besonders. Heute Mittag habe ich ein Vortanzen. Bis dahin brauche ich wieder… besondere Schuhe. Du verstehst?“

Lucy sieht Belinda an. „Meine Schöne. Ich denke, du tanzt in allen Schuhen wunderbar. Denn das Besondere, das bist du.“

„Lucy, nein! Da wiehern ja die Gockel! Stürzen und hinfliegen werde ich ohne die besonderen Schuhe. Ich brauche sie!“

„Ich mache dir jetzt erst einmal einen Espresso, dann sehen wir weiter.“

Lucy brüht einen Espresso für Belinda auf, nimmt den blitzblank gegessenen Teller von Markus‘ Tisch und geht in die Küche.

Die Kirchturmuhr schlägt acht Mal, als Lucy zurück in den Gastraum kommt. In einer Hand hält sie ein fest verkorktes Fläschchen aus braunem Glas, das sie auf Markus‘ Tisch stellt. In der anderen Hand hat sie den Stoffbeutel, den sie Belinda überreicht. Markus küsst Lucy zum Dank sanft auf die Wange, Belinda hüpft vor Freude und umarmt Lucy stürmisch.

Die Kirchturmuhr schlägt neun Mal. Es sind keine Gäste im Café und Lucy poliert die Weingläser. Da erscheint der vertraute Schatten vor dem Fenster. Pfarrer Maier schaut herein. Lucy nickt ihm zu. Diesmal sieht er nicht weg. Er nickt zurück und versucht sich sogar an einem Lächeln. Damit nicht genug. Er öffnet die Tür und betritt das Café. Langsam zwar, zögerlich, aber er kommt herein.

„Grüß Gott“, sagt er und setzt sich an den Tisch, der der Tür am nächsten ist. „Einen Kamillentee, bitte.“

„Kommt sofort“, sagt Lucy lächelnd.

Brockhaus der Woche (32/2018)

Er gefährdet Freiheit und Frieden. Lasst ihm uns Fantasie und Freude an der Vielfalt entgegensetzen!

Fundamentalismus, der, allg. kompromissloses Festhalten an (polit., religiösen) Grundsätzen. – Das Wort F. trat erstmals im Zusammenhang mit einer von prot. Christen (1910-15) in den USA herausgegebenen Schriftenreihe auf. Es waren v.a. vier unverrückbare „Grundwahrheiten“ („fundamentals“), die diese Bewegung charakterisierten: 1) die buchstäbl. Unfehlbarkeit der Hl. Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass die Hl. Schrift keinen Irrtum enthalten könne; 2) die Nichtigkeit aller modernen Theologie und Wiss., soweit sie dem Bibelglauben widersprechen; 3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalist. Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne, und 4) die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn polit. Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren. Der prot. F. tritt neuerdings in den USA bes. mit spektakulären Aktionen gegen Schwangerschaftsabbruch sowie Kampagnen gegen Homosexualität und schul. Sexualerziehung an die Öffentlichkeit.
Der Terminus „F.“ wurde dann auf vergleichbare Erscheinungen in anderen Religionen und schließlich auch auf gleichartige Organisations- und Orientierungsformen nichtreligiöser Art übertragen […]
Aufsehen erregt hat seit den 1970er-Jahren in Europa v.a. der islam. F., der unter der geistl.-polit. Führung des schiit. Religionsführers R.M. Khomeini mit einer kämpferisch antiwestl. Einstellung im Iran an die Macht gelangte und in einer zunehmenden Reihe islamisch geprägter Länder eine erhebl. Polit. Rolle spielt. Anhänger findet der islam. F. bes. bei unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, bei denen sich die Rückkehr zum ursprüngl. Islam zunächst in Äußerlichkeiten (z.B. Kleiderordnung) manifestiert. Geprägt durch eine islamist. Ideologie, daher im westl. Sprachgebrauch seit Anfang der 1990er-Jahre auch Islamismus gen., wird der islam. F. in starkem Maße durch islam. Bruderschaften (Ägypten, Sudan) und islamist. Parteien, Bewegungen und Gruppen (Algerien, Palästina) getragen, die oftmals die terrorist. Gewalt als ein Mittel zur Durchsetzung ihrer in erster Linie polit. Ziele betrachten. In Indien gewinnt seit dem Ende der 1980er-Jahre der politisch organisierte Hindu-F. bestimmenden Einfluss. Der seit Mitte der 1980er-Jahre ebenfalls erstarkte jüd. F. in Israel ist religiös in Teilen des orth. Judentums verwurzelt.

Brockhaus der Woche (31/2018)

Die griechische Vorsilbe „eu“ bedeutet wohl-, gut. Sie macht sogar aus dem möglicherweise bedrohlichen Dämonismus etwas grundsätzlich Erfreuliches.

Eudämonismus der, die Lehre, nach der alles menschl. Handeln durch das Streben nach der (unterschiedlich definierten) Glückseligkeit (Eudämonie) bestimmt wird. Sokrates, Platon, Aristoteles sahen die Erfüllung in einem tugendhaften Leben. Andere dagegen (Epikur, J. Locke u.a.) strebten das Erleben von Lust im Sinne von Schmerzlosigkeit und Seelenruhe an (Hedonismus). Der individuelle (individualist.) E. setzte allein das Glück des Einzelnen als Maßstab; zugleich entwickelte sich der Gedanke, dass das Glück für andere gefunden werden sollte (F. Hutcheson). Aus diesem Sozial-E. entwickelte sich der Utilitarismus (J. Bentham, J.S. Mill).

Und hier noch etwas mehr zu Epikur.

Epikur (grch. Epikuros), grch. Philosoph, *Samos 341 v. Chr., †Athen 271 v. Chr., als Haupt der von ihm 306 gegr. Philosophenschule. Der Kern der Philosophie E.s ist die Ethik (Naturerkenntnis ist lediglich Mittel), ihr Ziel, durch richtiges Denken ein glückseliges Leben zu gewinnen. Der Maßstab der Wahrheit ist die sinnl. Wahrnehmung, auf die sich auch alle Vernunfterkenntnis aufbaut. Wahre Glückseligkeit (Eudämonie) als Wesen des Sittlichen sei nicht durch grobe Sinnenlust, sondern nur durch weise Abwägung des Genusses, durch Selbstbeherrschung, Tugend, Gerechtigkeit erreichbar. Ihre höchste Form sei die unerschütterl. Ruhe der Seele (Ataraxie). E.s Lehre wurde oft zum Hedonismus vergröbert.