Ausgehabend

Helen stand nackt vor ihrem Kleiderschrank. Das schwarze Glitzerkleid oder lieber die ärmellose rote Bluse mit dem neuen Wildlederrock? Sie verschob die Entscheidung und ging zur Kommode, in der sie ihre Strümpfe und Unterwäsche aufbewahrte. Sie griff nach einem schwarzen BH und dem zugehörigen Slip. Unter dem Slip entdeckte sie eine Männersocke; dunkelblau, schon etwas ausgeleiert. Wohl ein Überbleibsel von Thomas. Sie wühlte kurz nach der zweiten Socke, fand sie nicht, nahm dann die eine und warf sie in den Mülleimer im Bad. Adieu, Thomas‘ Socke, murmelte Helen. Thomas hatte sich schon wieder getrennt von seiner Neuen, das wusste Helen von Nadja. Nadja hatte Thomas neulich zufällig im Fitness-Studio getroffen. Sie solle Helen „ganz lieb“ von Thomas grüßen. Nadja war sich sicher, dass Thomas Helen zurückwolle. Das habe sie ihm deutlich angemerkt. Und wenn schon, dachte Helen, ich will ihn nicht zurück.

Helen hatte sich die Unterwäsche angezogen und schlüpfte nun in das schwarze Glitzerkleid, mühte sich kurz mit dem Reißverschluss am Rücken und betrachtete sich dann in der Spiegeltür des Kleiderschranks. So schlank wie vor 15 Jahren war sie nicht mehr, aber das Kleid umschmeichelte ihre Kurven. Die meisten Leute waren erstaunt, wenn sie Helens wahres Alter erfuhren, meist ging sie für Ende 20 durch. Sie stemmte die Hände in die Hüften, kokettierte mit ihrem Spiegelbild und sagte laut: Was soll ich mit Thomas, wenn ich sie alle haben kann? Ihr kesses Lächeln dazu überzeugte sie jedoch noch nicht einmal selbst. Thomas und sie hatten eine schöne Zeit gehabt, zumindest im ersten Jahr. Ob Thomas heute Abend vielleicht auch im Purple Monkey sein würde? Zu Beginn ihrer Beziehung waren sie manchmal gemeinsam dorthin zum Tanzen gegangen.

Helen wollte nicht weiter an Thomas denken. Sie ging ins Bad und begann, ihr Make-up aufzutragen. Lieber kein Mann als der falsche, sagte sie sich. Lieber alleine allein als in der Beziehung allein. Pärchen sind nicht automatisch glücklich… Schlechte Beziehungen im Bekanntenkreis gab es genug. Aber manchmal wäre es einfach schön, wenn sie jemand in den Arm nehmen würde. Wenn jemand beim Fernsehen neben ihr auf der Couch sitzen würde. Wenn sie jemandem von den Erlebnissen im Job erzählen könnte, wenn sie abends nach Hause kam. Helen trug losen Puder auf und tuschte dann die Wimpern nochmal nach.

Aber wie war es denn zum Schluss mit Thomas gewesen? Er hatte zwar neben ihr auf der Couch gesessen, war aber schon sauer gewesen, wenn er einmal nicht das Programm bestimmen konnte. Und meist hatte er geredet und Helen zugehört. Wirklich interessiert hatte er sich am Ende nicht mehr für Helens Sorgen, Wünsche und Träume. Hatte er das jemals?
Helen knipste das Licht im Bad aus. Sie zog die hochhackigen roten Sandalen an, prüfte ihr Spiegelbild ein letztes Mal, versuchte sich wieder an einem Lächeln, diesmal gelang es viel besser. Es wird sicher ein toller Abend, mit der Clique ist es doch immer lustig. Im Flur griff Helen nach ihrem Ausgehtäschchen und dem Autoschlüssel. Als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog, dachte sie: Wer weiß, vielleicht lerne ich heute Abend jemanden kennen.

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